Von Dylan C. Akalin
Bei dieser Band geht es nicht um ausgefuchste Rhythmuswechsel, um atemberaubend schnelle Gitarrenläufe, um musikalische Stunts durch die Welt der Harmonien. Und Marillion müssen längst niemandem mehr beweisen, dass Progressive Rock nicht von Virtuosität allein lebt. Auf dem KunstRasen Bonn setzt die britische Band am Sonntagabend vor rund 3500 Fans vielmehr auf Atmosphäre, Dynamik und emotionale Tiefe. Das Ergebnis ist ein fast besinnlicher Konzertabend mit exzellentem Sound, großartigen Einzelmomenten und einer Band, die ihre Stärken nach wie vor vor allem in den leiseren Tönen ausspielt. Und das Wetter spielt glücklicherweise auch mit. Ein paar Regentropfen – und der Himmel bleibt uns gnädig mit ein paar grauen Wolken.
„Splintering Heart“ als Opener
Der Einstieg ist bemerkenswert mutig. Nach einem langen instrumentalen Intro vor leerer Bühne betreten die Musiker nacheinander die Bühne zu „Splintering Heart“ (Brave, 1994). Statt eines kraftvollen Openers eröffnet Marillion den Abend mit einer melancholischen Ballade, die den Grundton des gesamten Abends vorgibt. Steve „H“ Hogarth steht zunächst allein im Mittelpunkt, bevor Steve Rothery einsetzt und dem Song mit seinem ersten großen Solo eine enorme emotionale Wucht verleiht.
Steve Rothery und seine Gitarre
Rothery bleibt das ganze Konzert über die prägende musikalische Figur. Zwar steht er nahezu regungslos auf der rechten Bühnenseite, doch seine Gitarre übernimmt die Rolle des eigentlichen Erzählers. Seine Soli entwickeln sich organisch aus den Songs, verzichten auf technische Selbstdarstellung und leben stattdessen von hinreißenden Klangfarben, viel Sustain und melodischer Eleganz. Besonders bei „Crow and the Nightingale“ (An Hour Before It’s Dark, 2022) scheint sein Gitarrenton regelrecht in den Himmel zu steigen.

Rothery und Ex-Genesis-Gitarrist Steve Hackett sind beide die Könige des Sustain und des epischen Gitarrenspiels in der Progrockszene. Ich bin schon auf „The Roaring Waves“ gespannt, „ein atmosphärisches Kollaborationsalbum“, wie die Plattenfirma schreibt, der beiden Gitarristen, das am 28. August 2026 über InsideOutMusic erscheint.
Steve Hogarth hat einfach eine fantastische Stimme
Und Hogarth beweist einmal mehr, warum er seit seinem Einstieg 1989 die ideale Stimme für Marillion ist. Sein Gesang bewegt sich mühelos zwischen Intimität und dramatischer Intensität, seine Bühnenpräsenz bleibt auch nach fast vier Jahrzehnten großartig. Bei „Crow and the Nightingale“ tanzt er – ganz in Schwarz und mit pelziger Jacke – mit ausgebreiteten Armen wie ein Rabe über die Bühne und verleiht der ohnehin poetischen Komposition zusätzliche Ausdruckskraft. Seine lockere Kommunikation mit dem Publikum sorgt dabei immer wieder für sympathische Momente.
Mit „Easter“ (Seasons End, 1989) folgt einer der Bandklassiker. Rothery beginnt auf der Akustikgitarre, bevor sich das Stück langsam öffnet und seine charakteristischen Gitarrenlinien entwickelt. Es ist einer jener frühen Songs, mit denen Marillion ihr Konzept verfolgten, Spannung über Geduld statt über Lautstärke zu erzeugen.
Ein willkommener Kontrast mit „You’re Gone“ und „Go!“
Erst „You’re Gone“ (Marbles, 2004) lockert die bis dahin überwiegend melancholische Stimmung auf. Der entspannte Groove bringt Bewegung ins Publikum; zahlreiche Zuschauer beginnen zu tanzen. Auch „Go!“ (Marbles, 2004) sorgt mit seinem treibenderen Puls für einen willkommenen Kontrast.
Anschließend präsentieren Marillion mit „Ribbons and Lace“ einen bislang unveröffentlichten Song. Hogarth kündigt an, dass das neue Studioalbum derzeit entsteht und im Frühjahr 2027 erscheinen soll. Das neue Stück fügt sich stilistisch nahtlos in den aktuellen Marillion-Sound ein: viel Atmosphäre, breite Klangflächen und ein starker melodischer Fokus statt offensiver Eingängigkeit.
Bei „Sounds That Can’t Be Made“ (Sounds That Can’t Be Made, 2012) setzt sich Hogarth selbst ans E-Piano und genießt sichtlich die entspannte Atmosphäre. Überhaupt wirkt die Band an diesem Abend bemerkenswert gelöst und vollkommen in sich ruhend. Immer wieder kniet er sich an den Bühnenrand oder setzt sich wie zu einem Plausch mit dem Publikum hin.
„Seasons End“
Einen weiteren Höhepunkt bildet „Seasons End“ (Seasons End, 1989). Rotherys Gitarre entwickelt hier beinahe orchestrale Qualitäten, während Mark Kelly mit gläsernen Keyboardflächen zusätzliche Weite erzeugt. Ian Mosleys zurückhaltendes Schlagzeugspiel – insbesondere die fast marschartig klingende Snare – unterstreicht den elegischen Charakter der Komposition.

