Erinnern als Rettung? Van Morrison sucht auf „Remembering Now“ nach dem verlorenen Zauber

Van Morrison FOTO: Lewis McClay

Von Dylan C. Akalin

Wenn Van Morrison ein neues Album ankündigt, ist das längst mehr als nur ein weiterer Eintrag in einer Diskografie, die seit den Sechzigern wächst wie ein knorriger Baum am Ufer des Lagan. Es ist ein kulturgeschichtliches Ereignis – oder zumindest der Versuch, an jene Momente anzuknüpfen, in denen Morrison Popmusik in metaphysische Erfahrung verwandelte. „Remembering Now“, das am 13. Juni 2025 über Virgin Music erscheint, verspricht genau das: Rückkehr zu den „transzendenten Rhapsodien“, zu Soul, Jazz, Folk, Blues – zu jener schwer fassbaren Essenz, die man einmal ehrfürchtig „Van the Man“ nannte.

Und tatsächlich: Schon der Opener „Down To Joy“ – vielen bekannt aus Kenneth Branaghs Film Belfast – schwingt sich mit Big-Band-Gesten und beschwörenden Streichern in lichte Höhen. Es ist ein warmer, offener Klang, der an frühere Sternstunden erinnert, an die sakrale Innigkeit von Avalon Sunset oder die hymnische Gelöstheit von Into the Music. Morrison phrasiert mit jener altersweisen Gelassenheit, die nicht mehr beweisen muss, sondern beschwört. Seine Stimme ist brüchiger geworden, aber gerade darin liegt ihre Autorität.

Remembering Now knüpft bewusst an die großen Themen an: Liebe als spirituelle Kraft („Someone Like You“, „The Only Love I Ever Need Is Yours“), Eskapismus als Selbstrettung („Once In A Lifetime Feelings“) und – natürlich – die Topografie der eigenen Jugend. Im Titelstück und in „Stomping Ground“ streift Morrison durch die Straßen seiner Erinnerung, als könne er durch bloßes Benennen verlorene Zeit bannen. Wenn in „When the Rains Came“ textliche Fäden zu „Brown Eyed Girl“ gezogen werden, ist das mehr als Nostalgie – es ist Selbstzitat als Mythospflege.

Musikalisch bleibt vieles vertraut: Richard Dunn an der Hammondorgel, Stuart McIlroy am Klavier, Pete Hurley am Bass, Colin Griffin am Schlagzeug – ein eingespielter Zirkel, der Morrison seit Three Chords and the Truth begleitet. Die von Fiachra Trench arrangierten Streicher legen einen weichen Teppich unter die Songs, ohne sie ins Sentimentale kippen zu lassen. Alles ist rund, organisch, handwerklich über jeden Zweifel erhaben.

Und doch bleibt ein Schatten.

In den vergangenen Jahren ist Morrison nicht nur musikalisch aufgefallen. Seine umstrittenen, teils verschwörungsideologisch aufgeladenen Texte während der Pandemie haben viele langjährige Hörer irritiert, manche vor den Kopf gestoßen. Was einst als trotzige Eigenwilligkeit galt, kippte bisweilen in eine Verbitterung, die dem Humanismus seiner besten Werke widersprach. Gerade deshalb wirkt Remembering Now wie ein bewusster Gegenentwurf: weniger Groll, mehr Gnade; weniger Pamphlet, mehr Poesie.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: Reicht das?

So schön diese Lieder fließen, so gekonnt sie Tradition und Alterswerk verbinden – das Risiko bleibt gering. Morrison variiert seine ewigen Themen, aber er sprengt sie nicht mehr. Die Ekstase früherer Jahre, dieses existenzielle Drängen, das Alben wie Astral Weeks zu Offenbarungen machte, blitzt nur noch stellenweise auf. Stattdessen dominiert eine abgeklärte Rückschau. Das kann man würdevoll nennen – oder bequem.

Vielleicht ist Remembering Now genau das Album, das Morrison im Jahr 2025 machen kann: eines, das versöhnt, statt zu provozieren; das sich erinnert, statt zu kämpfen. Für enttäuschte Hörer könnte es eine vorsichtige Annäherung sein. Für treue Fans ist es eine Bestätigung dessen, was sie immer geliebt haben.

Ein spätes Werk also, das mehr bewahrt als erneuert. Aber wenn Van Morrison singt „Haven’t Lost My Sense of Wonder“, dann möchte man ihm glauben – selbst wenn man weiß, dass das Staunen heute leiser geworden ist.