BEAT in Düsseldorf: Wie King Crimsons Klanglabor wieder zum Leben erwacht, zeigen Adrian Belew, Steve Van, Tony Levin und Danny Carey

BEAT: (v.l.) Steve Vai, Adrian Belew, Tony Levin und Danny Carey. FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Steve Vai lässt in „The Sheltering Sky“ orientalisch gefärbte Klanglandschaften entstehen, Tony Levin und Danny Carey errichten rhythmische Monumente, während Adrian Belew die Songs mit seinen unverwechselbaren Sounds prägt. BEAT verwandeln die Musik der King-Crimson-Alben „Discipline“, „Beat“ und „Three of a Perfect Pair“ in ein packendes Konzerterlebnis zwischen Prog-Rock, Jazz-Fusion und Avantgarde. Warum „The Sheltering Sky“, „Frame by Frame“ und „Red“ zu den Höhepunkten eines außergewöhnlichen Abends in der Mitsubishi Electric Hall Düsseldorf gehörten.

Von Dylan C. Akalin

Ganz schön schräge Töne schlägt Steve Vai an. Der Mann, der als Stunt-Gitarrist mit verdammt flinken Fingern bekannt ist, bleibt ruhig und scheint jeden einzelnen Ton auszukosten – mit der Ruhe eines Zen-Meisters. Und tatsächlich hat „The Sheltering Sky“ mit seinem schwebender Grundpuls etwas Meditatives. Mit einem klassischen Rockgroove hat die Nummer, die starke Anleihen bei modaler Musik aufweist, nicht viel zu tun. Und Vai bedient sich bei seinem Spiel bisweilen auch orientalischen Skalen, erst später bei seinem zweiten Solo lässt er das Tier raus, rast mit den Fingern übers Griffbrett. Tony Levin und Danny Carey erzeugen ein kreisendes Fundament, während die Gitarren von Vai und Adrian Belew darüber scheinbar freischweben. Für mich ein Highlight dieses Abends in der Mitsubishi Electric Hall Düsseldorf mit BEAT, wie sich Adrian Belew, Steve Vai, Tony Levin und Danny Carey nach einem Album von King Crimson nennen.

BEAT in Düsseldorf FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Ich war schon gespannt, wie das Quartett die frühen Achtziger-Phase von King Crimson, immer schon eine Art Sound- und Musiklaboratorium von Mastermind und Gitarrist Robert Fripp, in die Gegenwart transformieren würden. Wir erleben einen Abend, an dem der komplexe Klangkörper zwischen Prog-Rock, Jazz-Fusion, Avantgarde, Funk und zeitgenössischer Rhythmuskunst von den rund 1600 Fans schon einiges an Durchhaltevermögen abverlangt, vor allem im ersten Set. Der zweite Teil ist weitaus eingänglicher, sogar Tänzer sammeln sich im hinteren Teil der Halle. 

Unterschiedliche Biografien

Im Zentrum stehen vier Musiker mit doch recht unterschiedlichen musikalischen Biografien: Adrian Belew, der als Gitarrist, Sänger und Klangforscher seit Jahrzehnten zu den eigenwilligsten Stimmen des Progressive Rock gehört, lange zu King Crimson gehörte und zeitweise auch die Band von Frank Zappa erweiterte, mit David Bowie und Talking Heads spielte. Dann ist da Tony Levin, dessen präzises, melodisches Bassspiel und Einsatz des Chapman Stick den Sound von King Crimson entscheidend geprägt haben und ein unverzichtbarer Teil von Peter Gabriels Band ist; Steve Vai, auch bei Zappa großgeworden, der mit seinem virtuosen, fast orchestral gedachten Gitarrenspiel eine neue Perspektive in diese Musik einbringt; und Danny Carey, Mitglied der ikonischen Tool, dessen polyrhythmische Schlagzeugkunst die ohnehin komplexen Strukturen noch weiter öffnet. Careys Spielweise verbindet Präzision mit körperlicher Wucht. Wo die ursprünglichen King-Crimson-Schlagzeuger Bill Bruford und später Pat Mastelotto stark aus Jazz und Fusion kamen, bringt Carey eine moderne, fast rituelle Energie ein. Gefällt mir.

