Eine verdammt prominent besetzte Kneipenband der Rockgeschichte: Hollywood Vampires – At Montreux Jazz Festival

HOLLYWOOD VAMPIRES (Photocredit Aaron Perry )

Rock’n’Roll als Geisterstunde: Die Hollywood Vampires lassen in Montreux die Toten tanzen – und klingen dabei erfreulich lebendig. Die folgende Kritik basiert auf der Vinyl-Version.

Man muss schon ein gewisses Faible für große Namen, noch größere Rockposen und musikalische Ahnenpflege haben, um die Hollywood Vampires nicht für das zu halten, was sie auf dem Papier sind: eine prominent besetzte Rock’n’Roll-Revue mit eingebautem Promifaktor – oder, wie wir einmal schrieben, die teuerste Coverband der Welt. Auf Vinyl allerdings zeigt sich, dass hinter Alice Cooper, Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen durchaus mehr steckt als Celebrity-Jam mit Blitzlichtgewitter.

At Montreux Jazz Festival wurde 2018 aufgenommen und erscheint nun als Live-Dokument einer Band, die ihre eigentliche Existenzberechtigung auf der Bühne findet. 19 Songs lang geht es durch Hard Rock, Classic Rock, Bluesrock, Proto-Punk und die psychedelisch angehauchten Schattenseiten des Rock’n’Roll. Das ist nicht immer subtil – aber subtil wollen die Hollywood Vampires vermutlich ungefähr so dringend sein wie Keith Richards bei einem Gitarren-Workshop.

Der Zeremonienmeister

Schon „I Want My Now“ und „Raise The Dead“ machen klar, wohin die Reise geht: druckvoller, riffbasierter Rock mit Alice Coopers unverkennbarer Theatralik. Cooper ist dabei weniger der alternde Rockstar als vielmehr der Zeremonienmeister. Seine Stimme klingt rau, abgeklärt und mit genau jener diabolischen Autorität, die Songs dieser Sorte brauchen. Bei „I’m Eighteen“ darf er anschließend tief in den eigenen Fundus greifen – und beweist, dass seine Bühnenpersona noch immer funktioniert.

HOLLYWOOD VAMPIRES
Alice Cooper
( Photocredit Aaron Perry )

Gitarristisch ist das Ganze ohnehin bestens versorgt. Joe Perry bringt den Aerosmith-Dreck in den Sound, den er schon seit Jahrzehnten patentiert hat: bluesig, schlampig wirkend, aber präziser als gedacht. „Combination“ und „Sweet Emotion“ sind entsprechend keine bloßen Pflichtübungen. Perry verleiht ihnen diesen schmierigen, leicht gefährlichen Groove, der Aerosmith einst so unwiderstehlich machte.

Tommy Henriksen erweist sich dabei als keineswegs dekorativer Co-Star. Seine Gitarrenarbeit erweitert Perrys Spiel um zusätzliche Härte und sorgt dafür, dass die Arrangements nicht in einer bloßen Aneinanderreihung bekannter Riffs versanden. Zusammen liefern die beiden das, was ein Live-Rockalbum braucht: Druck, Reibung und gelegentlich das Gefühl, dass die nächste Saite nur noch aus Trotz hält.

Filmstar auf der Bühne

Und dann ist da Johnny Depp. Dass der Filmstar auf der Bühne nicht nur als Hollywood-Vampir mit Gitarre herumsteht, sondern musikalisch tatsächlich etwas beizutragen hat, zeigt insbesondere David Bowies „Heroes“. Depp spielt den Song überraschend zurückgenommen und emotional. Das ist einer der wenigen Momente, in denen die Vampires ihre eigene Lautstärke tatsächlich etwas herunterdrehen – und prompt gewinnt die Musik.

