Von Dylan C. Akalin
Der letzte Song dieses Abends hat etwas Tröstliches. Mit „Every Grain of Sand“, einem beinahe andächtigen Glaubensbekenntnis, verabschiedet Bob Dylan die rund 5000 Fans in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Er präsentiert das Stück als leichtfüßigen Walzer, mit aufrichtigen Worten und einem gefühlvollen Mundharmonika-Solo. Dann steht er da, in seinen dunklen Hoodie gehüllt, schmächtig, fast verloren vor den schattenwerfenden hohen Vorhängen der Bühne. Kurz breitet er die Arme aus, als wolle er sich bei seiner Band bedanken, und ist schon verschwunden.
Bob Dylan hat uns mal wieder überrascht. Er singt an diesem Abend so klar wie lange nicht: kaum Krächzen, kaum Genuschel, dafür erstaunlich hohe, beinahe zarte Töne. 100 fantastische Minuten.
Mit dem lässig groovenden, bluesigen „Watching the River Flow“ eröffnet Dylan den Abend. Von der ersten Minute an prägt das entspannte Zusammenspiel der Band den Sound – weniger die ursprüngliche Dringlichkeit der Songs als ihre jazzige und bluesige Leichtigkeit.
Fantastische Band
Dylan präsentiert seine Songs mit einer Filigranität und Leichtigkeit, die ihnen eine überraschende Frische verleiht. Mit seinem langjährigen Begleiter Tony Garnier an E-Bass und Kontrabass, Anton Fig am Schlagzeug sowie den beiden neuen Gitarristen Joel Paterson und Mike Seal klingt die Band wie neu justiert.
Der Chicagoer Joel Paterson verbindet auf seiner Gibson-Halbakustik Jazz, Blues und Western Swing. Mike Seal wiederum schöpft aus Jazz, Blues, Rock und Americana. Gemeinsam weben die beiden eine Klanglandschaft, in der sich die Genres ganz selbstverständlich begegnen. Wie sie sich musikalisch die Bälle zuwerfen, ist eine Freude.
So mancher Klassiker erhält eine ganz neue Note: „Love Sick“ bewegt sich auf einem zurückhaltenden Reggae-Rhythmus. Seal glänzt hier mit einem Solo auf seiner Fender Telecaster und einem extrem klaren Sound. „It Ain’t Me, Babe“ singt Dylan fast flüsternd. In der zweiten Strophe erhält das Lied sogar eine romantische Note. Dabei macht der Erzähler einer Frau unmissverständlich klar, dass er nicht der Mann ist, den sie sucht.
Something is happening – and I don’t know what it is…
Ist der 85-Jährige in einer versöhnlichen Phase? „Tryin‘ to Get to Heaven“ vom 1997 erschienenen Album „Time Out of Mind“ erzählt von einem Menschen am Ende eines langen Lebens, der spürt, wie die Zeit verrinnt, und den Sinn seiner Erfahrungen hinterfragt. In der Bridge verleihen die Gitarren dem Stück beinahe spanische Harmonien. Zum ersten Mal an diesem Abend stellt sich bei mir das Gefühl mediterraner Leichtigkeit ein – ein Eindruck, der sich im weiteren Verlauf noch verstärken wird.
Auch „Crossing the Rubicon“, ein langsamer, düsterer Blues über Schuld, Erlösung und Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen, wirkt an diesem Abend wie eine beiläufig erzählte Geschichte. Es ist, als säßen wir auf einer weinumrankten Terrasse, blickten in die mondbeschienene Nacht und hörten Dylan unvermittelt über die dunklen Tage dieser aus den Fugen geratenen Welt sinnieren.
Verblüffend
Man ist verblüfft. Und bevor man ganz begriffen hat, was gerade passiert, erzählt Dylan mit den Worten von Bo Diddleys „I Can Tell“ von einer Liebe, die nicht erwidert wird. Dann setzt Mike Seal auf seiner Telecaster zu einem so schönen Gitarrensolo an, dass man geradezu hypnotisiert ist. Ich sehe meinen Konzertbegleiter an. Er schüttelt beseelt den Kopf, einige im Publikum jauchzen, andere klatschen.