Die Setlist folgt konsequent der Phase der King-Crimson-Alben „Discipline“, „Beat“ und „Three of a Perfect Pair“ – jener Ära also, in der Robert  den Progressive Rock radikal neu definierte: weniger romantische Klanglandschaften, mehr mathematische Präzision, afrikanische Polyrhythmik, Minimalismus und die Verschmelzung von Rock und moderner Komposition. 

Den Auftakt macht mit „Neurotica“ (vom Album „Beat“, 1982) und der gesprochenen Einleitung vom Band ein Stück, das mehr urbane Collage, mehr direkte Anknüpfung an die Beat-Literatur als Rock ist. 

Beat-Generation

Der Bandname und der Titel des früheren KC-Albums BEAT verweist ja bekanntlich auf eine kulturelle, philosophische und literarische Bewegung hin: auf die Beat-Generation der Nachkriegszeit, deren Autoren die bürgerlichen Gesellschaft und ihre Normen ihrer Zeit infrage stellten. Die Titelwelt des King-Crimson-Albums „Beat“ von 1982 bewegt sich direkt in diesem Umfeld. Belew und Fripp greifen nicht nur musikalische Ideen auf, sondern auch die Atmosphäre einer Generation, die unterwegs ist, Grenzen überschreitet und nach neuen Formen des Ausdrucks sucht.

Besonders deutlich wird das bei „Neal and Jack and Me“ aus demselben Album, das zweite Stück an diesem Abend. Der Titel nennt zwei zentrale Figuren der Beatnik-Szene: Neal Cassady und Jack Kerouac. Cassady war die charismatische Inspirationsfigur hinter Dean Moriarty in Kerouacs Roman „On the Road“. Der Song ist musikalisch eine Reisebewegung: Die Gitarren treiben vorwärts, ohne dominant zu sein, die rhythmischen Muster wirken wie eine Fahrt ohne festen Zielpunkt. King Crimson übersetzt den Geist der Beat-Generation in eine moderne Klangsprache.

Tony Levin – Meister am Chapman Stick. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Diese ganze Musik an diesem Abend lebt von Verschiebungen, von den in der King-Crimson-Ästhetik dieser Phase bekannten ungewöhnlichen Taktarten, vom  permanenten Gegeneinander und Miteinander verschiedener rhythmischer Ebenen. „Heartbeat“ bildet vielleicht eine Ausnahme in diesem ersten Set, ist es doch musikalisch deutlich emotionaler, weniger intellektuell verschachtelt.

„Sartori in Tangier“ mit dem fantastischen Stickman-Intro von Tony ist eines der faszinierendsten Instrumentalstücke, nicht nur rhythmisch, sondern auch aufgrund der von Steve Vai geschaffenen Ostinato-Strukturen, Belews geisterhaften Sounds, die leichten metrischen Verschiebungen. Die Nummer weist sicherlich auch eine Nähe zu Steve Reich. Vai greift zudem in seinem Spiel nordafrikanisch inspirierte Atmosphären auf. 

Nach dem überwiegend im 4/4 Takt von „Model Man“, das von den komplexen Akzentverschiebungen in den Gitarren lebt, folgt mit „Dig Me“ einer der experimentellsten Songs des Abends. Die abgehackten Drums, die Breaks und Donner in den maschinenartigen Wiederholungen, die mehr in Ausruf als Gesang ausufernden Vocals, sind in der Beat-Version mehr Avantgarde als eine frühe Verbindung von Rock und industrieller Klangästhetik. 