HOLLYWOOD VAMPIRES
Johnny Depp
( Photocredit Aaron Perry )

Überhaupt sind die Cover die stärksten Argumente für dieses Album. Motörheads „Ace Of Spades“ kommt mit ordentlich Schmutz aus den Boxen, The Whos „Baba O’Riley“ entwickelt den erwartbaren großen Festivalgestus, während „The Jack“ und „Sweet Emotion“ die Bluesrock-Schlagseite der Band bedienen. „Five To One / Break On Through“ erinnert daran, dass die Hollywood Vampires ihre Vorbilder nicht katalogisieren, sondern miteinander verkleben wollen. Das funktioniert meistens erstaunlich gut.

Natürlich hat diese Methode auch ihre Schattenseiten. Bei einer derart hitlastigen Setlist lauert ständig die Gefahr des Karaoke-Rock für Erwachsene. „Train Kept A-Rollin’“, „7 And 7 Is“ oder „People Who Died“ sind energisch gespielt, aber eben auch so tief im kollektiven Rockgedächtnis verankert, dass man kaum noch überrascht werden kann. 

So muss ein solches Livealbum klingen

Die Vinyl-Version ist vielleicht genau die passende Verpackung für dieses Album. Der analoge Ton macht aus der Produktion keine audiophile Offenbarung, vermittelt aber die gewünschte körperliche Präsenz: Gitarren haben Gewicht, das Schlagzeug schiebt, und Coopers Stimme sitzt mitten im Geschehen. At Montreux Jazz Festival klingt nicht geschniegelt, sondern nach Bühne, Verstärkern und einer Band, die lieber zu viel als zu wenig macht. So muss ein solches Livealbum klingen.

HOLLYWOOD VAMPIRES
Joe Perry
( Photocredit Aaron Perry )

Der eigentliche Clou kommt zum Schluss: „School’s Out / Another Brick In The Wall“. Hier wird aus Rockkonzert endgültig Rockzirkus – groß, laut und schamlos auf Publikumsreaktion gebürstet. Und genau da gehören die Hollywood Vampires hin.

„At Montreux Jazz Festival“ ist sicherlich kein Album, das die Rockgeschichte neu schreibt. Das wäre angesichts dieser Besetzung fast schon eine Beleidigung für die eigene Vergangenheit. Es ist vielmehr eine gut geölte, manchmal herrlich überdrehte Zeitreise durch jene Musik, aus der Alice Cooper, Joe Perry, Johnny Depp und Tommy Henriksen ihre eigene musikalische DNA gezogen haben.

Die Hollywood Vampires sind eine verdammt prominent besetzte Kneipenband der Rockgeschichte – nur mit tierisch teuren Gitarren. Auf Vinyl macht diese Mischung überraschend viel Spaß.

HOLLYWOOD VAMPIRES AUF TOUR IN EUROPA 2026:

12.08. — London, UK
14.08. — Cardiff, UK
15.08. — Scarborough, UK
17.08. — Glasgow, UK
18.08. — Manchester, UK
19.08. — Birmingham, UK
21.08. — Colchester, UK
22.08. — Halifax, UK
25.08. — Nürnberg, GER
26.08. — Paris, FR
28.08. — Köln, GER
30.08. — Hamburg, GER
01.09. — Milano, IT
02.09. — Este, IT
03.09. — Pula, HR
05.09. — St. Pölten, AT
06.09. — Praha, CZ
08.09. — Budapest, HU
10.09. — Łódź, PO

Tracklisting:

01. I Want My Now 
02. Raise the Dead 
03. I Got a Line on You 
04. 7 and 7 Is 
05. My Dead Drunk Friends 
06. Five to One / Break on Through 
07. The Jack 
08. Ace of Spades 
09. Baba O’Riley 
10. As Bad as I Am 
11. The Boogieman Surprise
12. I’m Eighteen 
13. Combination 
14. People Who Died 
15. Sweet Emotion 
16. Welcome to Bushwackers 
17. Heroes 
18. Train Kept A-Rollin’
19. School’s out / Another Brick in the Wall