Zwischen Gänsehaut und Clubrausch: Moby verzaubert 5500 Fans auf dem KunstRasen Bonn – WestBam ist nicht nur als Support dabei

Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Techno, Gospel, Soul und Pop, dazu Bilder wie fließende Farben: Moby verwandelt den KunstRasen Bonn in ein Gesamtkunstwerk für Augen, Ohren und Herz. Rund 5500 Fans erleben einen Abend voller Tanz, Melancholie und großer Emotionen – mit einem zarten „Heroes“ für David Bowie, einem stimmgewaltigen Jacob Lusk und einem euphorischen Finale mit WestBam.

Von Dylan C. Akalin

Feine Schlieren lösen sich wie Ölspuren aus der Tiefe klaren Wassers, Farben verschwimmen oder fließen ineinander. Die Bilder auf den Leinwänden zu „Go“ sind Hinweise auf David Lynchs Farbsymbolik. Bei dem Song habe er sich von Lynchs Filmen inspirieren lassen, sagt Moby beim zweiten Song seines Konzerts auf dem KunstRasen Bonn. Und es sollte nicht der einzige Rausch für die Augen sein an diesem Dienstagabend. 

Auch zu „Next Is the E“ gibt es zu der wie aus einem Comic stammenden Gesang bunte Farbspiele, die Magie von Blüten in zarten Tönen bestimmen die Bilder zu „In This World“. Alles ist in Blau getaucht bei „In My Heart“ bis am Ende sich Regenbogenfarben des kontinuierlichen Lichtspektrums wie durch einen Kristall über die Bühne ergießen. Was Moby mit seinen wunderbaren Leadsängerinnen Sängerinnen Nadia Duggin und India Carney, Bassist und Musical Director Jonathan NesvadbaWilliam Beam III am Schlagzeug sowie Andrea Whitt an der Viola und Maya Paredes am Cello den rund 5500 Fans bieten, ist ein bezauberndes Gesamtkunstwerk. Etwa 100 Minuten, die für keinen Moment langweilig werden. Ein Konzert für die Sinne zum Tanzen, Träumen, Springen und jeder Menge Gänsehautmomenten. 

Wofür steht „TECIE“?

Ganz in Weiß kommt der 60-Jährige auf die Bühne. „TECIE“ steht auf seinem T-Shirt.  Wofür das Akronym steht, hat er noch nicht verraten. Es weist auf sein kommendes Filmprojekt und einen damit verbundenen Musik-Remix hin. Aus Medien weiß man, dass Moby das Drehbuch zu einem Spielfilm geschrieben hat, der unter der Regie von Mark Webber gedreht wird und eine Liebesgeschichte aus der Tierrechts-Szene in Los Angeles erzählt. Und dass ihm viel am Wohl der Tiere gelegen ist, demonstriert er ja auffällig mit den Tattoos: „Animal“ und „Rights“ steht in riesigen Blockbuchstaben auf den Armen, „Vegan for Life“ am Hals. Hinter der Bühne und beim Catering für die Crew ist alles vegan. Zwischendurch zeigt er eine Videobotschaft seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Freundin, die Primatenforscherin Jane Goodall, die sich wie er für Tierrechte einsetzte.

Nadia Duggin und India Carney. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Musikalisch ist dieser Abend ohnehin eine Reise durch Mobys ganze Karriere. Die Songs wechseln mühelos zwischen House, Techno, Disco, Gospel, Soul und melancholischem Pop. Mal treibt ein trockener, elektronischer Beat die Stücke nach vorne, mal treten die Streicher von Andrea Whitt und Maya Paredes hervor und geben ihnen etwas Organisches, beinahe Klassisches. Dazu kommen die Stimmen von Nadia Duggin und India Carney, die Mobys oft elektronisch geprägte Kompositionen mit Wärme und Seele füllen. Gerade in den ruhigeren Momenten wird deutlich, wie viel Gospel und Soul in seiner Musik steckt.

David Bowies „Heroes“

„Bodyrock“ und „Go“ eröffnen den Abend mit Energie, „Next Is the E“ setzt mit seinem treibenden Rhythmus nach. „In This World“ und „In My Heart“ holen dann die Melancholie und Wärme in den Abend. Später wird aus „Raining Again“ in der Steve-Angello-Version ein pulsierender Clubtrack, „Disco Lies“ bekommt im Spencer-&-Hill-Remix eine geradezu unverschämte Tanzbarkeit. „Flower / Find My Baby“ und „Honey“ führen zurück zu den hypnotischen, bluesigen Wurzeln von Mobys Musik, bevor „Lift Me Up“ und „Extreme Ways“ die elektronische Wucht noch einmal steigern.

Andrea Whitt an der Viola und Maya Paredes am Cello FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Und dann kommt der wunderschöne David Bowie-Song „Heroes“. Moby erzählt von ihm als einem Nachbarn in New York und engen Freund. 1999 habe Bowie ihn per E-Mail kontaktiert. Aus der zunächst ungewöhnlichen Bekanntschaft wurde Freundschaft: gemeinsame Reisen, Urlaube, Gespräche, Abende auf der Couch. Und Musik. In Bowies Wohnzimmer hätten sie zusammen musiziert, unter anderem „Heroes“. Moby erzählt diese Geschichte nicht als Anekdote aus dem Leben eines Popstars, sondern mit spürbarer Zuneigung. Dann beginnt India Carney zu singen.

