Abenteuer im Klanggeflecht: Das moers festival 2026 zwischen Ekstase, Improvisation und Erzählung. Diese Künstler*innen und Bands treten auf

Lakecia FOTO: Elizabeth Letizell

Von Dylan C. Akalin

Fünf Tage, unzählige Perspektiven: Das 55. moers festival entfaltet unter dem Motto „Âventiure im Soundwald“ ein Programm, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Zwischen Spiritual Jazz, globalen Klangtraditionen, radikaler Improvisation und installativer Kunst entsteht ein dichtes Geflecht musikalischer Gegenwart – ein Festival als Erfahrungsraum. Moers. Das bundesgeförderte moers festival findet vom 21. bis 25. Mai 2026 statt.

Spirit und Groove: Die Rückkehr der Energie

Es sind Künstler*innen wie Lakecia Benjamin, die dem diesjährigen Programm eine besondere Erdung verleihen. Benjamin, deren Spiel tief in der Tradition von John und Alice Coltrane wurzelt, bringt eine Musik nach Moers, die gleichermaßen spirituell aufgeladen und körperlich unmittelbar ist. Ihr Saxofon predigt, tanzt und feuert – getragen von Funk, Gospel und der ungebrochenen Kraft afroamerikanischer Jazzgeschichte.

In einem Festival, das oft die Ränder des Hörbaren erkundet, wirkt ihre Präsenz wie ein vitaler Gegenpol: zugänglich, aber nie simpel, traditionsbewusst, ohne nostalgisch zu sein.

Klang als Identität: Stimmen der Gegenwart

Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich arbeitet Joy Guidry. Ihr Instrument, das Fagott, wird bei ihr zum Resonanzkörper persönlicher und politischer Erzählungen. Elektronik, Stimme und performative Elemente verschmelzen zu einem Ausdruck, der Fragen von Queerness, Zugehörigkeit und Geschichte verhandelt.

Auch Projekte wie Nana Benz du Togo oder Witch ‘n’ Monk setzen auf die Kraft der Stimme – mal als kollektives Ritual, mal als fragile, suchende Geste. In Moers wird Gesang nicht als Form, sondern vielleicht als sowas wie Haltung verstanden.

Intime Dialoge: Die Kunst des Zuhörens

Einen Gegenentwurf zur großen Geste bildet das Trio um Angelika Niescier, Tomeka Reid und Eliza Salem. Hier geht es um Energie, um Verdichtung: minimale Bewegungen, maximale Aufmerksamkeit.

Diese Musik entsteht im Moment – tastend, atmend, offen. Reid erweitert mit ihrem Cello das klangliche Vokabular des Jazz, während Niescier zwischen lyrischer Zurücknahme und eruptiver Zuspitzung pendelt. Es sind Konzerte wie dieses, die zeigen, dass Radikalität nicht laut sein muss.

Transkulturelle Räume: Musik als Übersetzung

Das Festival versteht sich seit jeher als globales Labor – und 2026 wird dieser Anspruch besonders deutlich. Gordon Grdina verbindet in seinem Projekt RU’YA arabische Musiktraditionen mit freier Improvisation. Die Oud wird dabei zum Dreh- und Angelpunkt eines Ensembles, das kulturelle Grenzen nicht überwindet, sondern produktiv macht.

Ähnlich vielschichtig ist Burned Roads of Myanmar, wo traditionelle Instrumente auf improvisierende Stimmen wie Nicole Mitchell treffen. Hier entsteht kein „Crossover“, sondern ein fragiler Dialog – ein musikalisches Nachdenken über Herkunft und Gegenwart.

Komponierte Landschaften: Klang wird Raum

Mit Nate Wooley rückt ein Künstler in den Fokus, der Musik als räumliches Erlebnis begreift. Sein Werk After Nan Shepherd übersetzt Literatur in Klang – Landschaft wird hörbar, Bewegung wird Struktur.

Überhaupt spielt Komposition in Moers eine zentrale Rolle: Die Würdigung von György Kurtág und Morton Feldman zeigt zwei Extreme – Verdichtung und Zeitdehnung, Fragment und Fläche. Dazwischen öffnet sich ein weiter Raum für neue Formen des Hörens.

Große Ensembles: Kollektive Visionen

Dass das Festival trotz aller Fragmentierung auch die große Form beherrscht, beweist die Zusammenarbeit von Nduduzo Makhathini mit der WDR Big Band unter Leitung von Vince Mendoza. Hier trifft orchestrale Wucht auf spirituelle Tiefe – ein Klangkörper, der gleichermaßen strukturiert und offen wirkt.

Auch das Ideal Orchestra von Gellért Szabó verfolgt eine kollektive Idee von Musik: Ensemble als Organismus, Komposition als Prozess.

Ekstase und Material: Die Ränder des Hörbaren

Am anderen Ende des Spektrums stehen Künstler wie Chris Corsano und Ches Smith, die das Schlagzeug aus seiner Rolle befreien. Rhythmus wird hier zur Textur, Energie zur Form.

Das indonesische Duo Senyawa geht noch weiter: selbstgebaute Instrumente, archaische Stimmen, eine Intensität, die eher an Ritual als an Konzert erinnert.

Und schließlich Moritz Simon Geist, dessen robotische Klangmaschinen die Frage stellen, wer hier eigentlich musiziert – Mensch oder Maschine.

Ein Festival als offenes System

Was bleibt, ist der Eindruck eines Festivals, das sich bewusst jeder Ordnung entzieht. Zwischen Sessions, Installationen, Workshops und politischen Diskursen entsteht ein Raum, in dem Musik nicht nur präsentiert, sondern verhandelt wird.

Das moers festival 2026 ist kein Line-up im klassischen Sinne. Es ist ein begehbarer Gedanke – ein Soundwald, in dem man sich verlieren muss, um ihn zu verstehen.