Orchestral Manoeuvres in the Dark auf dem KunstRasen Bonn 2026: Die Stimme unserer Jugend klingt noch immer nach Zukunft

Fast wie bei Kraftwerk: OMD beim Konzert in Bonn. FOTO: Borys M. Bommel

Orchestral Manoeuvres in the Dark feiern auf dem KunstRasen Bonn mit 3300 Fans ihre großen Synthpop-Hits – zwischen Jugend-Erinnerungen, tanzbarer Euphorie und erstaunlich zeitloser Elektronik. Andy McCluskey und Paul Humphreys zeigen, warum OMD den Pop bis heute prägen.

Von Dylan C. Akalin

Am Ende stehe ich ganz hinten auf dem KunstRasen Bonn und schaue auf die bunt erleuchtete Bühne. Die Musik klingt hier fast besser als vorne Front of Stage. Als erste Zugabe gibt es „Walking on the Milky Way“. Ich tanze, die Arme weit ausgebreitet und schaue in den Nachthimmel. Nein, keine Milchstraße zu sehen, nicht einmal Sterne. Egal. Heute erleben 3300 Fans ein Fest. Eine Feier des Lebens, der Erinnerung. Als Andy McCluskey von Orchestral Manoeuvres in the Dark (oder kurz OMD) am Freitagabend gut anderthalb Stunden zuvor nach einem Instrumentalopener mit „Atomic Ranch“ das Mikrofon ergreift und „Isotype“ singt, da fühlen wir eine besondere Vertrautheit. Die Stimme unserer Jugend.

OMD-Frontmann Andy McCluskey FOTO: Borys M. Bommel

„Atomic Ranch“ erklang vom Band, die Bühne war leer. Und auf der großen Leinwand lief ein Trickfilm, bis kaleidoskopische Bilder von Autos und urbanen Elementen, Formen und Farben diesen synthetischen Sound, der stark an Kraftwerk erinnerte, begleiteten – eine ironische Betrachtung, ganz im Sinne des Vorbilds Kraftwerk, der amerikanischen Vorstadtwelt: Wohlstand, Konsum, Architektur und der Traum vom perfekten Eigenheim erscheinen zugleich verführerisch und künstlich. Es sollte nicht die einzige Hommage an die deutschen Elektronik-Pioniere sein.

„Messages“

Endgültig emotional in der Zeit von Maddox, M8 und Falle gelandet, um einige der angesagten Clubs in Bonn um 1980 zu nennen, sind wir bei „Messages“ aus dem ersten Album. Tanzbarer, stark auf rhythmische Elemente orientierter Synth-Pop, dazu flimmern rote Strukturen, wie organische Rorschach-Bilder. Der Song über eine über Briefe und Nachrichten zerbrechende Beziehung hat heute in Zeiten von SMS und WhatsApp eher etwas Nostalgisches. 

Andy McCluskey trägt schwarz, so wie alle anderen auf der Bühne auch: sein langjähriger, kongenialer Partner Paul Humphreys sowie Keyboarder Martin Cooper und Drummer Stuart Kershaw, die später bei „Veruschka“ nebeneinander angeordnet wie die vier von Kraftwerk vor kleinen Keyboards und Drummaschinen stehen werden – eine tiefe Verbeugung vor ihren großen Vorbildern.

Ein wenig New Wave Romantic

Ein wenig New Wave Romantic klingt nicht nur bei „Tesla Girls“ an, auch bei „If You Leave“, sehr eindringlich, mit mal ausgebreiteten Armen, mal sie eng vor der Brust verschränkt, von McCluskey gesungen, oder dem bekannten „So In Love“.

Springen ist angesagt bei „History Of Modern“ – und das verstörenderweise vor Bildern zerstörter Häuser. So positiv die Musik auch klingt, OMD blickt hier recht kritisch auf die moderne Welt mit ihren immer neuen Techniken, die das Leben verändern und neue Formen von Entfremdung und Unsicherheit schaffen. Gleichzeitig klingt der Song wie eine nostalgische Rückschau auf die Zukunft, wie man sie sich früher vorgestellt hat. Aber wirklich so?

Es gibt Bands, bei denen die Vergangenheit irgendwann etwas Verklärendes annimmt. Bei Orchestral Manoeuvres in the Dark ist das nicht so einfach. Es ist Musik aus der Vergangenheit, die die Zukunft vorhergesehen hat – und damit erstaunlich gegenwärtig ist. Synthesizer schieben sich nach vorn, elektronische Rhythmen treiben, darüber liegt McCluskeys unverwechselbare Stimme.

