Weiß geschminktes Gesicht, irrwitzige Fingertechnik und ein musikalischer Ritt zwischen Metal, Bluegrass, Jazz und Rockabilly: John 5 verwandelt den Club Volta in Köln in eine virtuose, überraschend vielseitige Rockshow. Gemeinsam mit Drummer Joey Aguirre liefert der Mötley-Crüe-Gitarrist ein Instrumentalkonzert voller Energie, Stilbrüche und Spielfreude – weit entfernt von steriler Gitarrenakrobatik.
Von Dylan C. Akalin
Der Mann mit dem weiß geschminkten Gesicht, den im Dunklen fast verschwindenden wachen Augen und den schwarzen Zick-Zack-Linien, die sich von den Mundwinkeln bis fast zu den Ohren ziehen, spricht nicht viel an diesem Abend. Aber er hat sichtlich Freude an seinem Live-Auftritt im Club Volta in Köln, an seinem Stilmix, den er wie ein Gitarrenmagier geradezu zelebriert.
Ja, es gibt Gitarristen, die ihre Virtuosität wie eine Trophäe vor sich hertragen. Und es gibt John 5. Der langjährige Saitenzauberer von Marilyn Manson, der John William Lowery einst diesen Namen verpasste, Rob Zombie und aktuelle Mötley-Crüe-Gitarrist stellt am Samstagabend eindrucksvoll unter Beweis, dass technische Perfektion dann am stärksten wirkt, wenn sie mit Spielfreude, Witz und stilistischer Offenheit verbunden wird. Das rein instrumentale Konzert gerät dabei keineswegs zu einer sterilen Fingerübung für Gitarren-Nerds, sondern entwickelt über weite Strecken eine erstaunliche Dynamik und Unterhaltungskraft.
Neuer Schlagzeuger Joey Aguirre
John 5‘s neuer Schlagzeuger Joey Aguirre eröffnet das Konzert mit wuchtigem Spiel zunächst alleine vor dem von gleißendem Licht bestrahlten Transparent mit dem weißen Totenkopf mit der großen „5“ auf der Stirn. Der Auftakt mit „Wicked World“ gerät zu einem Intro voller rasanter Läufe, messerscharfen Riffs und sensationellem Zusammenspiel zwischen Gitarrist und Drummer. Und Gott sei Dank genießen wir einen Sound, der trotz aller Komplexität druckvoll und transparent bleibt. Das war bei der Vorgruppe South of Salem aus Bournemouth/England zuvor leider anders…

Mit Joey Aguirre hat John 5 einen guten Griff getan. Aguirre spielte präzise, energisch und mit genau jenem Gespür für Groove, das diese Musik mit den wechselnden Stilen benötigt, um nicht in bloßer Technik zu erstarren. Besonders bei den abrupten Stilwechseln zwischen Metal, Bluegrass, Funk, Jazz und Country zeigt sich, wie aufmerksam und flexibel das Zusammenspiel funktioniert.
Polka im Schnelldurchlauf
John 5 selbst wirkt über den gesamten Abend entspannt, trotz der bisweilen rasanten Passagen überhaupt nicht wie ein Getriebener seiner selbst. Der Mann lächelt und genießt den Applaus, das Mitgehen der Fans. Mit sichtbarer Freude jagt er durch Stücke wie „The Ghost“, diesem Polka im Schnelldurchlauf, „Strung Out“, dieser Hummelflug mit den schrägen Einlagen, oder das furiose „Fiend“, das passagenweise an Yngwie Malmsteen erinnert und bei denen sich irrwitzige Picking-Techniken mit schweren Groove-Passagen abwechseln. Gerade „Six Hundred and Sixty Six Pickers in Hell, CA“ gerät dabei zu einer Demonstration dessen, warum John 5 seit Jahren als einer der technisch versiertesten Gitarristen des Rock- und Metal-Kosmos gilt. Was auf Platte manchmal fast überfrachtet wirkt, entfaltete live eine enorme Energie. „Howdy“ wiederum ist eine Hommage für Bill Monroe, der Godfather des rasanten Bluegrass.

Bemerkenswert ist bei diesem Künstler jedoch weniger die Geschwindigkeit als die stilistische Offenheit des Programms. Immer wieder bricht John 5 die metallische Grundstimmung auf und führt das Publikum in völlig andere Klangwelten. Das jazzige „How High the Moon“ zeigt seine Liebe zu klassischen Standards und zum Jazzgitarren-Meaestro Les Paul, während „Georgia (On My Mind)“ beinahe andächtig und ebenfalls ziemlich jazzig interpretiert wird. Für einen kurzen Moment verwandelt sich der Club Volta in eine verrauchte Bar irgendwo im amerikanischen Süden. Und so manchen Song dürfte er auch in der Grand Ole Opra in Nashville spielen. Solche Momente verhindern wirkungsvoll, dass das Set in Monotonie abrutscht.
Queen-Cover „Crazy Little Thing Called Love“
Überhaupt lebt der Abend von Kontrasten. Auf das verspielte Queen-Cover „Crazy Little Thing Called Love“ folgt mit „I Am John 5“ wieder ein brachialer Ausbruch aus Industrial-Riffs und Hochgeschwindigkeits-Soli. „You Me and the Devil Makes Three“ verbindet düsteren Groove mit Southern-Rock-Anleihen, ehe „Deviant“ die Härteschraube erneut anzieht. Dass all diese Stilbrüche dennoch organisch wirken, liegt an John 5‘s bemerkenswertem Gespür für Dramaturgie.
Auch optisch bleibt das Konzert eigenwillig. John 5 verzichtet auf große Gesten oder Rockstar-Posing. Stattdessen spricht die Musik – und natürlich die Gitarren. Immer wieder wechselt er die Instrumente, zwischendurch auch mal zum Bass. Doch trotz aller Show bleibt der Fokus klar auf dem musikalischen Handwerk.
Mötley-Crüe-Medley
Das Publikum im Club Volta honoriert diese Mischung aus Virtuosität und Unterhaltung mit sichtlicher Begeisterung. Besonders bei dem abschließenden Mötley-Crüe-Medley und der Zugabe „Sweet Dreams (Are Made of This)“ verwandelt sich der Saal endgültig in eine euphorische Rockparty.
Ein außergewöhnlicher Konzertabend, der weit mehr bietet als bloße Gitarrenakrobatik. John 5 präsentiert sich als musikalischer Grenzgänger, der mühelos zwischen Metal, Country, Jazz und Rockabilly pendelt und daraus eine völlig eigene Handschrift formt. Gemeinsam mit Joey Aguirre gelingt ihm im Club Volta ein toller Instrumentalkonzert – laut, virtuos und angenehm unberechenbar.





