Michael Brook kündigt die Vinyl-Wiederveröffentlichung seines 1992 erschienenen Albums „Cobalt Blue“ sowie von „Live at the Aquarium“ an

MICHAEL BROOK Foto: The Douglas Brothers

Michael Brook kündigt die Vinyl-Wiederveröffentlichung seines 1992 erschienenen 4AD-Albums Cobalt Blue sowie das Vinyl-Debüt von Live at the Aquarium an (VÖ: 10. Juli). Beide Titel wurden neu von Rashad Becker remastert und erscheinen als Crystal Clear 2×LP sowie 2CD, mit Artwork von Alison Fielding basierend auf den originalen v23-Designs. Cobalt Blue versammelt atmosphärische Instrumentalstücke mit Beiträgen von Brian Eno, Roger Eno und Daniel Lanois, während Live at the Aquarium Brooks seltene Solo-Performance dokumentiert.

Im Jahr 1992 waren seit der Veröffentlichung des Debütalbums Hybrid des Gitarristen und Komponisten Michael Brook bereits sieben Jahre vergangen. In dieser Zeit hatte er bei Brian Enos Label- und Managementfirma Opal unterschrieben und war aus seiner Heimat Toronto nach England gezogen. Er produzierte einen von The Edge komponierten Soundtrack. Der U2-Gitarrist sowie deren Produzent Daniel Lanois hatten außerdem jeweils eigene Versionen von Brooks Erfindung erworben, der sogenannten „Infinite Guitar“, einem modifizierten Instrument, das endloses Sustain ermöglicht.

 Cobalt Blue

Brook tourte in dieser Phase auch intensiv, arbeitete mit Größen der World Music wie Nusrat Fateh Ali Khan und Youssou N’Dour zusammen und war gemeinsam mit Pieter Nooten Co-Künstler und Produzent des Ambient-Klassikers Sleeps with Fishes, der beim renommierten Indie-Label 4AD erschien.

Als Brook schließlich ins Studio zurückkehrte, um an seinem zweiten Album zu arbeiten, hatte er eine enorme Menge neuer Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Das Ergebnis war Cobalt Blue – ein Album, das damals unterschätzt wurde, über die Jahrzehnte jedoch an Ansehen und Einfluss gewann und sich als ein entscheidender Moment in einer bemerkenswerten Karriere erwies.

Brook gilt als Pionier der Ambient-Bewegung und als äußerst gefragter Produzent, insbesondere im Bereich World Music für Peter Gabriels Real World Records. Er hat mit einer großen Bandbreite bedeutender Künstler gearbeitet – darunter Cheb Khaled, U. Srinivas, Mary Margaret O’Hara und The Pogues – und tourte mit David Sylvian, Robert Fripp sowie John Cale. Zudem etablierte er sich als angesehener Filmkomponist und schrieb Musik für mehr als 50 Filme, darunter The Perks of Being a WallflowerAn Inconvenient TruthBrooklyn und Sean Penns Into the Wild. 1996 wurde er für sein Album Night Song mit Nusrat Fateh Ali Khan für einen Grammy nominiert, 2008 für den Into the Wild-Soundtrack für einen Golden GlobeEl Infierno gewann 2011 beim Havana Film Festival den Preis für die beste Musik. 2024 wurde Khans Album Chain of Light, produziert von Brook, vom Guardian zum World-Music-Album des Jahres gekürt.

Der große Unterschied

All diese Erfolge lagen zu diesem Zeitpunkt jedoch noch vor ihm, als er ohne klare Vorstellung von der Richtung seiner Musik mit der Arbeit an Cobalt Blue begann. Der resultierende Sound sei „nicht wirklich Ambient“, sagt Brook, sondern stärker rhythmisch und melodisch; er bezeichnet das Material von Cobalt Blueals „wortlose Songs“. Dieses Gefühl von Antrieb und Variation bedeutete eine Verschiebung der Prioritäten – fast schon eine Art Auflehnung.

