Zwischen Fjord und Wüste: Jan Garbarek eröffnet das Jazzfest Bonn 2026 mit schwebender Klangpoesie – und dominanter Rhythmusgewalt

Jazzfestbonn mit Jan Garbarek Band FOTO: Dylan Akalin

Ein Auftakt voller Weite, Stille und eruptiver Energie: Jan Garbarek und sein Quartett entfalten in der Beethovenhalle zur Eröffnung des Jazzfest Bonn ein faszinierendes Klangpanorama zwischen nordischer Melancholie und weltmusikalischer Ekstase – getragen von feiner Klangarchitektur, aber auch herausgefordert durch die mitunter übermächtige Präsenz von Trilok Gurtu.

Von Dylan C. Akalin

Es gibt wohl kaum einen Musiker, der uns emotional innerhalb weniger Takte von der mongolischen Steppe auf die regennassen Straßen eines nächtlichen Paris, von der klirrenden Kälte norwegischer Fjorde in die marokkanische Wüste versetzen kann wie Jan Garbarek mit seinem Sound, der mit sehnsüchtiger Weite und leidenschaftlicher Nähe, kühler Ruhe und erhabener Stille arbeitet. Schon mit dem Opener „Entering“ aus dem Album „Places“ (1978) schafft er mit Rainer Brüninghaus (Klavier, Keyboards), Yuri Daniel (Bass), und Trilok Gurtu (Schlagzeug, Percussion) diesen bekannten Klangraum aus folkloristischer Schlichtheit und edler Imposanz. Es folgt mit „Gautes-Margjit“, „Stroll“ und „Riddevall Og Grisilla“ ein Ineinandergreifen von flirrender Leichtigkeit, intellektueller Raffinesse und roher, elektrischer Kraft, besonders verstärkt durch die Energie von Trilok Gurtus Schlagwerkarbeit, und Jazz-Fusion mit klassischer indischer Musik wie wir es von John McLaughlins Shakti-Projekt kennen darf bei dieser Besetzung auch nicht fehlen – inklusive Konnakol, bei der Gurtu rhythmische Silben zum Perkussionsspiel vokalisiert.

Jazzfest Bonn 2026: Jan Garbarek am 17.04.2026 in der Beethovenhalle Bonn FOTO: Heike Fischer

„Riddevall Og Grisilla“ endet mit der Melancholie eines Trauermarsches und gibt die Bühne frei für ein sechsminütiges Basssolo von Yuri Daniel, der an diesem Abend mit einem fantastischen Sound glänzt. Sein Solo mit dem Titel „Her Love“ schlägt die Brücke über Jaco Pastorius bis Stanley Clark, er spielt rhythmische Loops ein, über die er mal rasante Linien, mal ruhige Melodien spielt. Einfach wundervoll.

Zu flirrenden, fast flüchtigen Rhythmen tanzt das Sopransaxophon bei „Hurtig“ geradezu auf dem Drahtseil, während es dann im Thema unisono mit den tiefen Registern des Piano dahingleitet. Das Zusammenspiel mit Trilok Gurtus hier sehr fein gespielten Passagen ist so filigran, dass es auf Messers Schneide balanciert.

Jazzfestbonn mit Jan Garbarek Band FOTO: Dylan Akalin

Gerade in diesen Momenten zeigt sich die besondere Qualität von Rainer Brüninghaus, dessen Spiel sich jeder vordergründigen Virtuosität verweigert. Brüninghaus ist kein Pianist der großen Gesten, sondern einer der klanglichen Setzungen: seine Akkorde stehen wie fein gearbeitete Säulen im Raum, oft reduziert auf wenige Töne, dafür mit umso größerer Wirkung. Er arbeitet mit Wiederholungen, mit minimalen Verschiebungen, mit einem fast schon kammermusikalischen Gespür für Balance. Dabei nutzt er auch die elektronischen Klangflächen nie als Selbstzweck, sondern als atmenden Hintergrund, der Garbareks Linien trägt. Besonders in „Khach“ und später in seinem Solo „Phonon“ wird diese ästhetische Haltung deutlich – eine Musik des Andeutens, nicht des Ausformulierens, auch wenn er in seinem Solo gegen Ende mit grollenden und donnernden Passagen einmal seine wuchtige Seite zeigt. Am Flügel entwirft er ein feines Geflecht aus motivischen Fragmenten, tastend, suchend, von beinahe klassischer Klarheit – ein Innehalten, das im Kontext dieses Konzerts wie ein Atemholen wirkt.

