Beim Jazzfest Bonn entfacht Kurt Elling ein energiegeladenes Wechselspiel aus Stimme, Wort und Groove. Zwischen Beat-Poesie, Scatgesang und urbanem Jazz zeigt sich der Sänger als Grenzgänger – begleitet von einer Band, die mehr ist als nur Begleitung: ein atmender Klangkörper. Zuvor erlebten wir Shai Maestro.
Von Dylan C. Akalin
Was hat dieser Mann für eine Energie! Der zweite Abendblock des Jazzfests Bonn in der Bundeskunsthalle geriet am Samstag zu einer konzentrierten Lektion darüber, wie sich zeitgenössischer Jazzgesang zwischen Tradition, Groove und literarischem Anspruch neu verorten kann. Kurt Elling ist ein Unterhalter, der alles gibt, er kämpft von der ersten Sekunde an, der Mann ist Erzähler, Gestalter – und intellektueller Performer, der seine Musik aus der Sprache heraus denkt.

Mit „Sassy“ geht es ziemlich funky los und Elling setzt gleich ein erstes Ausrufezeichen: Die Stimme – nach wie vor dieses baritonal grundierte, elastische Instrument – schwebt über dem Bandgefüge, jagt die Orgel vor sich her, greift immer wieder aktiv in die Dramaturgie ein. Und seine Band – Charlie Hunter (Hybrid-Gitarre), Kenny Banks Jr. (Keyboards) und Marcus Finnie (Schlagzeug) – hat sichtlich Spaß daran, immer wieder gefordert zu werden. Bei „Dharma Bums“ fordert er Charlie Hunter heraus, der uns mit seiner achtsaitigen Hybrid-Gitarre sofort fasziniert, er lässt die Saiten knallen, spielt eisklare Gitarrenläufe, begleitet sich mit dringlichen Bassläufen. Schon hier müssen wir an Johnny „Guitar“ Watson denken –dabei soll später noch eine Nummer von dem stilbildenden Blues-, Soul- und Funkmusiker kommen.
Elling phrasiert gegen den Strich, verschiebt Betonungen, dehnt Silben, als wolle er die Semantik seiner Texte akustisch freilegen. Dabei bleibt sein Timbre warm und kontrolliert, selbst in den Momenten, in denen er die Linien bewusst aufraut.

Es ist immer wieder faszinierend, wie Elling mit Sprache umgeht – seine Texte sind nicht bloß Träger von Bedeutung, sondern selbst musikalisches Material. Worte werden bei ihm gedehnt, zerlegt, neu zusammengesetzt; Die Worte werden mal rausgespuckt wie zerkaute Drops, marktschreierisch rausgehauen, Silben verlieren ihre rein semantische Funktion und gewinnen rhythmische Eigenständigkeit. Gerade in Stücken wie „Dharma Bums“ oder „Manic Panic Epiphanic“ zeigte sich, wie stark er von literarischen Strömungen – Beat-Poesie, urbane Spoken-Word-Traditionen – beeinflusst ist: Bilder tauchen auf, verschwinden wieder, Gedankenketten brechen ab und setzen sich neu zusammen.
Dabei nutzt Elling Scatgesang nicht als virtuose Zierde, sondern als Erweiterung der Sprache selbst. Seine Improvisationen wirken wie ein Übergangszustand zwischen Bedeutung und Klang – Silben werden zu perkussiven Ereignissen, zu melodischen Bausteinen, die sich in den Bandkontext einfügen. Besonders faszinierend ist, wie präzise er dabei rhythmisch arbeitet: Konsonanten werden akzentuiert wie Schlagzeugschläge, Vokale fließen über Taktgrenzen hinweg. So entsteht ein Sprechgesang, der zugleich hochmusikalisch und semantisch aufgeladen bleibt – ein Balanceakt, den Elling mit beeindruckender Souveränität beherrscht. Dabei geht es ihm aber nicht um Vokalakrobatik, sondern immer um Ausdruck.

