Zwischen Progrock-Mythos und Solokunst: Steve Hackett feiert sich und die Magie von Genesis in der Kölner Philharmonie

Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Steve Hackett verwandelt die Kölner Philharmonie am Sonntag in einen Tempel des Progressive Rock und lässt den Geist von Genesis eindrucksvoll wieder aufleben. Mit neuer Bandbesetzung, epischen Klassikern aus der goldenen Genesis-Ära und atemberaubenden Gitarrensoli entfaltet der ehemalige Genesis-Gitarrist einen Abend voller Dynamik, Klangfarben und musikalischer Magie. Nur bei „The Cinema Show“ gerät der Fluss kurz ins Stocken.

Von Dylan C. Akalin

Steve Hackett ist der Meister des Sustain. Wie eine elastische Sirene zieht er bei „Every Day“ den Ton, der ewig schwingen können zu scheint, bei „The Cinema Show“ lässt er ihn steigen, in sanften Wellenbewegungen, bis in die letzten Winkel des Saals, bis er sich im Dunkeln einen Weg aus den Mauern sucht und entflieht. Steve Hackett, der einstige Gitarrist bei Genesis und Teil der wichtigen frühen Phase der Progrocker, präsentiert sich in der Philharmonie Köln mit Teils neuer Besetzung und in hervorragender Form.

Zwei neue Mitglieder seiner Band stellt er nach der ersten Nummer vor: den schwedischen Keyboard-Virtuosen Lalle Larsson, der das langjährigen Bandmitglied Roger King ersetzt, sowie Felix Lehrmann, den deutschen Schlagzeuger, der die Nachfolge von Craig Blundell antritt. Weiterhin dabei sind Jonas Reingold (Bass, Backing Vocals), Nad Sylvan (Gesang) und Rob Townsend (Saxophon, Flöten, zusätzliche Keyboards).

Set 1: Solo Gems

Die erste Hälfte gehört den Solowerken, die zweite führt tief hinein in die progressive Mythologie von Genesis. Bei der Auswahl seiner Solonummern hat Hackett tatsächlich einige seiner stärksten Songs ausgewählt: „The Devil’s Cathedral“ beginnt mit einem schrägen Intro von Sax und einer schweren Kirchenorgel, die entfernt an „Watcher of the Skies“ erinnert. Auch das blaue Licht im Dunkeln lässt Assoziationen an das Cover der ersten Live-Platte aufkommen. Die Nummer vom Album „Surrender of Silence“ (2021) ist eine düstere, beinahe apokalyptischen Komposition zwischen Prog-Rock, Weltmusik und orchestraler Dramatik. 

Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Hier setzt Hackett zum ersten Mal die Technik des Tapping ein, eine Art des Gitarrenspiels, bei dem Töne erzeugt werden, indem man mit den Fingern der Anschlaghand direkt auf das Griffbrett schlägt und so extrem schnelle Läufe oder Arpeggios spielen kann, die mit normalem Anschlag nur schwer oder gar nicht zu spielen wären. Zu Unrecht wird die Erfindung dieser Spielweise übrigens Van Halen zugewiesen, dabei war es tatsächlich Hackett, der diese Technik schon bei frühen Genesis-Songs anwendete – wie etwa auch später bei „Supper’s Ready“.

Mit „Every Day“ aus „Spectral Mornings“ (1979) wird’s emotional – auch weil das Stück live deutlich kraftvoller und rhythmisch dichter wirkt Hackett entwickelt das hymnische  Gitarrensolo langsam und melodisch, beinahe erzählerisch. 

Neue, zusätzliche Klangfarben

„The Sea Inside“ vom aktuellen Album „The Circus and the Nightwhale“ (2024) bringt moderne symphonische Farben mit leicht keltischer Folklore ins Programm. Townsend setzt mit Flöten- und Saxophoneinsätzen elegante Akzente. Überhaupt erweist sich Townsend im Verlauf des Abends als entscheidender Klangfarbengeber: Mal jazzig, mal pastoral, mal experimentell erweitert er den klassischen Prog-Rock-Sound um zusätzliche Nuancen. Nur einmal gefällt er mir nicht so. Dazu später.