Jazzfest Bonn 2026: Jan Garbarek am 17.04.2026 in der Beethovenhalle Bonn FOTO: Heike Fischer

Demgegenüber steht die schier unerschöpfliche Energie von Gurtu, die den Abend über weite Strecken prägt – und mitunter auch für meinen Geschmack zu sehr dominiert. Ohne Frage ist seine Virtuosität beeindruckend: die Kombination aus klassischem Schlagzeug, zahllosen Percussion-Instrumenten und dem Einsatz von Konnakol verleiht der Musik eine rhythmische Komplexität, die ihresgleichen sucht. Doch gerade in den dichteren Passagen, etwa in „Slavic Fandango“ oder den eruptiveren Momenten von „Hurtig“, verschiebt sich das Gleichgewicht bisweilen spürbar zugunsten der Perkussion.

Das ist nicht per se ein Problem, aber es nimmt der Musik gelegentlich jene schwebende Offenheit, die Garbareks Klang eigentlich auszeichnet. Wo dessen Linien Raum und Stille brauchen, setzt Gurtu mitunter zu viele Akzente, zu viele Impulse. Die Musik verliert dann kurzzeitig ihre Weite und wird erdiger, dichter, fast körperlich – was reizvoll sein kann, aber nicht immer mit der ätherischen Qualität des Saxophons korrespondiert.

Trilok Gurtu bei Jazzfest Bonn 2026: Jan Garbarek am 17.04.2026 in der Beethovenhalle Bonn FOTO: Heike Fischer

Indes: Trilok Gurtu öffnet uns ein besonderes Tor zur Welt. Seine Percussions klingen wie eine ganze Erzählung – von der stillen Gebetsgeste bis zum ekstatischen Ausbruch. Handbecken, Wasserpercussion, Trommeln, Körperklänge – jedes Geräusch ist bewusst gesetzt, doch nie berechnet. Gurtu spielt nicht nur Rhythmus, er spielt Zeit – ihre Dehnung, ihr Fließen, ihre Pulse, wie Wind sich über einen Ozean legt, mal federleicht, mal kantig.

In den leiseren Momenten, wenn Gurtu sich zurücknimmt und mit bloßen Händen, sanften Beckenstrichen oder subtilen Klangfarben arbeitet, entsteht genau jene fragile Magie, die diesen Abend trägt. Dann greifen alle vier Musiker ineinander, als würden sie einen gemeinsamen Atem finden.

Mit „Pan“, „Saunter“ und dem titelgebenden Stück „Spellbound“ verdichtet sich die Dramaturgie des Abends noch einmal. Gerade „Spellbound“ entfaltet jene typische Mischung aus tranceartiger Wiederholung und melodischer Weite, die Garbareks Musik seit Jahrzehnten prägt. Es ist Musik, die sich Zeit nimmt, die nicht auf Pointe spielt, sondern auf Zustand.

Trilok Gurtu beim Jazzfest Bonn 2026 mit Jan Garbarek FOTO: Dylan Akalin

„Nu Bein’“ ist ein Stück, das fast beiläufig wirkt und doch die Essenz des Abends in sich trägt: das Spiel mit Raum, mit Stille, mit der Suggestion von Landschaft.

Die Zugabe „Pygmy Lullaby“ schließlich wirkt wie ein leiser Nachklang, ein Zurücknehmen aller zuvor aufgebauten Intensität. Kein großes Finale, kein Pathos – eher eine fragile, fast zerbrechliche Meditation. Garbarek bleibt der große Poet der Leere, Brüninghaus der harmonische Bildhauer, Daniel der Bindeglied zwischen Himmel und Erde – und Gurtu der Schamane des Rhythmus, der den Abend mit seiner magischen Präsenz prägt. Das Publikum ist hingerissen und applaudiert, die Band muss mehrfach auf die Bühne kommen.

Ein toller Auftakt des Jazzfest Bonn 2026, der verspricht, was Jazz in Bonn wieder werden kann – grenzenlos, offen, geistig tief. 

Jazzfest Bonn 2026: Jan Garbarek am 17.04.2026 in der Beethovenhalle Bonn FOTO: Heike Fischer
Jazzfestbonn mit Jan Garbarek Band FOTO: Dylan Akalin
Fotoaufnahmen während des Jazzfest Bonn 20Standing Ovation: Jazzfest Bonn 2026: Jan Garbarek am 17.04.2026 in der Beethovenhalle Bonn FOTO: Heike Fischer