Nick Cave und The Bad Seeds verwandeln den KunstRasen Bonn am Dienstagabend in einen Ort zwischen Rockkonzert, Gottesdienst und emotionalem Ausnahmezustand. Zweieinhalb Stunden lang singt Cave von obsessiver Liebe, Gewalt, Verlust und Trauer – und findet am Ende doch zu Hoffnung und Zuversicht. Ein intensiver Abend.
Von Dylan C. Akalin
Ich hatte es ja geahnt. Die Tränen kommen bei „Carnage“. Natürlich. Diese Bilder, diese Umschreibung von Trauer, Schmerz, Lieber, Abschied, Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits, das alles in poetischen Worten, der durchdringende, zarte Gesang trifft einen mitten ins Herz, und Nick Cave hat diese Situation auf seinem Balkon im Gespräch mit Seán O’Hagan in dem wunderbaren Buch „Faith, Hope and Carnage“ ja beschrieben. Das alles kommt mir in den Sinn, als Nick Cave am Dienstagabend diesen Song anstimmt. Es sollte nicht der einzige Moment bleiben, an dem ich und sicher viele der fast 10.000 Fans auf dem KunstRasen Bonn Gänsehaut am ganzen Körper bekommen sollten.
Nick Cave live bedeuten zweieinhalb Stunden intensives Erlebnis, bedeuten, einen Künstler mit einer unglaublich guten Band (The Bad Seeds) zu sehen, der sich derart verausgabt, emotional, körperlich und gesanglich, dass man sich nur wundern kann, wie einer wie er so eine ganze Tour durchstehen kann. Nick Cave gehört für mich so wie Mat Berninger zu jenen Künstlern, die authentisch und überzeugend für ihre Kunst und Poesie stehen wie kaum andere, die die Nähe zu ihren Fans brauchen. Deshalb wurden eigens vor der Bühne ein weiterer Steg erreichtet, auf dem Cave während des ganzen Abends immer wieder herabsteigen konnte, Hände schütteln, festhalten oder sich einfach ins Getümmel stürzen konnte, sich von seinen Fans auf Händen, Schultern und Köpfen tragen ließ.
Dramaturgie der Songauswahl
Und die Dramaturgie seiner Songauswahl hätte kaum besser sein können. Nick Cave ist einer, der ein ganz eigenes, sehr ausgeprägtes Verständnis von Liebe und Glauben hat. Und darum geht es auch an diesem Abend: um Liebe. Das Thema zieht sich wie ein Bogen durch die Setlist: beginnend mit der obsessiven, zerstörerischen Liebe, die er in punkig-rockiger Attitüde besinnt über Verlust und Trauer bis zu einer Liebe, die spirituell wird und Hoffnung ermöglicht. „Get Ready for Love“ als Opener ist genial, um die Fans aufzurütteln, mit schrägen Sounds und leierndem Gesang besingt er „From Her to Eternity“, und um Liebe dreht sich doch auch alles in „Henry Lee“, „The Weeping Song“, „Joy“, „Bright Horses“, „Hollywood“ und in der Zugabe „Into My Arms“. Oder?

Ok, In „From Her to Eternity“ ist Liebe alles andere als romantisch. Sie ist Obsession, Fixierung, beinahe Wahnsinn. Ein Mann beobachtet eine Frau, verfolgt sie, liest ihre Tagebücher, doch sie bleibt für ihn unerreichbar – und gerade diese Unerreichbarkeit macht das Begehren immer größer. Liebe wird hier zu einer dunklen, bösen, gefährlichen Kraft. Düsterer Post-Punk, vermischt mit Noise-Rock und Gothic dröhnen über den Platz, Warren Ellis krümmt sich als er die Geige spielt und geradezu zu zerschlagen droht. Sein weißes Haar und der lange Bart leuchten im gleißenden Scheinwerferlicht. „What the fuck is wrong with you people?“, fragt Cave nach dem Song beeindruckt vom ausflippenden Publikum.
Nick Cave interessiert sich immer wieder für diese archaische, rohe Kraft von Liebe. In der Ballade „Henry Lee“ führt Liebe zu Eifersucht, Verrat und Tod.
Persönlicher Schmerz
Aber am intensivsten wird Cave, wenn es um persönlichen Verlust und Schmerz geht. Und diese Erfahrungen musste Nick Cave ja einige machen. Persönliche Katastrophen in seinem Leben veränderten seine Sprache. In „Joy“, „Bright Horses“, „Rings of Saturn“ und besonders „Hollywood“ ist Liebe immer auch mit der Erfahrung verbunden, jemanden verlieren zu können – oder bereits verloren zu haben. Aber Cave bleibt nicht in seinem Schmerz stehen. In all der Düsternis findet er auch Licht und Hoffnung. Kann Liebe nach dem Verlust weiterexistieren? Kann man noch Schönheit wahrnehmen, obwohl man weiß, wie schrecklich die Welt sein kann? Was für eine Spannung er bei „Bright Horses“ aufbaut, wo Hoffnung und Verzweiflung gleichzeitig im Raum stehen. Die schönen Dinge sind da – aber der Sänger weiß, dass sie zerbrechlich sind. Es ist ein zentraler Songs über Trauer und Hoffnung. Die Welt erscheint zunächst zerstört, gleichzeitig tauchen immer wieder Bilder von Schönheit und Licht auf. Das Album „Ghosteen“ entstand nach dem Tod von Caves Sohn Arthur. Cave selbst beschrieb die Songs des ersten Teils als die „Kinder“ und die des zweiten Teils als deren Eltern; „Ghosteen“ sei ein „migrating spirit“.