Das Programm zeigt Elling mit Material, das sich deutlich von seinen früheren, stärker am Great American Songbook orientierten Arbeiten entfernt hat. Stücke wie „Dharma Bums“ oder „Stickin‘ To My Guns“ verweisen auf eine Phase seines Schaffens, in der Beat-Literatur, Spoken-Word-Ästhetik und urbane Grooves zusammenfinden. Die Texte sind dabei zentral: elliptisch, assoziativ, oft mit einem leicht ironischen Unterton. Elling interessiert sich weniger für geschlossene Geschichten als für Zustände – für das Flirren zwischen Großstadtpoesie und existenzieller Reflexion. Das ist zwar insgesamt ungemein spannend und unterhaltsam, aber ich hätte gerne mehr seiner älteren Nummern gehört, als er „unsingbare“ Jazznummern wie „Night Dreamer“ oder „Dolores‘ Dream“ von Wayne Shorter, „Resolution“ von John Coltrane oder „Esperanto“ Vince Mendoza gehört. Immerhin gab es aber „Endless Lawns“ von Carla Bley zu hören, begleitet von einem zurückhaltenden E-Piano. Bei der Nummer zeigt Elling, über welch beeindruckenden Stimmumfang er verfügt.
Eindrücklich und überaus humorvoll gerät „Naughty Number Nine“, wo sich seine Vorliebe für sprachrhythmische Verschiebungen mit einer fast funkigen Lässigkeit verbindet. Hier zeigt sich auch die enorme Bedeutung der Band: Charlie Hunter an der Hybrid-Gitarre fungiert als harmonisches und rhythmisches Zentrum. Sein Spiel ersetzt quasi Bass und Gitarre zugleich, liefert knorrige Basslinien und darüber gelegte Akkordflächen – ein organischer, leicht erdiger Sound, der Ellings oft komplexe Linien erdet.
Kenny Banks Jr. Setzt am Keyboard farbliche Akzente, mal mit flächigen Sounds, mal mit pointierten Einwürfen, die die Texte immer wieder kommentieren, ohne sie zu überlagern. Marcus Finnie am Schlagzeug hält das Ganze zusammen – sein Spiel ist nie aufdringlich, dennoch stets präsent, mit feinem Gespür für Dynamik und Groove. Gerade in „Freeman Square“ und „Gangster of Love“ wird deutlich, wie sehr diese Band auf Interaktion angelegt ist: kein Solistenvehikel, sondern ein atmender Organismus mit Elling als zentraler Körper.
„The Seed“ schließlich bündelt noch einmal viele der zuvor entwickelten Elemente: Groove, Sprachspiel, expressive Stimmführung. Elling zeigt sich hier als Künstler, der sein Material ständig neu formt.
Im Kontext seines Gesamtwerks lässt sich dieses Projekt als konsequente Weiterentwicklung lesen. Der klassische Jazzsänger, der Elling lange Zeit auch war, tritt zugunsten eines Grenzgängers zurück, der sich zwischen Jazz, Beat-Poesie und urbaner Songkunst bewegt. Die Referenzen an die Tradition bleiben hörbar, werden aber nicht mehr ausgestellt – sie sind Material, nicht Ziel.
Dieser Auftritt lebt von Bewegung – nichts steht still, alles drängt nach vorn. Elling sucht die Reibung, spielt mit Risiken, treibt seine Band an und lässt ihr zugleich Raum. Seine Stimme bleibt dabei das Zentrum, kraftvoll, flexibel und jederzeit präsent. So entsteht ein Konzert, das nicht nachwirkt, weil es gefallen will, sondern weil es etwas aufreißt.

Line-up:
Kurt Elling (Vocals), Charlie Hunter (Hybrid-Gitarre), Kenny Banks Jr. (Keyboards), Marcus Finnie (Schlagzeug)
Setlist Kurt Elling
Sassy
Dharma Bums
Stickin‘ To My Guns
Naughty Number Nine
Freeman Square
Gangster of Love
Manic Panic Epiphanic
Endless Lawns
The Seed







