Der Mountain King ist überall: Nevermore und Savatage entfesseln vor 3000 Fans auf dem KunstRasen die Metal-Macht

Savatage-Sänger Zachary Stevens. FOTO: Borys M. Bommel

Nevermore als vermeintlicher „Support“? Von wegen! Die Rückkehrer aus Seattle feiern in Bonn ein furioses Comeback – und Savatage beweisen anschließend mit 106 Minuten Metal, Pathos, Prog und Gänsehaut, dass sie auch nach 47 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Besonders emotional: „Believe“ und eine ganz besondere Zugabe. Der Donnerstag war ein KunstRasen-Highlight!

Von Dylan C. Akalin

Von wegen „Support“! Nevermore werden von den Fans empfangen wie der Hauptact. Euphorisch und voller Energie gehen die rund 3000 Fans am Donnerstagabend auf dem KunstRasen in Bonn von der ersten Minute an mit, singen jeden Song mit, tanzen, hüpfen, strecken die Faust oder die „Pommesgabel“ in die Luft. Und sie werden nicht enttäuscht. (Mehr Bilder von Nevermore und Setlist HIER)

Headbanging und Haare wirbeln ist vom ersten Takt an angesagt bei Nevermore. Die Metal-Band aus Seattle um Gitarrist Jeff Loomis und Drummer Van Williams sind seit etwa 15 Jahren endlich wieder auf Tour und stellen sich mit den neuen Bandmitgliedern vor: Sänger Berzan Önen ist ein echter Gewinn, der die Energie des 2017 verstorbenen Masterminds Warrel Dane super aufzugreifen weiß und dazu eine irre Stimmrange hat! Hinzugekommen sind zudem der fingerfertige Gitarrist Jack Cattoi und Bassist Semir Özerkan.

Nevermore auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Borys M. Bommel

Schräge und flinke Gitarrenläufe bestimmen „Inside Four Walls“. Während Cattoi auf seiner blutroten Gitarre, ebenso wie Loomis natürlich siebensaitig, bei „My Acid Words“ eher für melodische Linien zuständig ist, liefert Loomis hier Sounds mit viel Sustain und eine Demonstration seiner Tapping-Skills, während Williams hier wieder ein paar schräge Tom-Wirbel spielt. Önen wirbelt auf der Bühne, feuert das Publikum an, läuft von einer Seite zur anderen, kniet wie ein beschwörender Magier vor Loomis und treibt seine Bandfreunde an. Was für eine Energie auf der Bühne – und davor im Publikum!

Mir gefällt dieser schleppende Rhythmus und das melodische Spiel von Loomis zu Beginn von „Final Product“ mit dem dramatischen Gesang und dem hymnischen Schlussteil, diese irren Gitarrenläufe der beiden Saitenzauberer bei „The River Dragon Has Come“, die sich anhören, als hätten sie John Petrucci und Yngwie Malmsteen zu einem Gitarristen vereinigt. Eine fantastische Show. Nevermore müssen wiederkommen – als Headliner!

106 Minuten, die es in sich haben

Und dann folgen 106 Minuten Power, Gänsehaut und eine entschiedene Eindringlichkeit einer Band, die auch im 47. Jahr ihres Bestehens immer noch das Metal-Feuer leuchtend hochhält! Auch wenn das letzte verbliebene Savatage-Gründungsmitglied Jon Oliva nur einmal als Videogruß auftaucht. „Believe“ ist sicherlich der emotionale Höhepunkt dieses Abends. Am Piano sitzend spielt die Band das Intro des Songs mit Jon Oliva ein. Ein Lichtermeer aus brennenden Kerzen erscheint auf den Screens, die Menge ist zunächst ganz still, dann schmettert sie gemeinsam mit der dann einsetzenden Band den ganzen Song mit.

Savatage: Zachary Stevens und Al Pitrelli. FOTO: Borys M. Bommel

Jon Oliva tourt bekanntlich nicht mehr mit Savatage. Die Band hat ihre Rückkehr auf die Live-Bühnen deshalb ohne ihren Sänger, Keyboarder und maßgeblichen kreativen Kopf fortgesetzt, auch wenn Oliva weiterhin eng mit Savatage verbunden bleibt. Seine Abwesenheit ist spürbar – und genau deshalb bekommt „Believe“ in Bonn eine Bedeutung, die weit über eine hübsche Videoprojektion hinausgeht.