Es ist auch so ein wunderschöner Moment, als er die Zeile „Bright horses of wonder springing from your burning hand“ singt, Warren seinen hohen zarten Backgroundgesang einsetzt und eine Taube aus dem Dunkel auftaucht, quer vor der Bühne aufsteigt und davonfliegt. Es ist ein Song wie ein Gebet.
Und dann gibt es Songs wie „Into My Arms“. Hier wird Liebe zu einer Haltung gegenüber der Welt: Sich zu öffnen, trotz aller Verletzungen. Und was für ein Publikum! Da sind 10.000 Leute auf dem Platz und sind ganz still, als die Instrumente ruhen und alle den Refrain leise mitsingen.
„Into My Arms“ ist vielleicht auch deshalb so faszinierend, weil Cave ihn mit einer Art Glaubensbekenntnis beginnt. Der berühmte Beginn stellt die Existenz eines eingreifenden Gottes infrage. Doch unmittelbar danach folgt der Gedanke, dass dieser Gott, falls es ihn doch gäbe, der geliebten Person Segen und Schutz geben möge.
Glaube und Zweifel
Das ist sehr typisch Nick Cave: Er glaubt und zweifelt im selben Atemzug. Ja, vielleicht ist er ein überzeugter Agnostiker, so wie ich. „Gläubig“ zu sein, scheint für Nick Cave etwas sehr Komplexes zu sein. Nick Cave ist sicher ein spiritueller Suchender und jemand, für den Gott eine existenzielle Frage ist. Wenn es einen Gott gibt, so scheint es aus seinen Texten, dann kann ich ihn anklagen, an ihm zweifeln, ihn herausfordern – aber auch hoffen.
Warum sonst klingt „Get Ready for Love“ fast wie ein Gospel oder eine Predigt? Warum arbeitet er sonst in „O Children“ mit biblischen Bildern und einer Sprache von Erlösung? Ist es nicht irre, wie er in „Tupelo“ die Geburt Elvis Presleys in einer fast biblisch-apokalyptischen Bildwelt erzählt? „The Mercy Seat“ kreist um Schuld, Gericht, Tod und Gnade. „Hollywood“ verbindet persönliche Trauer mit der großen Frage, wie man an einen liebenden Gott glauben kann, wenn Kindern Schreckliches geschieht.

Und dann dieses Spiel mit Licht und Farben. Da wird die Bühne mal in ein Bischofs-Violett getaucht, das Licht an anderer Stelle erhellt die Bühne wie Sonne eine Kathedrale. Bob Dylan ist ja nicht gerade einer, der sich viel über andere Künstler äußert. Vor zwei Jahren hat er wohl Nick Cave and the Bad Seeds in Paris gesehen und schrieb danach beeindruckt auf X: „Saw Nick Cave in Paris recently at the Accor Arena and I was really struck by that song Joy where he sings “We’ve all had too much sorrow, now it the time for joy.” I was thinking to myself, yeah that’s about right.“
Ich könnte noch so vieles über diesen einzigarbeiten Abend mit Nick Cave schreiben, etwa, dass „fucking Bonn“ (Nick Cave) vielleicht auch so einen Kerl wie in „Red Right Hand“ bräuchte, aber hören wir lieber auf mit Nick Caves Botschaften in seiner Zugabe: „Cinnamon Horses“ und „Into My Arms“: „… love asks for nothing/But love costs everything“ und „But I believe in love/And I know that you do too“.

Setlist Nick Cave and The Bad Seeds, Bonn, 25.08.2026
Get Ready for Love
From Her to Eternity
Train Long-Suffering
O Children
Tupelo
Carnage
Joy
Rings of Saturn
Bright Horses
Henry Lee
The Mercy Seat
Papa Won’t Leave You, Henry
Red Right Hand
The Weeping Song
Jubilee Street
Hollywood
Encore:
City of Refuge
Cinnamon Horses
Into My Arms




