Von Dylan C. Akalin
Das Finale des Jazzfests Bonn im Telekom Forum setzt auf Kontraste. Hier das Fuchsthone Orchestra, ein großformatiges Kollektiv um Christina Fuchs und Caroline Thon, das sich programmatisch zwischen Improvisation, Zeitgeist-Kommentar und orchestraler Klangforschung bewegt. Dort später das UMO Helsinki Jazz Orchestra, das mit Präzision, Swing und kontrollierter Modernität zeigt, wie zwingend eine große Jazzformation klingen kann. Der Abend gerät dadurch weniger zu einem Spannungsbogen als zu einer Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Auffassungen davon, was zeitgenössischer Jazz heute sein will.

Das Fuchsthone Orchestra beginnt sperrig, oft bewusst sperrig. Viele Stücke setzen auf freie Schichtungen, fragmentierte Motive und tastende Übergänge, die sich erst allmählich verdichten. Das wirkt allerdings nicht immer organisch. Manche Kompositionen erscheinen eher bemüht konstruiert als tatsächlich entwickelt, als fehle ihnen ein innerer roter Faden. Gerade die häufig eingestreuten Manifest- und Kapitalismuskritik-Passagen wirken dabei inzwischen etwas plakativer, als sie vermutlich gemeint sind. Zumal ein Festival wie das Jazzfest Bonn ohne große Sponsoren aus der Wirtschaft kaum denkbar wäre – und ebenso wenig Ensembles dieser Größe. Da wäre weniger moralischer Überbau womöglich mehr gewesen.
Musikalisch besitzt das Ensemble dennoch starke Momente. Besonders „Lai Nairs“ entwickelt mit seinen cineastischen Spannungsflächen plötzlich Atmosphäre und Kontur. Die orchestralen Linien erinnern dabei stellenweise angenehm an die Klangwelten eines Lalo Schifrin – jazznah, filmisch, elegant arrangiert. Hier entsteht endlich ein Sog, der zuvor oft nur behauptet wird.

Überhaupt liegt die Stärke des Orchesters weniger im großen Konzept als in den einzelnen Musikerpersönlichkeiten. Leider werden diese zu selten wirklich ins Zentrum gerückt. Dabei ist das Niveau der Beteiligten enorm. Roger Hanschel setzt gleich zu Beginn von „Savita“ auf dem Sopranino-Saxophon ein Solo von faszinierender Intensität: scharf konturiert, nervös vibrierend und doch voller melodischer Klarheit. Es ist einer jener Momente, in denen plötzlich alles zusammenfindet. Auch Laia Genc hätte man sich deutlich häufiger solistisch gewünscht; ihre wenigen Passagen lassen sofort aufhorchen. Gleiches gilt für Evi Filippou, die dem Ensemble mit Vibraphon und perkussiven Farben oft jene klangliche Beweglichkeit verleiht, die den Kompositionen ansonsten bisweilen abgeht.
„Taksim“ wiederum kündigt urbane Klangräume und musikalische Gegensätze zwischen Tradition und Moderne an, bleibt in der Umsetzung aber überraschend zurückhaltend. Gerade die Ambivalenz, für die Istanbul und der Stadtteil Taksim stehen – Diversität, Reibung, Widersprüche –, wird musikalisch kaum greifbar. Stattdessen dominieren gegen Ende eher erwartbare orientalische Klangfarben. Die versprochenen urbanen Sounds treten dagegen zu wenig hervor. Das Stück illustriert damit exemplarisch ein Problem dieses ersten Konzertteils: Vieles wird konzeptionell aufgeladen, ohne musikalisch wirklich eingelöst zu werden.
Hinzu kommt die ermüdend lange Pause von weit mehr als drei Viertelstunden. Gerade bei den Doppelkonzerten des Jazzfests ziehen sich diese Unterbrechungen inzwischen regelmäßig unnötig in die Länge und nehmen dem Abend Rhythmus und Spannung.
UMO Helsinki Jazz Orchestra feat. Jazzmeia Horn
Umso stärker wirkt danach der zweite Teil mit dem UMO Helsinki Jazz Orchestra. Plötzlich entsteht jene Selbstverständlichkeit, die zuvor oft fehlte. Die finnische Bigband spielt mit beeindruckender Präzision, federndem Groove und einer Eleganz, die selbst komplexe rhythmische Brechungen leicht erscheinen lässt. Unter der Leitung von Jukka Eskola bleibt der Sound stets transparent und beweglich.
Im Zentrum aber steht Jazzmeia Horn. Mit natürlicher Autorität, enormer Bühnenpräsenz und vokaler Beweglichkeit verbindet sie klassischen Jazzgesang mit moderner Ausdruckskraft, ohne jemals manieriert zu wirken. Das UMO Orchestra begleitet sie nicht bloß, sondern atmet mit ihr. Nach dem eher verkopften ersten Teil des Abends wirkt dieses Konzert fast befreiend unmittelbar.
So endet das Jazzfest Bonn mit einem Finale, das zwei Pole des zeitgenössischen Jazz offenlegt: hier das ambitionierte, manchmal überfrachtete Konzeptdenken des Fuchsthone Orchestra, dort die konzentrierte musikalische Klarheit der Finnen. Der nachhaltigere Eindruck entsteht dabei eindeutig im zweiten Teil des Abends.

FOTO: Heike Fischer, Köln