Nach dem Intro mit „Morphine Child“ und „Dead Winter Dead“ demonstriert Savatage mit „Jesus Saves“ ihre typische Mischung aus Heavy und Power Metal, mit starken Übergängen und rhythmischen Finessen, die eindeutig dem Progressive Metal geschuldet sind. Der Gesang von Zachary Stevens ist durchschlagend, rezitierend, kraftvoll. Direkt und entschieden wie ein unumstößliches Statement startet „Lights Out“, zu dem Gitarrist Chris Caffery auf einer himmelblauen Telecaster krasse Arpeggios tappt.

Zeitreise durch den Savatage-Kosmos

Auch die Bilder und Videosequenzen auf den Leinwänden sind grandios. Zu „This Is The Time“ sehen wir im Hintergrund steinerne Mauerwächter-Gargoyles über einer schneebedeckten Stadt, während Al Pitrelli ein Gitarrensolo hinlegt, das pure Gänsehaut ist. Gigantische Schlangen stehen sich aggressiv gegenüber bei „Taunting Cobras“. Savatage erzählen ihre Songs nicht nur mit Musik, sondern bauen daraus kleine Dramen – düster, pathetisch, manchmal fast theatralisch. Das gehört zum Wesen dieser Band wie die Twin-Gitarren und die großen Melodien.

Chris Caffery. FOTO: Borys M. Bommel

Überhaupt ist diese Setlist eine kleine Zeitreise durch den Savatage-Kosmos. „Unusual“ und „Handful of Rain“ zeigen die Band von ihrer melodischeren, zugleich immer noch kantigen Seite, „Chance“ baut mit seinen mehrstimmigen Gesangspassagen eine geradezu sakrale Spannung auf. „Temptation Revelation“ und „Prelude to Madness“ bringen dann die progressive, klassische Ader ins Spiel. Und bei „Warriors“ übernimmt Chris Caffery sogar das Mikrofon. Das passt: Der Song stammt aus einer Phase, in der Jon Olivas rauer, eigenwilliger Gesang wesentlich zum Charakter von Savatage gehörte. Caffery gibt ihm keine Hochglanzpolitur, sondern ordentlich Dreck und Kante.

Mit „Miles Away“, „Tonight He Grins Again“ und „Power of the Night“ geht es danach quer durch die emotionale und musikalische Geschichte der Band. „Sirens“ erinnert an die ruppige Frühphase, „Strange Wings“ an die große melodische Klasse von „Hall of the Mountain King“. Und „The Wake of Magellan“ bringt noch einmal die komplexere, erzählerische Seite der Band auf die Bühne.

Dann kommt „Believe“.

Dann kommt „Believe“. Der Song ist ohnehin einer dieser Savatage-Momente, in denen die Band den Metalhelm abnimmt und ganz offen ihre verletzliche Seite zeigt. Jon Oliva hat „Believe“ selbst einmal als einen Song bezeichnet, der wesentlich größer hätte werden können. In Bonn wird daraus nun fast zwangsläufig ein Abschiedsmoment. Oliva erscheint zunächst auf der Leinwand, sein Piano-Intro erklingt – und dann übernimmt die Band. Es ist, als würde der Abwesende für ein paar Minuten mitten auf der Bühne stehen. Die Fans wissen das und reagieren entsprechend: erst andächtige Stille, dann ein gemeinsamer Gesang, der den KunstRasen in ein riesiges Chorzimmer verwandelt.

Dass anschließend „Gutter Ballet“ und „Edge of Thorns“ folgen, ist dramaturgisch kaum zu überbieten. „Gutter Ballet“ steht für jene Phase, in der Savatage aus dem klassischen Heavy Metal herauswuchsen und ihre Musik mit Piano, orchestralen Farben, Balladen und regelrecht theatralischen Arrangements erweiterten. Das Album markierte genau diesen Stilwandel. Und „Edge of Thorns“ setzt einen weiteren Kontrapunkt: melodisch, melancholisch, gleichzeitig mit dieser typischen Savatage-Wucht.

Eigentlich könnte man danach zufrieden nach Hause gehen. Aber Savatage wären nicht Savatage, wenn sie sich nicht noch den ganz großen Hammer für den Schluss aufgehoben hätten.

