Keine große Show, keine großen Gesten – und doch eine enorme Wirkung: Agnes Obel entführt 1500 Menschen auf dem KunstRasen Bonn in einen dunklen, schwebenden Klangkosmos. Zwischen Neo-Klassik, Folk und Art-Pop entwickelt ihre Musik eine ganz eigene, faszinierende Spannung.
Von Dylan C. Akalin
Ganz schön kalt ist es an diesem Abend auf dem KunstRasen Bonn, und Agnes Obel hält, was sie sie zu Beginn ihres Konzertes verspricht: Sie wärmt uns mit ihren Songs. Ihr Konzert beginnt mit dem Instrumental „Red Virgin Soil“ (Citizen of Glass, 2016). Cello meets Electronic meets Suspense-Music. Es ist wie der Soundtrack zu einem Filmvorspann eines Hitchcock-Thrillers. Die Arpeggios des Pianos treiben eine angedeutete Melodie an.
Die Bühne ist spärlich beleuchtet, und die dänische Künstlerin scheint sich lieber hinter dem Klavier ganz verstecken zu wollen, auch die Kameras können sie (oder dürfen sie?) nicht auf den Screens zeigen, die Fotografen müssen sich gut 50 Meter vor der Bühne platzieren und dürfen erst beim dritten Song auf die Auslösen drücken. Die Künstlerin, die seit etwa 20 Jahren in Berlin lebt, gibt sich unnahbar. Und das alles passt vielleicht auch zum Opener: Der Titel bezieht sich auf die sowjetische Literaturzeitschrift „Red Virgin Soil“ und auf Yuri Oleshas satirischen Roman „Envy“ (1927). Es geht um den Konflikt zwischen altmodischen Romantikern und modernen Technokraten, um den Verlust von Identität, um die sowjetische Idee des „gläsernen“ Menschen, Menschen ohne Geheimnisse und Gefühle.
Zerbrechlich und klirrend wie eine Spieluhr
„Red Virgin Soil“ ist vielleicht auch ein Statement, das ruft: Meine Musik ist weit entfernt vom konventionellen Pop. Und das Klavier ist bei Obel selten bloß Begleitung. Es ist Fundament, Rhythmusgeber, dramatischer Kontrapunkt. Es klingt bei „Fuel to Fire“ (Aventine, 2013) zerbrechlich und klirrend wie eine Spieluhr, düsterer als auf dem Album. Ein Song über eine Beziehung im Zustand von Anziehung, Erschöpfung und Unsicherheit, das Feuer steht hier als Metapher für das Faszinierende und Zerstörerische.

In „Camera’s Rolling“ (Myopia, 2020) geht es wohl darum, bei Knopfdruck handeln zu müssen, funktionieren zu müssen. Text und Musik sind typisch für diese faszinierende Künstlerin: Die Bilder von brennendem Drehbuch, geladener Waffe und Kamera lassen sofort intensive Bilder vor unserer Augen entstehen. Überhaupt sind die Lyrics von Agnes Obel ein wesentlicher Teil ihrer Wirkung. Klare oder gar plakative Botschaften oder einfache Geschichten sind nicht ihr Ding. Ihre Texte funktionieren oft eher wie Traumbilder. Sie erklären nicht, sie öffnen Räume für Interpretationen.
Sechs Songs vom neuen Album „The Meaning of Flowers“
Sechs neue Songs aus ihrem im September erscheinenden neuen Album „The Meaning of Flowers“ bringt sie heute Abend mit und bemerkt lächelnd, das Publikum sei ihr „Testkaninchen“, wie sie Stücke ankommen würden. Das Titelstück, bei dem sie am weißen Keyboard steht, ist sparsam instrumentiert, fast wie die Musik zu einer Doku. „Laymelli“ ist geprägt von tiefen Techno-Bässen. Ihr Englisch ist nicht immer gut zu verstehen, sie spricht manche Worte etwas merkwürdig aus und verschluckt Silben, aber man versteht, dass es um Fragen des Lebens geht. Wo entsteht es, ist Leben aus Schlamm möglich? Die Deutsche Grammophon schreibt, der Song sei „stark von Metamorphose und Verwandlung geprägt“.