„Ich hatte eigentlich kein brennendes Bedürfnis, unbedingt Komponist zu sein“, sagt Brook. „Mich reizte es, verschiedene Bereiche zu erkunden und neue Interessensfelder zu entdecken. Als ich an der York University war, herrschte eine stark anti-tonale, anti-rhythmische Haltung in der Musik“, fügt er hinzu. „Es war mir peinlich, dass ich Gitarre spielte. Aber bei Cobalt Blue war ich darüber hinweg. Ich fühlte mich wohler damit, mich Dingen zuzuwenden, die mehr wie Songs klangen.“

Rückblickend betont Brook die entscheidenden Beiträge, die Eno zu den Arrangements geleistet hat. „Ich hatte davor kaum komponiert und wusste nicht, was ich nicht wusste“, sagt er. „Damals dachte ich oft: ‚Warum hat Brian so starke Meinungen?‘ Aber er hatte recht – und hat wirklich einen großen Unterschied gemacht.“

 Durch Tourneen mit Jon Hassell, die Zusammenarbeit mit Eno und Lanois sowie Auftritte im Rahmen der „Opal Evenings“ mit Roger Eno, Harold Budd und Laraaji erschloss Brook neues Terrain: Er loopte seine Musik live auf der Bühne und arbeitete mit Sequencern und Klangbearbeitung – Experimente, die Cobalt Blue entscheidend prägten.

„4AD bot an, das Album zu veröffentlichen, nachdem das ursprüngliche Label seinen Vertriebsdeal in den USA verloren hatte. Doch in den Jahren nach der Veröffentlichung bekam ich nur sehr wenig Rückmeldungen, auch weil die Musikpresse sich kaum mit Musik beschäftigte, die sich schwer einem Genre zuordnen ließ. Anfangs wusste ich also überhaupt nicht, wie das Album wahrgenommen wurde – es fühlte sich an wie eine Gitarre, die in der Wüste ruft.“

Ein Stück aber erregte Aufmerksamkeit: „Ultramarine“ zeigte Brooks Gitarre mit einer neuen Spielweise – perkussiv, fast wie ein Slap-Bass gespielt, wodurch das Instrument eine zugleich rhythmische und ätherische Qualität bekam. „‚Ultramarine‘ war sowohl bahnbrechend als auch in gewisser Weise einzigartig“, sagt er. „Die Komposition ist durch die Stimmung der Gitarre bestimmt, weil alles auf Harmonien basiert. Irgendwie schien sie bei den Menschen anzukommen.“

Der einflussreiche DJ Chris Douridas spielte den Song bei KCRW, und Regisseur Michael Mann wurde darauf aufmerksam. Er verwendete „Ultramarine“ in seinem Film Heat (1995) und bat Brook, am Soundtrack mitzuwirken. „Dadurch wurde die Filmwelt auf meine Arbeit aufmerksam“, sagt Brook; kurz darauf zog er nach Los Angeles und arbeitete in den folgenden zwei Jahrzehnten an Dutzenden Filmen, darunter BrooklynThe Fighter und The Vow.

Als Cobalt Blue 1999 neu aufgelegt wurde, enthielt die Veröffentlichung eine zweite CD: Live at the Aquarium, aufgenommen bei einem Konzert im Londoner Zoo. Dass diese Aufnahme überhaupt existiert, war reiner Zufall, sagt Brook – niemand hatte ein Band dabei, und kurzerhand wurde jemand in Brooks Wohnung geschickt, um ein DAT zu holen.

„Es war eine große Herausforderung herauszufinden, wie man Cobalt Blue live umsetzt“, sagt er. „Technisch war das extrem kompliziert. Ich musste lange proben, bis ich die Technik so verinnerlicht hatte, dass ich mich auf die emotionale Seite der Musik konzentrieren konnte.“ Beim heutigen Hören erkennt er unterschiedliche Stärken der beiden Versionen: „Die Live-Version hat vielleicht etwas mehr Leidenschaft“, sagt er, „und Cobalt Blue ist eher architektonisch, eher kompositorisch.“

Cobalt Blue markiert einen Übergangsmoment im Schaffen von Michael Brook – ein Schlüssel für die wegweisenden Pfade, die er später einschlagen sollte. „Es war der Beginn eines eigenen Kompositionsprozesses und der Versuch, die Gitarre auf unterschiedliche Weise zu verwenden“, sagt er. „Dort habe ich gelernt, das Studio als Teil des kreativen Prozesses zu nutzen – zum ersten Mal hatte ich mein eigenes Studio, in dem ich wirklich arbeiten konnte. Ich bin ein Studio-Komponist, kein ‚Melodie ins Handy summen‘- oder Notizen-Typ.“

Doch war all das, so Brook, damals weder bewusst geplant noch offensichtlich – so wie sich seine Arbeit generell entwickelt habe. „Ich kann viel mit dem anfangen, was John Lennon einmal als ‘the charisma of uncertainty’ im kreativen Prozess beschrieben hat“, sagt er. „Für mich ist es wie Goldwaschen: Man weiß nie, ob man etwas findet. Das Gold ist hier der Moment, in dem etwas in mir eine emotionale Reaktion auslöst – und ich hoffe, dass es auch bei anderen so ist.“