„Heroes“ ist an diesem Abend weit entfernt von der großen, pathetischen Geste des Originals. Die Band macht daraus eine fragile, langsame, beinahe schwebende Version. Die Elektronik tritt zurück, die Stimme steht im Mittelpunkt, die Melodie bekommt Raum. Es ist ein stiller Moment mitten in einem ansonsten von Beats getragenen Konzert – und vielleicht der berührendste des Abends. Für einige Minuten scheint die Zeit auf dem KunstRasen stehenzubleiben.

Sagenhafter Zugabenblock

Mit „Porcelain“ beginnt schließlich der Zugabenblock. Auch hier zeigt sich Mobys besondere Fähigkeit, Intimität und große elektronische Klangräume miteinander zu verbinden. Doch für den letzten Höhepunkt holt er einen besonderen Gast auf die Bühne: Jacob Lusk, Sänger der Band Gabriels, sei eigens aus Los Angeles eingeflogen, sagt Moby. Im schwarzen Anzug betritt er die Bühne und beginnt „When It’s Cold I’d Like to Die“ zu singen, einen Song, der durch die Serie „Stranger Things“ ein neues Publikum fand. Mit seiner außergewöhnlichen stimmlichen Spannweite, die irgendwo zwischen Alt und Tenor liegt, entwickelt Lusk die Melodie in einer Ruhe, die das Publikum den Atem anhalten lässt. Die fragile Leichtigkeit entwickelt er behutsam zu einer Intensität, bis sich die zurückgenommene Melancholie in einen kraftvollen Ausbruch verwandelt. 

Auch bei „Natural Blues“ entfaltet Lusk seine ganze vokale Präsenz: Mit eruptiver Energie und zugleich tiefem Gospel-Feeling trägt er den Song in neue Höhen. So verschmelzen Soul, Blues und spirituelle Intensität mit Mobys elektronischer Klangarchitektur zu einem Finale, das zugleich traditionell und hochmodern wirkt. 

Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Doch Moby hat noch eine Überraschung. Noch einmal kommt WestBam auf die Bühne. WestBam hatte zuvor bereits als Support 50 Minuten lang die Bässe und Rhythmen über den KunstRasen wummern lassen. Mit seinem kompromisslosen Mix aus Techno, House und treibenden Clubbeats brachte er das Publikum schon vor Moby zum Tanzen – ein energiegeladener Auftakt, der die musikalische Verbindung zwischen beiden Künstlern von Beginn an spürbar machte. 

Und plötzlich wird dann am Ende dieses Abends aus der Konzertbühne ein Stück Berliner Clubgeschichte. „Feeling So Real“ erklingt in WestBams Remix-Version, der Beat ist wild, schnell, rauschhaft. Moby erzählt, dass er WestBam bereits 1990 in New York City kennengelernt habe. Sie wurden Freunde. Fünf Jahre später lud WestBam ihn nach Berlin ein – Mobys erste Auslandsreise. Jetzt stehen sie, 31 Jahre später, gemeinsam auf der Bühne und spielen genau jene Musik, die ihre Verbindung begründet hat.

WestBam ist mit Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Das Publikum braucht keine Aufforderung. Es tanzt sofort mit. Der letzte Song ist keine Zugabe im klassischen Sinn mehr, sondern eine ausgelassene Rückkehr zu den Wurzeln der elektronischen Clubmusik. Wo eben noch „Heroes“ in aller Zartheit nachhallte und Jacob Lusk mit seiner Stimme einen Moby-Klassiker in beinahe sakrale Höhen gehoben hatte, regiert jetzt der Beat. WestBam und Moby grinsen sich an, als hätten sie gerade einen alten Freund wiedergetroffen.

So endet ein Konzert zwischen Club- und Open-Air-Atmosphäre, zwischen Techno und Gospel, elektronischer Kälte und menschlicher Wärme, Erinnerung und Gegenwart. Moby macht aus seinen Songs keine bloße Werkschau. Er erzählt mit ihnen von Freundschaften, von Verlusten, von Musik und von den Menschen, die ihn auf seinem Weg begleitet haben. Und am Ende steht mit „Feeling So Real“ genau das, was dieser Abend über weite Strecken war: ein echtes, gemeinsames Gefühl.

Moby Setlist:

Bodyrock
Go
Next Is the E
In This World
In My Heart
We Are All Made of Stars
Memory Gospel mit Jane Goodall Video
Heroes (David Bowie cover)
Why Does My Heart Feel So Bad?
Raining Again (Steve Angello’s vocal mix)
Disco Lies (Spencer & Hill Remix)
Flower / Find My Baby
Honey
Lift Me Up (2026 version)
Extreme Ways (Armin van Buuren & Moby Mix)

Encore:

Porcelain
When It’s Cold I’d Like to Die (mit Jacob Lusk)
Natural Blues (mit Jacob Lusk)
Feeling So Real (mit WestBam)

Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Moby auf dem KunstRasen Bonn. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
India Carney und William Beam III am Schlagzeug FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski