Was für ein hinreißender Abend beim Jazzfest Bonn am Samstagabend in der Bundeskunsthalle: Shai Maestro und sein Quartett haben uns mit ungewöhnlichen Soundscapes bezaubert. Gemeinsam mit Gadi Lehavi (Keyboards, Electronics), Jorge Roeder Bass) und Ofri Nehemya (Drums) entfaltet Maestro vielmehr eine fein austarierte Expedition durch unterschiedliche Klangräume – zwischen lyrischer Intimität und elektronisch aufgeladener Dringlichkeit. Danach gab es noch einen ungemein gut aufgelegten Kurt Elling zu erleben!
Schon der Auftakt mit „Vertigo“ setzt die Koordinaten dieses Abends: ein kreisendes Motiv, das sich allmählich verdichtet, während Maestro zwischen akustischem Klavier und subtil eingesetzten Electronics changiert. Lehavi agiert dabei weniger als zweiter Pianist denn als Erweiterung des klanglichen Spektrums – mit schimmernden Flächen, Echos und Gegenlinien, die sich wie Schatten um Maestros Motive legen.

„The Time Bender“ geht nahezu übergangslos aus der Energie des Openers hervor und erinnert in seiner rhythmischen Dringlichkeit stellenweise an das Esbjörn Svensson Trio. Ein hymnisches Thema eröffnet zunächst eine fast Broadwayhafte Wärme, bevor sich die Klangwelt ins Schräge verschiebt. Besonders Lehavis Solo wird hier zum erzählerischen Höhepunkt: Es beginnt rau und kantig, wie eine Fahrt über eine unebene Piste, um sich dann zu klären, zu öffnen – und schließlich mit federnder Eleganz abzuheben. Maestro reduziert sich währenddessen auf minimalistische, fast stoische Impulse, die dem Ganzen eine eigentümliche Spannung verleihen. Am Ende findet die Band wieder zusammen, als würde sie nach einem Umweg gemeinsam heimkehren.
Maestro wendet sich anschließend ans Publikum und formuliert so etwas wie das ästhetische Credo des Abends: Es geht ihm nicht allein um Virtuosität oder Spielfreude, sondern um Aufgeschlossenheit – um die Bereitschaft, sich ins Unbekannte zu begeben. Diese Haltung wird unmittelbar hörbar im folgenden „Sleepwalking Roses“. Eingeleitet von einem langen, gestrichenen Basssolo Roeders, das wie ein klagendes, nahöstlich gefärbtes Lamento wirkt, entwickelt sich das Stück zu einer knapp siebzehnminütigen Reise in die innere Dynamik der Band. Der Einstieg des Pianos – zart, fast tastend – und das allmähliche Hinzutreten der übrigen Musiker wirken dabei wie konzentrische Wellen, die sich nach und nach ausbreiten.

Mit „Refuge“ zeigt sich exemplarisch, wie sehr dieses Quartett Spannung aus Reduktion gewinnen kann. Kaum hörbare Schlagzeugimpulse, ein fast atemlos stiller Saal, dann allmählich dichter werdende Texturen: Das Piano grollt wie ein fernes Gewitter, bevor sich das Stück in eine energiegeladene, beinahe psychedelische Fusion entlädt. Kurzzeitig droht das Geschehen ins Chaos zu kippen – eine aus den Fugen geratene Spieluhr –, ehe Maestro die Linien wieder bündelt und in eine überraschend helle, fast euphorische Auflösung führt.
„Nature Boy“ beginnt hingegen mit einem irritierend futuristischen elektronischen Intro: Klangpartikel, die wie Radiowellen zwischen Vergangenheit und Zukunft oszillieren, verwandeln sich allmählich in eine beinahe handpanartige, karibisch anmutende Figur. Als Schlagzeug und Klavier einsetzen, schält sich das Thema organisch heraus, wird vom Bass aufgegriffen und weitergesponnen, während der Synthesizer es umkreist, fragmentiert und neu zusammensetzt.

Nicht jeder Moment des gut 75-minütigen Konzerts hält diese Dichte – im Mittelteil wirken einige Passagen leicht ausgedehnt, verlieren kurzzeitig an Kontur. Doch selbst hier bleibt das Zusammenspiel auf bemerkenswertem Niveau: Vier Musiker, die einander mit wacher Aufmerksamkeit begegnen und musikalische Ideen im Moment formen.
Den Abschluss bildet schließlich „Chickster“, eine Hommage an Chick Corea, die das zuvor eher introvertierte Set in ein offenes, energetisches Finale überführt. Komplexe Rhythmen, dichte Akkordschichtungen und ein spürbarer, fast rockiger Impuls bündeln sich zu einem kraftvollen Schluss.
Der Applaus fällt lang und konzentriert aus. Shai Maestro und sein Quartett liefern beim Jazzfest Bonn einen nachhaltig wirkenden Abend.




