Von Dylan C. Akalin
Mit „Wilderness of Mirrors“ schlagen Myrath ein neues Kapitel auf – eines, das ihre typische Handschrift bewahrt, sie aber deutlich in Richtung Zugänglichkeit und internationale Anschlussfähigkeit verschiebt. Was früher stärker im Progressive Metal verwurzelt war, erscheint hier auffallend verdichtet, eingängig – stellenweise sogar popaffin. Das Album erscheint am 27. März.
Schon nach wenigen Durchläufen wird klar: Die Tunesier haben ihre Songs stärker auf prägnante Hooks und klare Refrainstrukturen hin komponiert. Viele Stücke wirken geschmeidiger, unmittelbarer, fast radiotauglich – ohne dabei ihre Identität völlig preiszugeben. Der Opener „The Funeral“ setzt sich gleich im Ohr fest.
Und „Breathing Near the Roar“ ist ein gutes Beispiel für diesen Kurswechsel. Der Song kombiniert ein treibendes Riff mit einem sofort zündenden Refrain und einer rhythmischen Struktur, die deutlich über den Metal-Tellerrand hinausweist. In seiner Dramaturgie – Steigerung, Hook, klare Emotionalität – besitzt er tatsächlich eine Qualität, die man sonst eher aus dem Umfeld des Eurovision Song Contest kennt: ein Song, der kulturelle Eigenheit mit maximaler Eingängigkeit verbindet. Die Nummer könnte in Tanzclubs durchaus zu einem heimlichen Favoriten werden.

Auch Stücke wie „Until the End“ setzen auf große, fast hymnische Duett-Momente, während „The Funeral“ mit seiner positiven, fast uplifting Grundstimmung überrascht. Myrath denken ihre Musik stärker in Bildern und Szenen, fast wie für eine große Bühne – und nehmen dabei bewusst eine gewisse Nähe zum Pop in Kauf.
Rhythmische Erweiterung: Afrikanische Einflüsse
Neu – oder zumindest stärker ausgeprägt als zuvor – ist die Integration afrikanischer Rhythmik. Während Myrath schon immer mit orientalischen Skalen und Nahost-Elementen gearbeitet haben, öffnet sich „Wilderness of Mirrors“ rhythmisch weiter nach Süden: Polyrhythmische Percussion verleiht einigen Tracks eine zusätzliche Erdung Die Grooves wirken tanzbarer, körperlicher, weniger „europäisch gerade“
Einzelne Passagen erinnern eher an nord- oder westafrikanische Rhythmuskonzepte als an klassischen Metal. Diese Erweiterung sorgt dafür, dass die Musik weniger symphonisch-schwebend, dafür pulsierender und unmittelbarer wirkt. Besonders „Breathing Near the Roar“ profitiert davon: Der Song lebt nicht nur vom Refrain, sondern von seinem unterschwelligen rhythmischen Druck, der sich fast körperlich überträgt.
Texte im Spannungsfeld von Klarheit und Vereinfachung
Parallel zur musikalischen Öffnung werden auch die Texte zugänglicher. Das zentrale Motiv des „Spiegel-Labyrinths“ – also die Frage nach Wahrnehmung, Illusion und Identität – bleibt erhalten, wird aber direkter formuliert.
Wo frühere Alben teilweise metaphorisch verschachtelt waren, setzt „Wilderness of Mirrors“ stärker auf emotionale Klarheit: Beziehungen als Spiegel („Until the End“), innerer Kampf und Selbstbehauptung („Breathing Near the Roar“), Erinnerung und Verlust („Soul of My Soul“).
Das hat zwei Seiten: Einerseits gewinnen die Songs an Unmittelbarkeit, andererseits geht ein Teil der früheren Rätselhaftigkeit verloren. Die Texte wirken weniger kryptisch, dafür universeller.
Balanceakt zwischen Eigenständigkeit und Mainstream
Der entscheidende Punkt: Myrath bewegen sich hier auf einem schmalen Grat. Die stärkere Pop-Affinität, die klareren Strukturen und die rhythmische Öffnung machen das Album zugänglicher denn je – bergen aber auch die Gefahr, dass die Band einen Teil ihrer ursprünglichen Komplexität einbüßt. Doch „Wilderness of Mirrors“ kippt nicht ins Beliebige. Dafür sorgen die weiterhin präsenten orientalischen Melodien, Zorgatis fantastischer, charismatischer Gesang und die geschickte Einbindung neuer rhythmischer Elemente
„Wilderness of Mirrors“ ist das bislang eingängigste Album von Myrath – und wahrscheinlich auch ihr strategisch klügstes. Die Band erweitert ihr Klangspektrum um afrikanische Rhythmen, reduziert die progressive Verspieltheit zugunsten klarer Songstrukturen und schreckt auch vor popnahen Momenten nicht zurück.
Dass ein Song wie „Breathing Near the Roar“ problemlos auf einer großen internationalen Bühne funktionieren könnte, ist dabei kein Zufall, sondern Ausdruck einer bewussten Öffnung.
Myrath verlieren dabei nicht ihre Identität – aber sie spiegeln sie neu. Und genau darin liegt die Stärke dieses Albums: Es zeigt eine Band, die verstanden hat, dass Zugänglichkeit kein Verrat am Progressive Metal sein muss, sondern auch ein Werkzeug. Ein Album, das man sich immer und immer wieder anhören will.