Ein Sound wie ein Sog: „The Phantom Void“ zieht in unbekannte Klangräume. Was als Leere beginnt, entpuppt sich als rauschhafte Verdichtung von Klang, Raum und Emotion. Long Distance Calling treiben auf ihrem neuen Album ihr Spiel mit Dynamik, Nähe und Distanz auf die Spitze – und liefern ein Album, das zum Erlebnis einlädt. „The Phantom Void“ ist das neunte Studioalbum der deutschen Instrumental-Rocker aus Münster und erscheint am 10. April 2026 zum 20-jährigen Bestehen der Band.
Von Dylan C. Akalin
Meine Fresse, was für ein Sound! Was für klangliche Dimensionen! Es gibt Alben, die Räume öffnen. Und es gibt „The Phantom Void“ von Long Distance Calling, wo Räume geschaffen werden, in denen man sich verliert. Was hier als „Leere“ firmiert, ist in Wahrheit ein vibrierender Zwischenzustand: ein Ort, an dem sich Klang verdichtet, auflöst und neuformiert.
Schon der Opener „Mare“ legt eine falsche Fährte. Düsteres Intro wie bei einem Vorspann zu einem John Carpenter-Thriller, eine dunkle Stimme aus dem Off mahnt, die Augen zu schließen, er zählt von 10 ab, Hammerschläge in der Ferne. Und „The Spiral“ startet, bringt Bewegung ins System. Schräge Gitarrenlinien, abrupte Breaks, scharf konturierte Riffs – und darunter ein Schlagzeug, das nicht begleitet, sondern strukturiert. Doch kaum glaubt man, eine Richtung erkannt zu haben, entzieht sich das Stück wieder – ein Prinzip, das sich durch das gesamte Album zieht. Long Distance Calling verweigern die lineare Entwicklung zugunsten eines tastenden, suchenden Erzählens.
Modellierte Zeit
Janosch Rathmer spielt hier nicht einfach Patterns, er modelliert Zeit. Die Felle sind straff gespannt, jeder Schlag sitzt wie ein Einschnitt ins Gewebe des Stücks. Und doch wirkt nichts mechanisch; die Dynamik bleibt atmend, organisch. Dröhnende, mehrschichtige Sounds, wir lassen uns fallen, während immer neue Soundeindrücke um uns erblühen.
Mit „A Secret Place“ gelingt einer der eindrücklichsten Momente des Albums. Das Tom-Intro wirkt physisch, beinahe greifbar, bevor sich die Musik öffnet und in eine fragile, schwebende Passage überführt wird. Gezupfte, entrücke Gitarren, eine Stimme aus dem Off Vocal-Fläche – das ist von einer klanglichen Präzision, die begeistert. Die Band dreht die Spannung immer weiter bis zum dröhnenden Gipfel der Wanderschaft. Der Sound ist wie gemacht für einen „geheimen Ort“, eine neblige Landschaft, die in unserer Fantasie mit realistischen Pinselstrichen des Romantikers Casper David Friedrich entsteht und von einem Piano am Ende aufgelöst wird.
„Nocturnal“ besticht durch ein raffiniertes Spiel mit Nähe und Ferne. Der Einstieg: schnell, schneidend, fast aggressiv. Wah-Wah-Gitarren kreischen, als wollten sie den Hörer abschütteln. Doch Long Distance Calling wären nicht sie selbst, würden sie diese Energie nicht brechen. Was folgt, ist ein komplexes Wechselspiel aus Nähe und Distanz: Gitarren, die wie aus weiter Ferne hallen, treffen auf Riffs, die unmittelbar am Ohr zerren. Dazwischen chaotische Passagen, die sich plötzlich wieder zu einem Groove verdichten. Es ist diese permanente Verschiebung der Perspektive, die das Stück so faszinierend macht.
Fragile Zwischenzustände
Der Titeltrack „The Phantom Void“ bündelt schließlich die ästhetischen Linien des Albums. Glockenartige Gitarren und Synthesizer, schnelle Arpeggien, darüber ein Schlagzeug, das mit viel Hall arbeitet und dadurch fast etwas Ritualhaftes bekommt. Man fühlt sich unweigerlich an die klangliche Architektur von Mike Oldfield erinnert, insbesondere an die kreisenden Motive von „Tubular Bells“. Doch wo Oldfield strukturiert, lassen Long Distance Calling mehr Brüche zu, mehr Dunkelheit. Das Stück kippt mehrfach, wird dumpfer, aggressiver, nur um sich wieder in fragile Zwischenzustände zurückzuziehen.

„Shattered“ wirkt dagegen fast wie ein Innehalten. Volume-Pedal-Gitarren legen sich wie Schleier über das rhythmische Fundament, während Rathmer die Bewegung über die Toms organisiert. Wieder entsteht dieser Eindruck von Schichtung, von übereinanderliegenden Ebenen, die sich nie vollständig decken.
Mit „Sinister Companion“ endet das Album in einer Art psychedelischer Öffnung. Ein gluckerndes Intro, dann der plötzliche, dramatische Einsatz der Band – und erneut diese Mischung aus Struktur und Auflösung. Die Nähe zu Pink Floyd ist hier weniger Zitat als Haltung: das Vertrauen darauf, dass sich Musik Zeit nehmen darf, dass sie wachsen und sich entfalten muss. Dann diese weiten, gestenreichen Gitarren, die Räume öffnen…
Wahnsinnserlebnis voller rätselhafter Sounds
Was „The Phantom Void“ so besonders macht, ist seine Konsequenz. Es ist ein Experimentieren mit den Dimensionen der musikalischen Räumlichkeit, was bisweilen soweit geht, dass man meint, die Musik müsse sich erst selbst verorten. Über Kopfhörer ist es ein Wahnsinnserlebnis voller rätselhafter Sounds, Klangschichten und Momenten voll Schönheit, die derart viele Bilder in unserer Köpfen erzeugen, dass man keine chemischen Substanzen mehr braucht.
Dieses Album will erfahren werden. Es verlangt vielleicht auch etwas mehr Aufmerksamkeit, sicher keine Geduld – aber die Bereitschaft, sich auf seine Verschiebungen einzulassen. Die vermeintliche Leere im Titel entpuppt sich dabei als Resonanzraum: für Klang, für Atmosphäre, für die eigene Wahrnehmung. Long Distance Calling haben ein Werk geschaffen, das unsere Sinne anspricht. Ein Hammeralbum! Wie das wohl live klingen mag?