Dumpf klingen die Saiten beim abrupt düsteren, fast bedrohlichen „Black Rider“. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Dylan sich an diesem Abend ein wenig über die zahlreichen Interpretationen des Songs lustig macht. Vielleicht denkt er an jene, die darin ein Bekenntnis sexueller Besessenheit erkennen und Formulierungen wie „living too hard“, „up all night“ oder „on the job“ als Anspielungen verstehen. Ob Dylan tatsächlich eine Spur Ironie hineinlegt? Das Arrangement jedenfalls könnte ebenso gut zu einer Tanzveranstaltung auf einem kleinen Platz irgendwo in Italien passen. Humor, Melancholie und sogar eine Spur Romantik bestimmen den Song. Gerade dieser Kontrast macht ihn so faszinierend.
„Tangled Up in Blue“ in neuer Fassung
Und dann kommt der Song, auf den viele gewartet haben: Nachdem Dylan in Oslo erstmals eine neue Version von „Tangled Up in Blue“ präsentiert hat, ist die Spannung groß. Vom ursprünglich so rhythmischen Gefüge ist kaum etwas geblieben. Die Sätze rollen nicht mehr vorwärts, sondern spülen sich wie sanfte Wellen an den Strand. Dylans Klavier setzt dazu schroffe Kontrapunkte.
Vier Strophen lang tastet er sich durch eine neue Version seines Klassikers. Nur die ersten beiden Strophen des Originals sind noch ansatzweise wiederzuerkennen. Der Rest ist neu: Bilder von gefrorenen Wäldern, fallenden Blättern, vergehenden Momenten und einer Vergangenheit, die den Erzähler nicht loslässt. Die Liebe bleibt, was sie immer war – eine offene Wunde, eine Erinnerung, in der man sich verfangen hat. „Tangled up in blue“ ist nicht länger nur eine Geschichte, die sich durch die Zeit bewegt. In dieser Fassung wirkt sie wie ein Rückblick, in dem sich alles auflöst und zugleich nichts wirklich verschwindet.

Es folgt „When I Paint My Masterpiece“, das wie schon vor zwei Jahren mit Harmonien aus Irving Berlins Klassiker „Puttin‘ On the Ritz“ überrascht. Der Song klingt beinahe sizilianisch, auch wenn die Grundstimmung gegen Ende rauer wird.
„Not Dark Yet“, das Dylan erstmals seit 2019 wieder ins Programm nimmt, und die Jerry-Lee-Lewis-Nummer „I Can’t Seem to Say Goodbye“ passen wunderbar zusammen. Beide tragen auf ihre Weise die nachdenkliche, beinahe ermutigende Haltung eines Menschen in sich, der sich mit dem Altern auseinandersetzt und vielleicht sogar seinen Frieden damit gemacht hat.
100 Minuten
Bei „Early Roman Kings“ erklingt eine wunderschöne Slidegitarre. Sehr lässig und etwas jazzig geht es bei „Soon After Midnight“ zu, ein wenig Swing gesellt sich zu „Million Miles“. Als Dylan bei „Under the Red Sky“ erstmals zur Mundharmonika greift, geht ein Raunen durch den Saal, gefolgt von begeistertem Applaus. Mit „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ und „Goodbye Jimmy Reed“ nähert sich der Abend seinem Ende.
Mit „Every Grain of Sand“ entlässt Dylan das Publikum schließlich mit einem Lied über Glauben, Zweifel und die Suche nach Halt. Es passt zu diesem Abend, an dem selbst die düsteren Songs ihre Schwere verlieren, ohne ihre Tiefe einzubüßen. Vielleicht ist es das Überraschendste an diesen 100 Minuten: dass Bob Dylan, der große Rätselhafte, seine Musik an diesem Abend so leicht und beinahe versöhnlich klingen lässt. Und dass man die Halle verlässt, ohne das Gefühl zu haben, alles verstanden haben zu müssen.
Setlist Bob Dylan – Düsseldorf 2026
Watching the River Flow
Love Sick
It Ain’t Me, Babe
Tryin‘ to Get to Heaven
Crossing the Rubicon
I Can Tell (Bo Diddley cover)
Black Rider
Tangled Up in Blue
When I Paint My Masterpiece
Not Dark Yet (First time since 2019)
I Can’t Seem to Say Goodbye (Jerry Lee Lewis cover)
Early Roman Kings
Soon After Midnight
Million Miles
Under the Red Sky
I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You
Goodbye Jimmy Reed
Every Grain of Sand