Von Dylan C. Akalin
Es gibt nicht viele Festivals, die von so krassen Kontrasten leben. Der erste Tag des Pinkpop Festivals 2026 in Landgraaf beweist eindrucksvoll, dass Extreme nicht nur nebeneinander existieren können, sondern sich sogar gegenseitig verstärken. Zwischen radiotauglichem Pop, Soul, Metalcore, Electro-Metal und Stadionrock ragt für mich jedoch ein Auftritt weit über alles hinaus: The Plot In You liefern auf der Tent Stage die beeindruckendste Live-Performance, die ich seit langer Zeit erlebe.
Die US-Amerikaner um Sänger Landon Tewers erschaffen eine Klangwelt, die sich jeder einfachen Schublade entzieht. Ihre Songs bewegen sich irgendwo zwischen der Erhabenheit einer Kathedrale und der Zerstörungskraft eines Bulldozers – und doch finden sich darin immer wieder Momente von der Zartheit eines Schmetterlingsflügels. Gitarrist Josh Childress, Bassist Ethan Yoder und Schlagzeuger Michael Cooper formen gemeinsam einen Sound, der brachiale Härte und atmosphärische Schönheit nahezu nahtlos miteinander verbindet. Dabei bleibt die Bühne weitgehend dunkel, was ich etwas schade finde, weil die Jungs praktisch nur als Scherenschnittschatten zu sehen sind, albst von ganz vorne, wo ich stehe.
Intensität nahezu körperlich spürbar.
Songs wie „Pretend“ und „Don’t Look Away“ sind nicht bloße Metalcore-Nummern, sondern emotional aufgeladene Kunstwerke. „Spare Me“ beginnt überraschend mit Vogelgezwitscher, bevor sich die Musik langsam zu einer gewaltigen Wand auftürmt. Wie so viele Texte der Band kreist auch dieser Song um innere Konflikte, emotionale Verletzungen und den verzweifelten Wunsch nach Erlösung. Ich bin hier bei weitem der älteste Zuschauer, die jungen Leute um mich herum, tanzen und singen engagiert mit, an einer Stelle bildet sich rasch ein Moshpit.

Bei „Face Me“ wird die Intensität nahezu körperlich spürbar. Die Mischung aus verletzlichem Gesang und eruptiven Ausbrüchen löst etwas aus, das tief im Inneren sitzt – als würde sich ein unterdrückter Urschrei seinen Weg nach draußen bahnen. Mir kommen fast die Tränen, so schön und zerbrechlich ist das trotz der gewaltigen Macht im Ausdruck. Gänsehaut pur. Die ganze Zeit.
Besonders eindrucksvoll gerät „Closure“. Auf den Leinwänden erscheinen wunderschöne Schwarz-Weiß-Fotografien, die mit ihrem Spiel aus Schatten und Licht die Nähe und Distanz zwischen zwei Menschen einfangen. Die Bilder ergänzen die Musik perfekt und verleihen dem Song zusätzliche emotionale Tiefe.
„All That I Can Give“ steigert sich am Ende in ein geradezu sagenhaftes Gitarrenfinale: laut, erhaben, fast progrockig in seiner Weite und zugleich so präsent und durchdringend, dass der gesamte Raum davon erfüllt wird. In „Forgotten“ dominieren Soldatenfiguren die Videoprojektionen und unterstreichen die düstere Grundstimmung des Songs. Mit „The One You Loved“, „Enemy“ und dem von Landon Tewers zunächst allein mit Akustikgitarre begonnenen „Silence“ beweist die Band schließlich, wie stark sie auch in reduzierten Momenten wirkt. Gerade diese Dynamik zwischen völliger Zerbrechlichkeit und vernichtender Wucht macht The Plot In You zu einer der spannendsten Formationen ihres Genres.
The Beaches
Ganz andere Töne schlagen The Beaches an, die ebenfalls auf der Tent Stage für ausgelassene Stimmung sorgen. Kaum ein Song vergeht, ohne dass das Publikum tanzt oder lautstark mitsingt. Frontfrau Jordan Miller wirbelt immer wieder ihre langen dunklen Haare und setzt ihre lange schwarze Robe effektvoll in Szene, wodurch selbst einfache Bewegungen eine fast theatralische Wirkung entfalten.

