Von Dylan C. Akalin
Als Luciano Pavarotti aus den Lautsprechern mit „Libiamo, libiamo ne‘ lieti calici, che la bellezza infiora“ zu hören ist (aus der berühmten Oper „La traviata“ von Giuseppe Verdi), da war eigentlich schon klar, worum es an diesem Dienstagabend gehen sollte. Was auch, wenn Italiener und Freunde Italiens zusammenkommen, um das Leben zu zelebrieren? „Lasst uns trinken, lasst uns trinken aus den glücklichen Kelchen, die die Schönheit schmückt…“ Und Jovanotti, wie sich Lorenzo Cherubini schon seit seiner Jugend nennt, ist ein Cantautore, für den dies Programm ist. Und für die etwa 2500 Fans auf dem KunstRasen Bonn offenbar auch.
Ich muss wohl meine kürzlich nach dem Pinkpop Festival gemachte Äußerung heute ein wenig revidieren. Das beste Publikum, das ich erlebt habe, ist an diesem Abend auf dem KunstRasen in Bonn. Überwiegend Italiener – oder wenigstens des Italienischen mächtige Fans, die vom ersten Ton an Party machen. Und ein Künstler, der es liebt, mit seinem Publikum zu kommunizieren. Da gibt sich eine Argentinierin in der ersten Reihe zu erkennen, und er fragt sie, was sie denn an solch einem Abend, an dem doch Argentinien bei der Fußball-WM gegen Ägypten antritt, hier verloren hat?

Er spreche nur wenige Worte Deutsch, „Ihr sprecht doch alle Italienisch, oder?“ fragt er. Natürlich. An diesem Abend sind wir alle Italiener. „Wir alle sind mit den Elementen verbunden. Du bist ein Teil des Ganzen“, sagt er, bevor er „Oceanica“ anstimmt, und zeigt auf einen Fan. „Dies ist ein Lied zum Tanzen.“
Das muss er den Fans nicht zweimal sagen. Neben mir, hinter mir und vor mir tanzen und singen sie eh schon seit der ersten Nummer „Shiva Jam“ mit. Und was für ein Song! „Ich will so lange leben wie das Universum. Entziehe meinen Knochen das rote Blut, das Sauerstoff bis an den Rand der Welt trägt, jenseits der Galaxien, jenseits der Fantasie…“ Ein Song, der nur so vor Kraft und der Lust am Leben strotzt. Und die Menge brüllt den Text mit. Und sie nimmt es wörtlich: „Genieße den Moment, er wird bald vorübergehen. Alles ist in Bewegung.“ Und wie es seine Art ist, verknüpft er kubanische Rhythmen mit italienischer Leichtigkeit.
Und diese Band! Zwölf Frauen und Männer. Bläser, Backgroundsängerinnen und -sänger, ein sagenhaft rockiger Gitarrist… Das Orchester erschafft ein breites instrumentales Fundament voller Rhythmen, Sounds, solistischen Einlagen, die einem so energischen Künstler gerade mal ausreichen kann.

Als Jovanotti dann in seiner Ansage das Wort an die Fans italienischer Herkunft, die doch so viel zum Wohlstand in Deutschland beigetragen hätten, brandet Jubel auf. „Ich weiß, dass es auch schwierige Tage gibt, an denen vielleicht das Vertrauen fehlt, sich morgens wieder aufzuraffen…“ Und dann folgt diese wunderschöne Nummer „Mi Fido Di Te“, die fast surrealistisch beginnt. Er beschreibt Häuser aus Brot, erzählt vom Treffen der Frösche und wie alte Frauen in Cadillacs tanzen, aber in dem Song geht es um Ängste und Vertrauen, um Mut und Wagnisse. Denn Vertrauen sei die Grundlage menschlicher Beziehungen, der Künstler verbindet intime Verse mit einem hymnischen Refrain. Jovanottis Songs besitzen emotionale Tiefe.
„So solo che la vita“ und „Bella“ führten diese Gedanken fort. Das Leben erscheint bei Jovanotti nie als geradliniger Weg, sondern als offenes Abenteuer voller Widersprüche. Seine Songs feiern nicht die Perfektion, sondern die Unvollkommenheit des Menschseins. Ein wenig Reggae mischt sich in „So solo che la vita“, ein Text voller cineastischer Bilder, voller Metaphern, voller Sehnsucht nach Liebe und Leben.

„Danke, danke, danke“, ruft er und wedelt mit seinem Käppi in italienischen Farben. In seinem goldglitzernden Hemd und der pinkfarbenen Hose mit den roten Hosenträgern und diesen wundervollen Texten wirkt er mehr wie philosophischer Narr, wie einer, der genau zu wissen scheint, was das Leben zu bieten hat – wenn man zugreift. Dazu passt sein schelmischer Gesichtsausdruck und diese Kraft der Performance.
„In Italien haben wir viele Dinge erfunden“, sagt er. „Die Deutschen auch. Ich denke an Philosophen, an Boccaccio, an die Renaissance und den Barock. Aber es gibt eine Sache, die es auf der ganzen Welt gibt. Aber wir haben sie erfunden diese Sache, weil wir sie immer in uns tragen: den Sommer.“

Mit „Estate addosso“ wird der Sommer selbst zur musikalischen Metapher. Der Song verbindet Fernweh, Jugend und den Wunsch, den Augenblick festzuhalten. Das Publikum verwandelte den Kunstrasen endgültig in eine große Freiluft-Party. Und als er dann auch noch „L’Italiano“ von Toto Cutugno anstimmt, ist kaum noch jemand zu stoppen.
Als nach gut zwei Stunden die letzten Töne verklungen sind, bleibt weit mehr zurück als die Erinnerung an ein großartiges Konzert. Jovanotti hat den KunstRasen für einen Abend in einen Ort der Liebe verwandelt, wie es der wunderbare Luciano De Crescenzo formulieren würde. Es ging um Vertrauen, Lebensfreude, Musik und die Schönheit des Augenblicks. Vielleicht war genau das die eigentliche Botschaft dieses Abends: Das Leben ist nie perfekt, aber es ist ein Fest, wenn man bereit ist, es gemeinsam zu feiern. Und als die Menschen singend und tanzend den Heimweg antreten, scheint es tatsächlich so, als hätten die Italiener an diesem Abend den Sommer nicht nur erfunden – sondern ihn für ein paar Stunden nach Bonn gebracht.