Fantastische Gitarrenläufe sind seine Spezialität: Steve Vai. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

„Man With an Open Heart“ ist in der Version des aktuellen Quartetts zwar exakt so kurz wie das Original, kommt mir aber dennoch mehr wie ein Zwischenspiel vor. „Industry“ ist vielleicht das radikalste Stück des ersten Sets. Belews abgefahrene Sounds, sein geradezu psychedelisches Solo, die fetten Akkorde zu den Trommeln, Vais sägende Gitarre in den repetitiven Mustern, die schroffe Wendung am Ende zu den geradezu comic-haften Sounds, ist beeindruckend 

Das Set beendet „Larks‘ Tongues in Aspic Part III“ (Three of a Perfect Pair, 1984), eine Nummer, die die Crimson-Welten der 1970er und 1980er verbindet. Vais Solo könnte auch in einem Zapps-Stück erschienen sein, aber leider viel zu kurz. Ein fetter, körperlich zu spürender Bass entlässt uns in die Pause. 

Set 2

Der zweite Set-Teil beginnt mit „Waiting Man“ (Album: Beat, 1982), einer Komposition, die afrikanisch beeinflusste Rhythmen mit der typischen King-Crimson-Ästhetik verbindet. Carey steht bei diesem Song vorne auf der Bühne und arbeitet an den Trommeln. „Sleepless“ (Three of a Perfect Pair, 1984) kann man vielleicht so beschreiben: King Crimson trifft Funk. 

Bei „Frame by Frame“ (Album: Discipline, 1981) laufen zwei Gitarrenlinien scheinbar unabhängig voneinander und verschmelzen trotzdem zu einem gemeinsamen Klangbild. Es ist musikalische Konstruktion und emotionale Wirkung zugleich. Vais Tapping ist grandios, Tonys Stickman ein einziger Wahnsinn, Belews Arpeggios zum Davonfliegen. 

„Matte Kudasai“ (Discipline, 1981) setzt einen bewussten Gegenpol. Nach all den rhythmischen Verwicklungen entsteht ein Moment der Ruhe. Der Song zeigt, dass King Crimson nie nur von Technik lebt, sondern immer auch von Atmosphäre , von Melodie, von Gefühl, vom Moment der Schönheit.

„Elephant Talk“ bringt die spielerische Seite zurück. Sprache wird zerlegt, Wörter werden zu Rhythmusbausteinen. „Three of a Perfect Pair“ (Three of a Perfect Pair, 1984) verbindet Eingängigkeit mit komplexem musikalischem Denken. Mit „Indiscipline“ (Discipline, 1981) explodiert die Energie noch einmal. Die Mischung aus gesprochenem Text, aggressiver Rhythmik und kontrollierter Härte zeigt die besondere Kraft dieser Band.

Die Zugabe schlägt anschließend eine Brücke zurück in die Vergangenheit. „Red“ (Album: Red, 1974) wirkt wie ein Monolith. Das berühmte Riff besitzt noch immer dieselbe Wucht. „Thela Hun Ginjeet“ (Discipline, 1981) verbindet Funk, Avantgarde und urbane Erzählkunst. Ein fantastischer Abend voller Entdeckungen.

Tool-Drummer Danny Carey ist in Düsseldorf mit BEAT: FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Setlist BEAT, Düsseldorf

Set 1:

1.Neurotica (Spoken lyrics played on tape)

2. Neal and Jack and Me

3. Heartbeat

4. Sartori in Tangier 

5. Model Man

6. Dig Me

7. Man With an Open Heart

8. Industry

9. Larks Tongues in Aspic (Part III)

Set 2:

10. Waiting Man

11. The Sheltering Sky 

12. Sleepless (w/ Funk Fingers on bass guitar)

13. Frame by Frame 

14. Matte Kudasai 

15. Elephant Talk

16. Three of a Perfect Pair

17. Indiscipline

Encore:

18. Red

19. Thela Hun Ginjeet

BEAT mit tollem Bühnenbild. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Vai FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Beat: Adrian Belew FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Cooler Anzug: Steva Vai. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Adrian Belew ist der Dreh- und Angelpunkt von BEAT. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Steve Vai – eine sichere Bank an der Gitarre. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Der Bass- und Soundmagier Tony Levin. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Adrian Belew überzeugte mit Gitarrensolos und Sounds. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski