Das Montréaler Avantgarde-Label Ambiances Magnétiques erweitert seinen Katalog um zwei bemerkenswerte Neuerscheinungen, die am 17. April 2026 auf CD und digital erscheinen werden. Beide Produktionen werden über den traditionsreichen Vertrieb DAME (Distribution Ambiances Magnétiques Etcetera) zugänglich gemacht und spiegeln eindrucksvoll die künstlerische Bandbreite des Labels wider: vom literarisch inspirierten Jazz bis zur radikal offenen Improvisation.
Jean Derome und Somebody Special: Neue Lesarten von Steve Lacy
Die erste Veröffentlichung stammt von Jean Derome, Mitbegründer von Ambiances Magnétiques und seit Jahrzehnten eine der prägendsten Figuren der Québecer Musikszene. Der 1955 geborene Multiinstrumentalist wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und arbeitete im Laufe seiner Karriere mit internationalen Improvisationsgrößen wie Lê Quan Ninh, Fred Frith, Chris Cutler, Tristan Honsinger, Tom Cora sowie dem Quartett von Louis Sclavis zusammen.

Sein neues Album „Le sourire“ entstand mit der All-Star-Formation Somebody Special und knüpft an das Konzept ihres selbstbetitelten Debüts an: eine kreative Neuinterpretation der Songs des amerikanischen Saxofonisten und Komponisten Steve Lacy. Derome selbst ist auf Althorn, Bassflöte und gelegentlich auch als Sänger zu hören.
Zum Ensemble gehören zudem zwei enge Weggefährten aus Deromes langjährigem Trio: Bassist Normand Guilbeault und Schlagzeuger Pierre Tanguay. Ergänzt wird die Gruppe durch die legendäre Montréaler Sängerin Karen Young sowie den Pianisten Alexandre Grogg, dessen dichtes und zugleich elegantes Spiel den Arrangements zusätzliche Tiefe verleiht.
Die Songs von Steve Lacy waren stets eng mit Literatur verbunden. Auch „Le sourire“ folgt dieser Spur: Texte von Autorinnen und Autoren wie Anna Akhmatova, Samuel Beckett, Robert Creeley, Bob Kaufman und Judith Malinabilden die Grundlage für Musik, die zwar klar im Jazz verankert ist, sich jedoch bewusst als lebendige, offene Kunstform versteht – mit viel Raum für Spiel, Überraschung und improvisatorische Entdeckungen.
Platanus: Klangräume zwischen Elektronik und Posaune
Deutlich abstrakter präsentiert sich die zweite Veröffentlichung des Labels. „Platanus“ dokumentiert die Zusammenarbeit der in Toronto lebenden Komponistin und Improvisatorin Allison Cameron mit dem Montréaler Posaunisten Scott Thomson.

Gemeinsam erschaffen sie ein schwebendes, beinahe körperlos wirkendes Klangfeld, das sich vollständig aus spontaner Improvisation entwickelt. Thomsons ausgeprägtes Gespür für Klangfarben und Timbres verbindet sich dabei mit Camerons ungewöhnlicher Instrumentierung. Eine zentrale Rolle spielt der Crackle Synthesizer, ein flexiblerer Verwandter der experimentellen Crackle Box. Darüber hinaus kommen weitere Keyboards – hörbar etwa ein Casio SK-1 – sowie Tonbandmaterial zum Einsatz.
Das Resultat ist eine Musik, die sich einfachen Kategorien entzieht und gerade dadurch eine starke Sogwirkung entfaltet. Die fragile, halb entrückte Klangwelt wirkt mitunter, als würde sie aus einer anderen Realität in den Raum hineinströmen.

Das Album ist dem kanadischen Improvisationskünstler und Intermedia-Pionier Nobuo Kubota gewidmet, der im September 2025 im Alter von 93 Jahren verstarb. Cameron und Thomson hatten zuvor häufig gemeinsam mit Kubota musiziert; der auf der Aufnahme verwendete Crackle Synthesizer gehörte ursprünglich dem verstorbenen Künstler.
Veröffentlichung im April
Beide Alben erscheinen am 17. April 2026 auf CD und in digitalen Formaten. Vorbestellungen werden in Kürze über die Plattformen des Labels möglich sein.
Mit „Le sourire“ und „Platanus“ unterstreicht Ambiances Magnétiques einmal mehr seine Rolle als wichtiger Motor der nordamerikanischen Improvisationsszene – zwischen literarisch inspiriertem Jazz und radikal offener Klangforschung.
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