Kelly prägt den Sound ohnehin entscheidend. Seine Synthesizer schaffen jene breiten Klangräume, die Marillions Musik ihre cineastische Dimension verleihen. Pete Trewavas agiert gewohnt souverän am Bass und hält das harmonisch oft komplexe Material sicher zusammen. Er sucht kaum den Vordergrund, überzeugt aber durch seine präzise und unaufgeregte Spielweise.
Ian Mosley und Andy Gangadeen
Am Schlagzeug bleibt Ian Mosley die verlässliche rhythmische Konstante. Unterstützt wird er an diesem Abend vom britischen Perkussionisten Andy Gangadeen, der bereits mit Duran Duran, ZZ Top, Jeff Beck, Lisa Stansfield und Massive Attack gearbeitet hat. Seine zusätzlichen Percussion-Elemente erweitern das Klangbild hörbar. Besonders das Intro des vierteiligen „Care“ (An Hour Before It’s Dark, 2022) erhält dadurch eine fast an Peter Gabriels World-Music-Phase erinnernde rhythmische Farbe.

Hogarth kündigt „Care“ als Hommage an all jene an, die während der Pandemie geholfen haben, „uns alle zu retten“ – insbesondere Ärzte sowie Pflegekräfte. Die etwa 15 Minuten langen vier Sätze entwickeln sich kontinuierlich, verbinden ruhige Passagen mit dramatischen Steigerungen und gehören zu den stärksten Kompositionen des jüngeren Marillion-Repertoires.
Nach dem vergleichsweise energiegeladenen „Man of 1000 Faces“ (This Strange Engine, 1997) scheint der Abend nach lediglich 83 Minuten beendet. Doch schon nach kurzer Pause kehrt die Band für eine ausgedehnte Zugabe zurück.
Die Zugabe
Erst die Zugabe richtet den Blick stärker auf die Bandgeschichte. Mit „Hotel Hobbies“, „Sugar Mice“ und „The Great Escape“ (alle Misplaced Childhood, 1985) sowie „Afraid of Sunlight“ und „Mad“ (beide Afraid of Sunlight, 1995) öffnet Marillion die Schatzkiste ihrer Klassiker. Gerade die Songs aus „Misplaced Childhood“ entfalten auch mehr als 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer emotionalen Kraft eingebüßt und werden vom Publikum entsprechend begeistert aufgenommen.
Bemerkenswert ist allerdings, dass der wohl größte Hit der Band außen vor bleibt. Immer wieder hallen „Kayleigh!“-Rufe über den Platz des KunstRasens, doch „Kayleigh“ (Misplaced Childhood, 1985) bleibt an diesem Abend unerfüllt. Das passt letztlich zur Dramaturgie des Konzerts: Marillion setzen bewusst nicht auf die offensichtlichen Publikumsfavoriten, sondern auf eine in sich geschlossene, eher ruhige Reise durch ihr Werk. Diese Konsequenz ist durchaus nachvollziehbar, auch wenn ein oder zwei zusätzliche rockigere oder bekanntere Stücke dem Konzert insgesamt etwas mehr Dynamik und Abwechslung verliehen hätten.

Setlist, Marillion – KunstRasen. 5. Juli 2026
Splintering Heart
Crow and the Nightingale
Easter
You’re Gone
Go!
Ribbons and Lace
Sounds that can’t be Made
Seasons End
Care (I) Maintenance Drugs
Care (II) An Hour Before It’s Dark
Care (III) Every Cell
Care (IV) Angels on Earth
Man Of 1000 Faces
Encore:
Hotel Hobbies
Afraid Of Sunlight
Sugar Mice
Mad
Great Escape











