Zwischen Swing und Spiritualität: Isaiah J. Thompson legt mit „The Book of Isaiah: Modern Jazz Ministry“ sein bislang persönlichstes Album vor

Von Dylan C. Akalin

Mit „III. Spring Flower, Sprung Flower“ legt Isaiah J. Thompson die vielleicht programmatischste Vorab-Single seines neuen Albums The Book of Isaiah: Modern Jazz Ministry vor – einer Platte, die sich anschickt, das schwierige Verhältnis von Bekenntnis, Biografie und Jazztradition neu zu vermessen. Das Album erscheint am 6. Juni bei Mack Avenue Records und ist weniger als eine stilistische Volte denn als ein existenzielles Dokument zu verstehen.

Zwischen Kanzel und Club

Der Titel Modern Jazz Ministry ist bewusst gewählt. Thompson reklamiert kein Gospel-Crossover und auch keine gefällige Spiritual-Jazz-Reminiszenz, sondern eine persönliche Predigt im Idiom des Mainstream. Das ist mutig – und riskant. Denn wer im Jazz von Glauben spricht, steht unweigerlich im Schatten von Monumenten: der sakralen Suiten von Duke Ellington, der kompromisslosen Liturgie von Mary Lou Williams, der metaphysischen Ekstase eines John Coltrane oder der spirituellen Selbstvergewisserung eines Wynton Marsalis. Thompson kennt diese Ahnenreihe genau – und stellt sich ihr mit bemerkenswerter Demut.

Bereits der Opener „I. The Cakewalk Dilemma“ deutet an, dass hier nicht gepredigt, sondern reflektiert wird. Der Cakewalk, einst parodistische Aneignung weißer Tanzformen durch versklavte Afroamerikaner, wird zur Chiffre für Identitätsfragen zwischen Rasse, Tradition und kultureller Selbstbehauptung. Thompson swingt federnd, fast augenzwinkernd – doch unter der eleganten Oberfläche lauert eine historische Spannung.

Die Taufe als musikalischer Wendepunkt

„Spring Flower, Sprung Flower“ ist das emotionale Zentrum der Platte. Thompson beschreibt das Stück als Erinnerung an seine Taufe und an die tägliche Entscheidung, im Glauben zu bleiben. Das klingt zunächst nach Bekenntnislyrik – doch musikalisch geschieht etwas Raffinierteres: Ein bluesdurchtränktes Thema wächst aus einem schlichten Motiv, das sich wie eine Knospe öffnet. Der Swing ist lebensbejahend, aber nie triumphalistisch; die rechte Hand phrasiert mit perlender Klarheit, während die linke mit erdigem Puls dagegenhält.

Gerade hier zeigt sich, wie sehr die Verletzung – eine beidseitige Tendinitis, die seine Karriere zeitweise infrage stellte – Thompsons Spiel verändert hat. Wo früher virtuose Überfülle stand, herrscht nun Ökonomie. Pausen bekommen Gewicht. Linien atmen. Es ist, als habe die körperliche Krise eine geistige Öffnung erzwungen. Die Frage „Wer bin ich, wenn ich nicht spiele?“ hallt in diesen Takten nach – und wird durch das Spiel selbst beantwortet.

Tradition als Verantwortung

Dass Thompson zwei Abschlüsse der Juilliard School besitzt und mit Größen wie Christian McBride gearbeitet hat, hört man seiner Technik an – aber entscheidender ist sein Geschichtsbewusstsein. The Book of Isaiah bewegt sich souverän im Vokabular des Hard Bop, der liturgischen Suite, der Ballade. Doch anstatt Stile zu zitieren, integriert Thompson sie in eine persönliche Dramaturgie.

„IV. In the Temple (Spiritual Warfare)“ arbeitet mit insistierenden Ostinati und fast kämpferischen Akzenten des Schlagzeugs – hier wird Glaube als Auseinandersetzung begriffen. „V. The Feeling of Freedom“ dagegen öffnet harmonisch weite Räume, als wolle es die Verheißung klanglich ausdehnen. Besonders berührend gerät „VI. Our Father Who Art in Heaven (The Lord’s Prayer)“: kein pathetisches Statement, sondern eine intime, beinahe kammermusikalische Lesart des Gebets.

Isaiah J. Thompson FOTO: Evelyn Freja

Unterstützt wird Thompson von einem Ensemble, das sensibel auf jede Nuance reagiert. Tenorsaxofonist Julian Lee phrasiert mit warmer, predigender Klangfarbe; Schlagzeuger Miguel Russell hält die Balance zwischen Drive und Andacht. Co-Produzent und Mentor Cyrus Chestnut – selbst tief im kirchlichen Jazz verwurzelt – sorgt dafür, dass das Album nie ins Devotionale abgleitet, sondern im swingenden Hier und Jetzt verankert bleibt.

Glaube ohne Pathos

Das Entscheidende an Modern Jazz Ministry ist vielleicht, was es nicht tut: Es missioniert nicht. Thompson stellt Fragen, die größer sind als er selbst – nach Identität, nach Selbstwert jenseits des Erfolgs, nach der Rolle des schwarzen Künstlers in einer säkularen Öffentlichkeit. Dass er dafür ausgerechnet den Jazz wählt, ist folgerichtig: Diese Musik war immer auch ein spirituelles Gefäß, selbst wenn sie im Club stattfand.

Im abschließenden „VIII. The Prophet“ verschränken sich Stimme, Piano und Ensemble zu einem kollektiven Bekenntnis. Doch es bleibt ein offenes Ende – kein Amen, sondern ein Innehalten.

So ist The Book of Isaiah: Modern Jazz Ministry weniger eine fromme Fingerübung als ein Reifedokument. Isaiah J. Thompson beweist, dass Traditionsbewusstsein und persönliche Krise, Virtuosität und Verletzlichkeit, Spiritualität und Swing einander nicht ausschließen. Im Gegenteil: Aus dieser Spannung wächst jene Blume, von der er singt – frisch, verletzlich, erneuert.

Album Tracklist

I. The Cakewalk Dilemma

II. The Highest Calling (Asé, Yahweh)

III. Spring Flower, Sprung Flower

IV. In the Temple (Spiritual Warfare)

V. The Feeling of Freedom 

VI. Our Father Who Art in Heaven (The Lord’s Prayer) 

VII. A Prayer 

VIII. The Prophet