Mit „Ace of Wands“ aus „Voyage of the Acolyte“ (1975) kommt diese frühe Verspieltheit, die Leichtigkeit von flirrenden Keyboards und die dynamischen Ausdruckswechsel ins Spiel. Die instrumentale Komposition verbindet Folk, Jazzrock und progressive Härte. Im Vergleich zur Studiofassung spielt die Band das Stück aggressiver und dynamischer. Vor allem Lehrmann treibt die komplexen Rhythmen mit beeindruckender Energie voran. Besonders Lalle Larsson gefällt mir hier sehr gut, er bringt am Ende einen Hauch von Caravan ins Spiel

Lichtspektakel in der Philharmonie

„The Steppes“ aus „Defector“ (1980) entfaltet anschließend orientalisch angehauchte Melodien, die besonders Reingolds Bass intensiviert, und eine fast meditative Atmosphäre. Hackett zeigt hier seine große Stärke als Klangmaler: Wenige Töne genügen, um Spannung aufzubauen. Einfach nur genießen! Dazu das tolle Lichtspiel, die Reflektionen an der hohen Decke, die da wie Wassertropfen zu hängen scheinen. „Camino Royale“ („Highly Strung“, 1983) bringt dagegen jazzigere Elemente ein und gibt Larsson Gelegenheit, seine enorme technische Flexibilität zu demonstrieren. Townsend glänzt hier mit jazzigem Solo auf dem Tenor, zu dem da Keyboard ein paar schräge Sounds beisteuert. Hackett zeigt sich hier von einer angenehm kantigen Seite.

Tolle Lichteffekte: Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin

Der Höhepunkt des ersten Sets ist schließlich „Shadow of the Hierophant“ aus „Voyage of the Acolyte“ (1975). Das Stück steigert sich von fragiler Melancholie, die zunächst wie von einer Spieluhr zu kommen scheint, zu monumentaler Intensität. Das finale Gitarrensolo Hacketts wächst langsam zu einem eruptiven Höhepunkt an, bei dem die Basspedale körperlich erfahrbar werden. Das Publikum flippt danach richtig aus.

Set 2: Best of Genesis

Nach der Pause beginnt der Genesis-Block mit „Dancing With the Moonlit Knight“ aus „Selling England by the Pound“ (1973). Der Song behandelt den Verlust kultureller Identität und die zunehmende Kommerzialisierung Großbritanniens. Sylvan interpretiert die surrealen Texte mit melancholischer Theatralik statt mit Gabriels exzentrischer Schärfe. Musikalisch wirkt die Live-Version härter und rhythmisch drängender als das Original.

Nad Sylvan: Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

„The Cinema Show“ – ebenfalls von Selling England by the Pound – verbindet romantische Sehnsucht mit literarischen und mythischen Bildern. Besonders das lange instrumentale Finale entwickelt enorme Sogwirkung. Larsson orientiert sich zwar an Tony Banks’ klassischem Keyboardstil, bringt aber zugleich moderne Fusion-Elemente und größere Transparenz ins Klangbild. Hier gibt es von mir den einzigen Kritikpunkt des Abends: Beim ikonischen Instrumentalteil fehlt bisweilen die Wucht des Originals, der ganz kurze Break fehlt, Townsend macht mit seinem Sopransaxophon etwas zu viel Firlefanz, und ich meine, der Keyboarder wäre eine Spur zu langsam. Tatsächlich fehlt mir diese besondere Dynamik, die der treibende 7/8-Takt von Mike Rutherford und Phil Collins sonst so auf den Punkt gehalten wird. Und durch das Aufteilen des Solos zwischen dem Bläser und dem Keyboarder wird diese Spannung leider etwas flacher.

Das kurze „Aisle of Plenty“ leitet elegant zu Larssons Keyboardsolo über. Der neue Keyboarder nutzt diesen Moment nicht zur bloßen technischen Demonstration, sondern verbindet virtuose Läufe mit atmosphärischer Gestaltung und jazzigen Harmonien. Große Klasse!

Die Relevanz von Genesis

Ja, das Publikum ist mit Genesis alt geworden. Dennoch gibt es jede Menge junger Leute, die zu diesem Abend gekommen sind. Immerhin gilt Genesis auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung als eine der prägendsten Bands der Rockgeschichte, nicht nur weil sie Progressiven Rock mit eingängigen Popmelodien verbanden , nicht nur weil sie sich dabei ständig neu erfanden, weil sie dem Pop eine zusätzliche Dimension verpassten. Von den experimentellen Jahren mit Peter Gabriel bis zur weltweiten Pop-Phase mit Phil Collins als Frontmann schuf die Band einen Stil, der sowohl musikalisch anspruchsvoll als auch massentauglich war. Songs wie „Invisible Touch“, „Mama“ oder „In the Air Tonight“ leben heute in Streaming-Playlists, TikTok-Clips, Soundtracks und Memes weiter und machen Genesis auch für jüngere Generationen relevant. Und das ist gut so.