Musikalisch verbinden The Beaches eingängigen Indie-Rock mit Pop, Garage-Elementen und viel Spielfreude. Ihre Texte handeln von gescheiterten Beziehungen, Selbstbestimmung, Dating-Frust, Freundschaft und den Irrungen des modernen Lebens – oft mit einer gehörigen Portion Ironie und Selbstbewusstsein. Genau diese Mischung aus Nahbarkeit, Humor und hymnischen Refrains macht die kanadische Frauenband in den vergangenen Jahren zu einem Publikumsliebling. Die Menge feiert jede Gelegenheit zum Mitsingen und verwandelt den Auftritt in eine große Sommerparty. Ein Auftritt mit sehr hohem Wohlfühlfaktor!
Electric Callboy
Auf der North Stage sorgen Electric Callboy anschließend für das komplette Kontrastprogramm. Die deutsche Band mischt Metalcore mit Eurodance, Techno, Party-Hymnen und brachialen Breakdowns – ein eigentlich absurder Cocktail, der live erstaunlich gut funktioniert. Fette Bässe treffen auf Gitarrenriffs, melodischer Gesang wechselt sich mit Growls ab, dazu explodieren Sprühfunken und Feuerfontänen im Sekundentakt. Es gibt aber auch Momente, die man sich beim Ballermann gut vorstellen kann.
Fast ebenso unterhaltsam wie die Musik sind die ständigen Kostümwechsel: Mal erscheinen alle in schwarzen Latzhosen und weißen T-Shirts, später in schrill-bunten Outfits mit Perücken, die bewusst prollig wirken und den Humor der Band unterstreichen. Sänger Kevin Ratajczak bemerkt irgendwann, es gebe wohl kein Festival, auf dem so unterschiedliche und gegensätzliche Acts gemeinsam auftreten wie hier. Angesichts eines Programms, das von introspektivem Alternative Metal über Indie-Rock und Soul bis zu Electro-Metal und Pop reicht, kann man ihm kaum widersprechen.
Teddy Swims
Eine echte Überraschung bietet für mich jedenfalls Teddy Swims. Für Rock- und Metalfans mag der tätowierte US-Amerikaner zunächst wie ein Fremdkörper wirken, doch seine außergewöhnliche Stimme und enorme Bühnenpräsenz ziehen schnell in den Bann. Seine hervorragend eingespielte Band begleitet ihn mit beeindruckender Präzision zwischen Soul, R&B, Pop und Rock.
Besonders sympathisch wirkt eine Szene am Bühnenrand: Während Teddy Swims singt, lässt er sich nicht aus dem Konzept bringen und signiert gleichzeitig die Schallplatte eines Fans. Vor „Some Things I’ll Never Know“ kündigt er den Titel augenzwinkernd als „a sad song about my shitty ex-girlfriend“ an. Tatsächlich entwickelt sich daraus einer der emotionalsten Momente des Tages – ein wunderschön vom Piano getragenes Stück über Verlust, Reue und unbeantwortete Fragen nach dem Ende einer Beziehung. Auch Songs wie „The Door“, „Hammer to the Heart“, „Are You Even Real“, „Funeral“ oder „Bad Dreams“ zeigen eindrucksvoll seine Fähigkeit, große Gefühle mit technischer Brillanz zu verbinden.
Zara Larsson
Auch Zara Larsson überzeugt mit einer souveränen Popshow voller Tanzbarkeit, starker Hooks und selbstbewusster Ausstrahlung. Ihre modernen Produktionen liefern den perfekten Soundtrack für die frühen Abendstunden und sorgen für ausgelassene Festivalstimmung. Hier sind auffallend viele Familien mit ihren Kids versammelt.

Twenty One Pilots
Den Abschluss des Tages gestalten Twenty One Pilots, die einmal mehr beweisen, warum sie weltweit Arenen füllen. Das Duo verbindet Alternative Rock, Hip-Hop, Electronica und Pop zu einem unverwechselbaren Stil und schafft es, intime Momente ebenso glaubwürdig zu inszenieren wie große Stadionszenen. Die Mischung aus emotionalen Texten, eingängigen Melodien und spektakulärer Bühnenshow bildet einen würdigen Schlusspunkt eines ersten Pinkpop-Tages, der vor allem eines zeigt: Vielfalt ist seine größte Stärke.
Doch so beeindruckend viele Auftritte auch sind – der Moment des Festivals gehört für mich The Plot In You. Kaum eine Band verbindet derzeit rohe emotionale Wucht, musikalische Raffinesse und visuelle Inszenierung so eindrucksvoll wie diese vier Musiker. Es ist das Beste, was ich seit Langem live gesehen habe – vor allem, weil es mich sofort gepackt hat, eine Musik und ein Auftritt, der nachhaltig Eindruck geschaffen hat.