Aus dem kommenden Album hören wir außerdem noch „Faustian Deal“, was sie mit hoher Kopfstimme singt, die beiden Titel „Gemini“ und „Never Been“, die sie ihrer kleinen Tochter widmet, die hinter der Bühne schläft, sowie „Blood So Red“.
Zwischen Kate Bush und Radiohead
„Familiar“ (Citizen of Glass, 2016) könnte durchaus auch von Kate Bush sein, ein sehr eindringlicher Song über Geheimnisse, eine Liebe, die Anderen so verborgen bleibt, wie ein unsichtbarer Geist. Kate Bush ist als Referenz sicher nicht völlig abwegig – allerdings ohne deren theatralische Exzentrik. Auch Björk blitzt hin und wieder mal auf – wenn es um die kompromisslose Eigenständigkeit ihres Klangkosmos geht. Es gibt sicher auch Referenzen zu Fiona Apple und Tori Amos, aber Agnes Obel bleibt dennoch immer eigenständig, was vielleicht daran liegt, dass sie irgendwo kontrollierter, fast klassizistisch, ist. Ich denke in manchen Momenten auch an die dunkle Melancholie von Nico, an die kammermusikalische Seite von Radiohead. Aber Agnes Obel sucht nie den großen Ausbruch. Ihre Dramatik entsteht durch Zurückhaltung. Die Dänin hat sich eine eigene musikalische Zwischenwelt geschaffen: zwischen Folk, Neo-Klassik und Art-Pop, zwischen der Intimität einer Singer/Songwriterin und der formalen Strenge von Kammermusik.
Luftig und fast tänzerisch wie ein Walzer kommt „Run Cried The Crawling“ (Aventine, 2013) an diesem Abend rüber. Die Bühne ist in tiefrotes Licht gehüllt, während Obel über eine zerbrochene Liebe singt. Und doch hat der Song etwas hoffnungsfrohes, wie ein Klirrend tiefer Winter, der den nahenden Frühling ankündigt.
„Riverside“ und „The Curse“ zum Abschied
Der nahe am Folk angesiedelte und ihr bekannteste Song „Riverside“ kommt erst als vorletzte Nummer. Das Stück stammt vom Debüt „Philharmonics“ von 2010. Es ist einer jener Songs, die Agnes Obel über ihr Kernpublikum hinaus bekannt gemacht haben. Eine scheinbar einfache Melodie, eine ruhige Bewegung, ein Text voller Sehnsucht und Ungewissheit. Gerade die Reduktion macht ihn so stark. „Riverside“ ist keine große Hymne im klassischen Sinn. Und doch hat das Lied etwas Hymnisches. Es ist dieses Zusammenspiel von spannungsgeladenem Piano und einfachem Gesang, was ihn zu einer kleinen Perle macht.

Mit „The Curse“ (Aventine, 2013) werden wir in die kalte Nacht entlassen. Das Klavier, die sich überlagernden Stimmen und diese unbestimmte Dunkelheit sind magisch und bilden sowas wie eine Klammer zum Opener. In diesem so sparsam begleiteten Song über Verführung, Abhängigkeit und eine Beziehung, die etwas Unheilvolles hat, sind wieder so bezaubernde Kate-Bush-Momente…
1500 Fans erleben auf dem KunstRasen einen sehr intime Show – ohne großes Spektakel, keine Überwältigung durch Lautstärke, keine demonstrative Nähe zum Publikum und eine Künstlerin, die uns mitnimmt in ihren dunklen, schwebenden Innenraum ihrer Fantasie und Kreativität. Ein außergewöhnlicher Abend.
Setlist:
Red Virgin Soil
Fuel To Fire
Camera‘s Rolling
The Meaning of Flowers
Laymelli
Familiar
Run Cried The Crawling
Faustian Deal
Gemini
Never Been
Blood So Red
Stretch Your Eyes
Riverside
The Curse