Die Entwicklung der Band ist einzigartig: Genesis schafften den Übergang vom komplexen Prog-Rock der 1970er zu global erfolgreichen Popalben der 1980er, ohne ihre künstlerische Identität völlig aufzugeben. Klassiker wie „The Lamb Lies Down on Broadway“ oder „Selling England by the Pound“ gelten bis heute als Meilensteine des Progressive Rock und beeinflussen Musiker unterschiedlichster Genres. 

Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin

Ich verfolge Genesis seit Jahrzehnten. 1975 erlebte ich sie mit nicht mal 17 Jahren das erste Mal live. Ich werde nie vergessen, wie ich als Teenager in der Hörkabine des Radiogeschäfts „Watcher of the Skies“ hörte. Ich musste dieses Album einfach haben. Das war etwas völlig anderes als alles, was damals im Radio lief. Seitdem hat die Faszination von Genesis nie nachgelassen. Diese einzigartige Verschmelzung von Klassik, Folk, Rock und Soul, diese symphonischen Klangwelten, die teilweise rätselhaften Texte, die komplexen, mehrteiligen Songstrukturen, das klassisch geprägte Keyboardspiel und Steve Hacketts atmosphärische Gitarrenarbeit, die Theatralik, die hymnisch-emotionalen Momente, der immer wieder aufblitzende britische Humor – das alles machte die Band aufsehenerregend

Und so kamen mir an diesem Abend viele emotionale Erinnerungen. Und vielen anderen ging es an diesem Abend sicher nicht viel anders.

„Firth of Fifth“ und „Supper’s Ready“

Mit „Firth of Fifth“ erreicht der Abend einen weiteren emotionalen Höhepunkt. Das Stück aus „Selling England by the Pound“ lebt vom Kontrast zwischen klassischer Eleganz und emotionaler Rockdramaturgie. Die Band setzt hier wuchtig ein. Das berühmte Gitarrensolo Hacketts ist wieder zum Niederknien, das Saxsolo etwas langsamer, aber intensiv und auch das Keyboardsolo kommt stark rüber.

Der monumentale Abschluss des Hauptprogramms gehört „Supper’s Ready“ aus „Foxtrot“ (1972), hier live um zwei Minuten länger als die 23-Minuten-lange Suite über spirituelle Suche, Endzeitvisionen, den Kampf von Gut und Böse und Erlösung. Die Band meistert die zahlreichen stilistischen Wechsel souverän: pastorale Folkpassagen, bizarre psychedelische Episoden und eruptive Rockausbrüche greifen organisch ineinander. Sylvan übernimmt die unterschiedlichen Erzählerrollen mit großer Ausdruckskraft. Reingold und Lehrmann halten das komplexe rhythmische Gerüst jederzeit flexibel zusammen, während Townsend mit der Querflöte stark am Original bleibt. Das dramatische Ende verziert Hackett mit einer schönen Improvisation.

Die Zugaben zeigen schließlich die härtere, rhythmischere Seite des Genesis-Materials. „Dance on a Volcano“ aus „A Trick of the Tail“ (1976) lebt von nervöser Energie und komplexen Taktwechseln. Lehrmann nutzt sein Drumsolo zur Demonstration seiner Klasse. Mit „Los Endos“, ergänzt um Fragmente aus „Slogans“, endet der Abend schließlich triumphal und mit enormer Wucht. Ein Wahnsinn! Zwei Stunden und 20 Minuten Glückseligkeit. Ganz, ganz toller Abend. Das Publikum jubelt der Band stehend zu.

Felix Lehrmann: Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Setlist Steve Hackett Köln 2026

Set 1: Solo Gems

The Devil’s Cathedral
Every Day
The Sea Inside
Ace of Wands
The Steppes
Camino Royale
Shadow of the Hierophant

Set 2: Best of Genesis

Dancing With the Moonlit Knight
The Cinema Show 
Aisle of Plenty
Lalle’s Keyboard Solo
Firth of Fifth
Supper’s Ready

Encore:

Dance on a Volcano
Felix’s Drum Solo
Los Endos / Slogans / Los Endos

Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit Jonas Reingold in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit Jonas Reingold (r.) und Rob Townsend in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Lalle Larsson: Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Einfach immer gut: Nad Sylvan, Sänger in der Steve Hackett Band in Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Felix Lehrmann: Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin
Steve Hackett mit neuer Band in Köln FOTO: Dylan C. Akalin