Paul Humphreys singt

Für einen Song kommt Paul Humphreys nach vorne und singt „(Forever) Live and Die“, beim für mich eher etwas lahmen „Souvenir“ ist er in gleißendes Licht gehüllt. Hier erleben wir sowas wie den eigentlichen historischen Kern des Abends. Nach „Souvenir“ werden „Joan of Arc“ und „Joan of Arc (Maid of Orleans)“ bei dunkler Bühne mit langanhaltendem Dauerton angekündigt. OMD führen uns direkt ins Jahr 1981, zu „Architecture & Morality“, dem Album, auf dem OMD ihre Kunstform nahezu vollendet haben. Die Musik verbindet elektronische Instrumente mit Chorklängen, Mellotron-Flächen und einer fast sakralen Atmosphäre. Die Kirchenorgel erklingt später als Intro zu „Walking on the Milky Way“. Paul Humphreys hat mal beschrieben, wie die Entdeckung des Mellotrons und die Beschäftigung mit religiöser Musik den Klang des Albums geprägt haben.

Paul Humphreys von OMD. FOTO: Borys M. Bommel

Gerade „Maid of Orleans“ zeigt, wie ungewöhnlich OMDs Popverständnis ist. Der Song ist keine konventionelle Ballade und kein Rocksong ohne Gitarren. Er ist ein pulsierendes, beinahe marschartiges elektronisches Stück, über dem eine Melodie von eigentümlicher Weite liegt, eine Melodie, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das historische Sujet wird nicht illustriert, sondern in Klang verwandelt. Dasselbe gilt für „Joan of Arc“. OMD beweisen hier, dass elektronische Musik nicht kalt sein muss. Im Gegenteil: Maschinen können Pathos erzeugen.

Der zweite Akt

Danach kippt die Stimmung bewusst. „The Rock Drill“ erklingt wieder vom Tape und markiert sowas wie den zweiten Akt. Gleichzeitig verweist der Song auf die experimentelle Seite von OMD und auf „Bauhaus Staircase“, das 2023 erschienene 14. Studioalbum. Das Stück gehört zu einer Tradition, die bei OMD schon sehr früh angelegt ist: Geräusche, Collagen von Hämmern und Motorgeheul und elektronische Konstruktionen dürfen neben der klassischen Popmelodie stehen.

OMD auf dem KunstRasen Bonn FOTO: Borys M. Bommel

Das ist vielleicht die entscheidende Leistung dieser Band: OMD machen elektronische Musik nicht nur mit Synthesizern, sondern denken Pop aus elektronischen Klängen heraus. Als Andy McCluskey und Paul Humphreys 1978 im nordwestlichen englischen Meols am Mersey ihre Band gründen, stehen sie damit in einer neuen musikalischen Landschaft. Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, Brian Eno und andere liefern wichtige Impulse; Humphreys interessiert sich besonders für deutsche Elektronik und frühe Ambient-Musik. Die beiden wollen aber nicht einfach britische Versionen deutscher Maschinenmusik herstellen. Sie wollen beweisen, dass Synthesizer genauso selbstverständlich eine große Popmelodie tragen können wie Gitarre, Bass und Schlagzeug. 

Nach dem Erfolg von „Architecture & Morality“ gehen sie mit „Dazzle Ships“ 1983 bewusst in die entgegengesetzte Richtung: Radiofragmente, Klangcollagen, elektronische Geräusche und politische Themen treffen auf Pop. Das Album ist zunächst ein kommerzieller Rückschlag, wird später aber als visionäres und einflussreiches Werk neu bewertet. Hieraus hören wir heute Abend keinen Song. Schließlich heißt der Titel der Tour „Summer of Hits“. 

Zum Schluss gibt es „Enola Gay“

Dafür hören wir das wunderschöne „Dreaming“ (Junk Culture, 1984), ein Song über Sehnsüchte und die Flucht in Träume – einfach schön. 

Und dann kommt „Locomotion“ mit leicht karibischen Perkussions und „Sailing on the Seven Seas“, und der KunstRasen verwandelt sich endgültig in eine Tanzfläche. Basslinien, Sequencer und Drums treiben die Stücke voran; darüber liegt diese eigentümliche Mischung aus euphorischer Oberfläche und unterschwelliger Melancholie.

