Ein Album wie ein wiederentdecktes Kapitel: „From a Page“ zeigt Yes in einer kreativen Zwischenphase und entfaltet als Expanded & Remastered Edition den Klang eines „Was wäre gewesen, wenn“. Zwischen epischer Prog-Architektur, emotionaler Tiefe und seltenen Einblicken ins Studio entsteht das Porträt einer Band im Übergang – und ein spätes Vermächtnis von Yes-Legende Chris Squire. Das Album erscheint am 24. April 2026.
Von Dylan C. Akalin
Schon beim ersten Stück „To The Moment“ umhüllt uns dieses leicht euphorische Wohlgefühl, das von Yes-Songs ausgehen kann. Da stimmt einfach alles. Gefühl, Melodie, Energie. Es gibt Alben, die wieder auftauchen und uns genau an diese Gefühle erinnern. „From a Page“ von Yes gehört dazu: ein Werk aus der Zwischenzeit, ein Palimpsest aus Ideen, Skizzen und beinahe vollendeten Visionen. In seiner nun vorliegenden Expanded & Remastered Edition, besonders auf Doppelvinyl, wirkt es wie ein verspätetes Kapitel Bandgeschichte – eines, das nie geschrieben, aber irgendwie in einer diffusen Zwischenzeit entstand und immer nachhallte.
Die Aufnahmen führen zurück ins Jahr 2010, in eine Phase, in der Yes sich selbst neu sortierten. Mit Benoît David am Mikrofon und Oliver Wakeman an den Keyboards arbeitete die Band an Material, das schließlich – zumindest in Teilen – im späteren Album „Fly From Here“ aufging. Doch Personalwechsel sind bei Yes selten bloß organisatorische Randnotizen; sie greifen tief in die musikalische Substanz ein. Als Wakeman die Band verließ und Geoff Downeszurückkehrte, verschoben sich Klangfarben, Arrangements, letztlich ganze kompositorische Linien. „From a Page“ dokumentiert genau diesen Moment der Abzweigung – die Straße, die nicht weiter beschritten wurde.
„To the Moment“
Was die erste Vinylplatte dieser Edition entfaltet, ist daher mehr als eine Sammlung übrig gebliebener Tracks. Es ist, mit etwas gutem Willen, ein vollständiges Yes-Album, das nur zufällig nie offiziell als solches erschien. Ich muss wieder zum Opener kommen: „To the Moment“ trägt jene schwerelose Dynamik, die Yes seit den Siebzigern auszeichnet: hinreißende Gitarrenlinien von Steve Howe, die wieder mal so episch, darüber ein Gesang, der zwischen Klarheit und Fragilität oszilliert. Es ist ein Einstieg, der sofort klarmacht, dass hier kein Archivstaub aufgewirbelt wird, sondern lebendige Musik.
Besonders reizvoll wird es dort, wo sich Vergleiche aufdrängen. „The Man You Always Wanted Me to Be“, später in veränderter Form veröffentlicht, klingt hier offener, weniger geschniegelt. Wakemans Keyboards schaffen Räume statt Flächen, lassen Luft zwischen den Tönen – ein subtiler, aber entscheidender Unterschied. Überhaupt scheint diese Version von Yes weniger am Retro-Futurismus der 1980er interessiert als an einer organischen Fortschreibung des klassischen Prog-Gedankens. Und dann kommt noch hinzu, wie Oliver Wakeman in seiner persönlichen Notiz auf den Linernotes hinweist, dass es ein Vermächstnis des kurze Zeit später verstorbenen Chris Squire ist.
Mit „Into the Storm“ erreicht das Album seinen dramaturgischen Höhepunkt. Die mehrteilige Struktur, die Wechsel zwischen ruhigen Passagen und eruptiven Ausbrüchen, die motivischen Rückbezüge – all das erinnert daran, dass Yes immer dann am stärksten sind, wenn sie das Format des Songs sprengen. Hier wird deutlich, dass diese Sessions durchaus das Potenzial für ein großes, zusammenhängendes Werk hatten.
„Aliens“
Und dann ist da „Aliens“, noch ein Stück aus der Feder von Chris Squire, das lange nur live existierte. In dieser Studiofassung entfaltet es eine eigentümliche Mischung aus Erdung und Weite: der Bass als treibende Kraft, darüber ein beinahe hymnischer Aufbau. Es gehört zu jenen Momenten, in denen man spürt, wie zentral Squires Spiel für die Identität von Yes war – und wie sehr sein Fehlen heute nachhallt.
Die zweite LP der Edition verschiebt die Perspektive. Hier geht es nicht mehr um das Werk, sondern um seine Entstehung. Demos, alternative Fassungen, Fragmente – Material, das im klassischen Veröffentlichungslogik verborgen geblieben wäre. Gerade darin liegt sein Reiz. Stücke wie „Updraft“ wirken wie offene Skizzenbücher, in denen sich Motive ankündigen, die später in ausgearbeiteter Form wiederkehren. Andere Tracks bleiben bewusst unvollständig, fast spröde. Doch gerade diese Unfertigkeit erlaubt einen seltenen Blick auf den kreativen Prozess: Musik nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern als fortwährende Bewegung.
Dass diese Edition klanglich so überzeugend funktioniert, ist kein Zufall. Das Remastering holt eine Transparenz aus den Aufnahmen, die ihnen zuvor fehlte. Auf Vinyl – gerade in dieser sorgfältigen Doppelpressung – entfalten die Stücke eine Tiefe, die ihre komplexen Strukturen erst wirklich nachvollziehbar macht. Linien treten hervor, die zuvor im Gesamtklang verschwammen; Details gewinnen Gewicht.
Am Ende bleibt „From a Page“ ein paradoxes Werk. Es ist gleichzeitig Fragment und Ganzes, Rückblick und Neuentdeckung. Für eingefleischte Hörer von Yes eröffnet es eine alternative Bandbiografie – ein „Was wäre wenn“, das erstaunlich konkret klingt. Für alle anderen ist es vielleicht der beste Beweis dafür, dass selbst im Unveröffentlichten, im Beiseitegelegten, oft noch jene Funken stecken, die große Musik ausmachen.
Oder anders gesagt: Manche Seiten fehlen nicht – sie werden einfach später gelesen.