Hier fragile Suche, dort nordische Souveränität: Caris Hermes und Hildegunn Øiseth spielen beim Jazzfest Bonn im Pantheon mit ihren Bands

Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin

Zwei Bands, zwei Klangwelten – und ein Abend, der seine Spannung aus Gegensätzen bezieht: Während Caris Hermes am Mittwochabend im Pantheon mit feinsinniger, aber nicht immer gefestigter Kammermusik eröffnet, entfaltet Hildegunn Øiseth im zweiten Set eine dichte, souveräne Klangpoesie von beeindruckender Geschlossenheit. Es ist der dritte Abend beim Jazzfest Bonn 2026.

Von Dylan C. Akalin

Den Auftakt macht die Bassistin Caris Hermes mit ihrem Quartett. Gemeinsam mit Leon Hattori und Jörg Brinkmann und später für zwei Nummern mit dem libanesischen Sänger Rabih Lahoud entfaltet sich eine kammermusikalisch geprägte Klangsprache, die stark von Interaktion und feinen Abstufungen lebt. Besonders hervor sticht dabei Hattori am Piano: Sein Spiel ist klar, präsent und zugleich sensibel, setzt Akzente, ohne sich aufzudrängen, und verleiht Stücken wie „Trust“ oder „Home“ eine elegante Struktur.

Bassisten Caris Hermes mit Band beim Jazzfest Bonn 2026 FOTO: Dylan Akalin

Auch das Zusammenspiel von Cello und Gesang gerät zu einem der stärksten Momente des Sets. Brinkmann und Lahoud finden eine gemeinsame, fast intime Sprache – warm, dicht und erzählerisch. 

Die Bandleaderin selbst bleibt an diesem Abend jedoch ambivalent. Caris Hermes sorgt zwar immer wieder für das Fundament, wirkt in ihren Soli jedoch stellenweise erstaunlich unsicher. Manche Linien scheinen sich vom musikalischen Geschehen zu lösen, als bewegten sie sich in einem anderen Stück. Das Zusammenspiel verliert dadurch kurzzeitig an Fokus – Momente, in denen die Musik auseinanderdriftet, bevor sie sich wieder fängt. Das schmälert nicht die Qualität des Ensembles insgesamt, sorgt aber für Irritationen in einem ansonsten fein austarierten Set.

Starker Auftritt von Hildegunn Øiseth und ihrer Band

Nach der Pause betritt Hildegunn Øiseth mit ihrem Quartett die Bühne – und verschiebt den Fokus in Richtung nordischer Klangpoesie, aber auch in Richtung Klasse. Die Schwächen im Zusammenspiel der ersten Band werden plötzlich klarer. Denn hier kommen Musiker zusammen, die derart stark aufeinander eingehen, eine stilvolle Verschmelzung ihres Spiels zu einem Gesamtklangbild präsentieren, dass es ein einziger Ohrenschmaus ist.

Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin

Zwischen Trompete, Bukkehorn und Stimme entfaltet die Bandleaderin eine Musik, die tief in folkloristischen Traditionen nicht nur ihrer norwegischen Heimat verwurzelt ist und zugleich offen in den Jazz hineinragt, da klingen auch ihre Erfahrungen und ihre Kollaborationen mit Musikern aus Pakistan und Nahost durch. Stücke wie „Hildegunn Vuelie“ oder „Skoddefall“ wirken wie weite, kühle Landschaften, durchzogen von einer klaren, oft meditativen Ruhe. „Lost And Found“ wirkt bisweilen wie ein Klagelied von Beduinen

Letztes Jahr schon faszinierend

Pianist Espen Berg glänzt mit einem farbenreichen, flexiblen Spiel, während Magne Thormodsæter und Per Oddvar Johansen das Geschehen mit großer Sensibilität tragen. Øiseth hatte uns ja schon als Solistin beim Sarah Chaksad Large Ensemble im vergangenen Jahr beim Jazzfest fasziniert, da hatte ich geschrieben, ich wünschte, diese Musikerin einmal mit ihrem eigenen Ensemble live zu erleben. Ich hätte nicht gedacht, dass Festivalchef Peter Materna meinen Wunsch so schnell erfüllen würde.

Øiseth ist nicht nur an ihrer Trompete und als Komponistin ein Talent. Die Trompete nutzt sie nicht nur als melodieführendes Instrument, mit elektronischen Effekten begleitet sie ihre Mitmusiker auch mal mit verfremdeten Sounds oder lässt es wie tierische Schreie klingen. Erstaunlich ist, was sie aus dem Bukkehorn, einem Ziegenhorn, alles für Klangfarben herausholt. Mal klingt er wie eine Mischung aus Block- und Panflöte, dann wieder wie das Wimmern eines animalischen Wesens, dann wieder wie das Pfeifen eines Vogels oder eine orientalische Klarinette.

Besonders eindringlich wirken „About Peace“ und „Refugee Anthem“, in denen Øiseth ihrer Musik eine spürbare politische Dimension verleiht. „About Peace“, das sie schon als „noisy“ ankündigt, lässt ihre Kritik an zu viel Palaver statt Handeln der politischen Akteure gut interpretieren, da sind Passagen, in denen alle Instrumente heftig miteinander um die Wortführung streiten, bevor am Ende alle „Delegationen“ wie eine Karawane weiterziehen. Sehr eindrucksvoll.

So entsteht ein Abend, der von Gegensätzen lebt und gerade daraus seine Stärke bezieht: hier die fragile, stellenweise suchende Kammermusik des ersten Sets, dort die geschlossene, atmosphärisch dichte Klangwelt des zweiten. 

Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin

Die Bands und ihre Setlists

Hildegunn Øiseth (Trompete, Bukkehorn, Vocals) Espen Berg (Piano) Magne Thormodsæter (Bass) Per Oddvar Johansen (Schlagzeug) 

Setlist:

Hildegunn Vuelie
Safe Mode
Manana
Skoddefall
Lost and Found
About Peace
Whatever
Luringen
Refugee Anthem

Caris Hermes (Bass), Rabih Lahoud (Vocals). Leon Hattori (Piano), Jörg Brinkmann (Cello)

Setlist:

Extraordinary People
Delighted
Amber Sky
Trust
Herzlicht
Ziryab
Home
Zugabe: Abeyance

Bassisten Caris Hermes mit Band beim Jazzfest Bonn 2026 FOTO: Dylan Akalin
Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin
Bassisten Caris Hermes mit Band beim Jazzfest Bonn 2026 FOTO: Dylan Akalin
Bassisten Caris Hermes mit Band beim Jazzfest Bonn 2026 FOTO: Dylan Akalin
Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin
Hildegunn Øiseth mit ihrer Band FOTO: Dylan Akalin