Andy McCluskey FOTO: Borys M. Bommel

Der Anti-Kriegssong „Enola Gay“, benannt nach dem US-amerikanischen B-29-Bomber, der am 6. August 1945 die erste Atombombe „Little Boy“ über Hiroshima abwarf, wird zu einer der größten und tanzbarsten Synthpop-Hymnen überhaupt. Die historische Katastrophe verschwindet dabei nicht hinter dem Beat. Gerade der Kontrast macht den Song so stark. OMD können ein schwieriges Thema in drei Minuten Pop verwandeln, ohne es auf eine Botschaft zu reduzieren.

Zugabe

Für die Zugabe sparen sich McCluskey und Humphreys zunächst „Walking on the Milky Way“ auf. Danach folgt „Pandora’s Box“, und zum Schluss kehren OMD mit „Electricity“ an den Anfang zurück – zumindest symbolisch. Die erste Single von 1979 steht für den Moment, in dem aus den Experimenten zweier junger Musiker eine Band wird, die die Popgeschichte verändert. „Electricity“ gilt als ein frühes Schlüsselstück für den Aufstieg des Synthpop. Ein toller Bonner Sommerabend. Danke, Ernst-Ludwig Hartz!

Toller Support: Zoot Woman

Als Support stehen Zoot Woman auf der Bühne – das elektronische Musikprojekt des britischen Produzenten Stuart Price, der bei Konzerten allerdings in der Regel nicht selbst auf der Bühne steht. Live übernehmen die Brüder Johnny und Adam Blake den Auftritt. Mit „We Won’t Break“, „Solid Gold“, „Grey Day“ und „Taken It All“ spannen sie schon einmal das elektronische Koordinatensystem für den Abend auf: treibende Beats, kühle Synthesizer, eingängige Melodien, irgendwo zwischen New Wave, Elektropop und Clubmusik. Das passt erstaunlich gut zu OMD, ohne wie eine Kopie zu klingen.

Zoot Woman. FOTO: Borys M. Bommel

Mit „Coming Up for Air“, „Hope in the Mirror“ und „It’s Automatic“ wird der Sound zunehmend tanzbarer. Die Brüder setzen dabei weniger auf große Bühnenposen als auf Groove und Atmosphäre. Zum Abschluss erklingt „Living in a Magazine“. Nach 45 Minuten ist die Bühne bereitet: Zoot Woman liefern keinen bloßen Aufwärmservice, sondern eröffnen den Abend mit jener eleganten elektronischen Popmusik, deren Wurzeln später auch bei OMD sichtbar und vor allem hörbar werden. Der Übergang wirkt deshalb fast wie ein kleiner Dialog über Generationen hinweg – von Zoot Woman zu den Pionieren des Synthpop. Super!

Martin Cooper von OMD. FOTO: Borys M. Bommel

Setlist:

Atomic Ranch (English Electric, 2013)
Isotype (The Punishment of Luxury, 2017)
Messages (Orchestral Manoeuvres in the Dark, 1980)
Tesla Girls (Junk Culture, 1984)
History of Modern (Part I) (History of Modern, 2010)
(Forever) Live and Die (The Pacific Age, 1986)
If You Leave (Crush, 1985)
Souvenir (Architecture & Morality, 1981)
Joan of Arc (Architecture & Morality, 1981)
Maid of Orleans (Architecture & Morality, 1981)
The Rock Drill (Tape) (Bauhaus Staircase, 2023)
Veruschka (Bauhaus Staircase, 2023)
Talking Loud and Clear (Junk Culture, 1984)
So in Love (Crush, 1985)
Dreaming (Junk Culture, 1984)
Locomotion (Junk Culture, 1984)
Sailing on the Seven Seas (Sugar Tax, 1991)
Enola Gay (Organisation, 1980)

Encore:
Walking on the Milky Way (Universal, 1996)
Pandora’s Box (Sugar Tax, 1991)
Electricity (Orchestral Manoeuvres in the Dark, 1980)

Andy McCluskey FOTO: Borys M. Bommel
Paul Humphreys von OMD. FOTO: Borys M. Bommel
Drummer Stuart Kershaw FOTO: Borys M. Bommel
Gut gelaunt: Andy McCluskey FOTO: Borys M. Bommel
Martin Cooper von OMD. FOTO: Borys M. Bommel
Drummer Stuart Kershaw FOTO: Borys M. Bommel
Publikum beim OND-Konzert. FOTO: Borys M. Bommel
OMD in Bonn. FOTO: Borys M. Bommel
OMD auf dem KunstRasen FOTO: Borys M. Bommel
Toller Support: Zoot Woman. FOTO: Borys M. Bommel
Zoot Woman. FOTO: Borys M. Bommel
Das Publikum feiert Zoot Woman. FOTO: Borys M. Bommel