Und dann kommt der Bergkönig

Als einzige Zugabe gibt es „Hall of the Mountain King“. Und genau das ist wichtig. Das ist nicht einfach irgendein Klassiker, den eine alte Metal-Band am Ende noch schnell aus dem Ärmel schüttelt. Dieser Song ist das Signet, das Wappen, der musikalische Fingerabdruck von Savatage.

1987 erschien „Hall of the Mountain King“ als Titelsong des Albums, das die Band aus einer schwierigen Phase herausführte und den Grundstein für ihre spätere Entwicklung legte. Produzent Paul O’Neill öffnete Savatage damals die Tür zu einer größeren, dramatischeren Klangwelt. Die Verbindung von Metal und klassischer Musik, die hier bereits so markant aufscheint, sollte später geradezu zum Markenzeichen der Band werden.

Johnny Lee Middleton. FOTO: Borys M. Bommel

Und natürlich ist da Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ – bei Savatage nicht mehr Kammermusik, sondern ein entfesseltes Metal-Monster. Die Gitarren übernehmen das Orchester, aus dem berühmten Crescendo wird ein riffendes Ungeheuer. Das Stück hat zugleich etwas dämonisch Verspieltes und völlig Größenwahnsinniges. Genau deshalb funktioniert es als Finale so gut.

Vor allem aber bekommt „Hall of the Mountain King“ 2026 eine zweite Ebene: Jon Oliva selbst wird in der Metalszene seit Jahren „Mountain King“ genannt. Wenn dieser Song nach einem Abend folgt, an dem sein Abbild auf der Leinwand erschien, sein Piano-Intro zu „Believe“ erklang und die Band ohne ihn ihre Geschichte weiterträgt, dann ist das mehr als Fanservice. Es ist eine Verbeugung vor dem Mann, dessen Stimme, Ideen und Persönlichkeit Savatage geprägt haben.

Der Mountain King ist nicht auf der Bühne – und trotzdem ist er überall.

Savatage-Sänger Zachary Stevens. FOTO: Borys M. Bommel

Die letzte Nummer wird zum kollektiven Ausrasten. Ein Riff, das man vermutlich noch auf dem Parkplatz im Brustkorb spürt, hochgerissene Fäuste, Pommesgabeln und ein Publikum, das noch einmal alles gibt. Danach ist Schluss. Kein zweiter, dritter, vierter Nachschlag. Kein „Wir schauen mal, was noch geht“. Der Bergkönig hat gesprochen.

Und so endet ein Abend, der eigentlich aus zwei Headlinern besteht: Nevermore beweisen mit ihrer modernen, technisch hochkomplexen und zugleich emotionalen Variante des Progressive Metal, dass ihre Rückkehr mehr ist als eine nostalgische Angelegenheit – die Truppe wird weitermachen. Das ist die Botschaft. Savatage wiederum zeigen, dass sie nach all den Jahren noch immer etwas können, das vielen Bands irgendwann abhandenkommt: Sie verbinden technische Virtuosität mit großen Melodien, Metal mit Klassik, Härte mit Pathos und Theater mit echter Emotion – ohne dass es jemals nach bloßem Retro-Zirkus aussieht.

Nevermore wollen wir bald wiedersehen. Und Savatage? Die haben gerade eindrucksvoll daran erinnert, warum sie überhaupt so lange vermisst wurden.

Savatage auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Borys M. Bommel

Setlist Savatage, Bonn, 13. August 2026:

Morphine Child (nur Intro)
Dead Winter Dead
Jesus Saves
Lights Out
This Is the Time (1990)
Taunting Cobras
Unusual
Handful of Rain
Chance
Temptation Revelation
Prelude to Madness
Warriors (Chris on vocals)
Miles Away
Tonight He Grins Again
Power of the Night
Sirens
Strange Wings
The Wake of Magellan
Believe (Intro sung by Jon Oliva via recorded video. Later on he joint again via video)
Gutter Ballet
Edge of Thorns

Encore:

Hall of the Mountain King

Chris Caffery. FOTO: Borys M. Bommel
Savatage-Gitarrist Chris Caffery. FOTO: Borys M. Bommel
Al Pitrelli. FOTO: Borys M. Bommel
Savatage auf dem KunstRasen. FOTO: Borys M. Bommel
Zachary Stevens und Johnny Lee Middleton. FOTO: Borys M. Bommel
Publikum beim Auftritt von Savatage. FOTO: Borys M. Bommel