Die Foo Fighters haben dem Pinkpop-Festival 2026 einen Abschluss beschert, der noch lange nachhallen dürfte. Vor Zehntausenden begeisterten Fans entfesselte Dave Grohl mit seiner Band eine zweistündige Show zwischen brachialer Rockgewalt, großen Hymnen und zutiefst persönlichen Momenten. Doch auch abseits des Headliners bot der Festivalsonntag mit Überraschungen wie Die Spitz, starken Auftritten von White Lies, Wet Leg und DI-RECT sowie einem überfüllten Tom-Morello-Konzert zahlreiche Höhepunkte – und reichlich Stoff für Erinnerungen, die weit über ein gewöhnliches Festivalwochenende hinausgehen. (Mehr Fotos von diesem tag und Festival findet ihr hier)
Von Dylan C. Akalin
Erinnerungen sind der Zucker- und Schokostreusel des Lebens. Sie machen dein Leben komplett. Und Erinnerungen mit deinen Kindern sind der Sirup. Denn was sind schon Pancakes ohne ordentlich Ahornsirup? Die Foo Fighters haben am Sonntag alles in den Schatten gestellt, was an drei Tagen auf dem Pinkpop Festival 2026 zu sehen und hören gab. Sie sind einfach eine Band, die Maßstäbe setzt. Und Frontmann Dave Grohl ist das Gravitationszentrum dieser Band. Nach wenigen Minuten war der in schwarzer Jeans und schwarzem T-Shirt gekleidete 57-Jährige so nass geschwitzt, als käme er aus der Dusche. Der Mann gibt einfach alles. Vom ersten Schrei ins Mikrophon bis zur letzten Minute der zweistündigen Show, die Sonntagnacht das Festival beendete.
Und er ist ein Typ, den man einfach gernhaben muss. Er scheint sich seine kindliche Freude, sein Erstaunen, seine jugendliche Energie immer noch erhalten zu haben. Lässig, wie immer Kaugummi kauend, präsentiert er einen fantastischen musikalischen Überblick über mehr als 30 Jahre Foo Fighters, die bis heute immerhin 181 Songs rausgebracht haben, wie er erwähnt.
„Old School-Fans“
Und da bleiben die Erinnerungen der „Old School-Fans“ wie mich, wie er uns nennt, ja nicht aus. Dazu würde ich auch meine 29-jährige Tochter zählen, die Foo-Fan der ersten Stunde ist. Auf Videos zu ihrem vierten Geburtstag läuft schon Foo Fighters-Musik im Hintergrund. Und zu ihrem 18. Geburtstag wünschte sie sich kein neues Auto, keine Reise, nichts – außer ein Live-Erlebnis mit den Foo Fighters. Natürlich muss ich daran denken, als ich die alten Songs höre.

Das Konzert beginnt mit dichtem roten Rauch, der aufsteigt, wie der weiße im Vatikan, der das neue religiöse Oberhaupt ankündigt. Ein Schrei, und wir hören „All My Life“ („One by One“, 2002). Der Song eröffnet den Abend mit maximaler Wucht, einem der härtesten Riffs der Band und einer Explosion aus Adrenalin. Es folgen „Times Like These“ („One by One“, 2002), das zwischen Verletzlichkeit und Hoffnung pendelt, und „The Pretender“ („Echoes, Silence, Patience & Grace“, 2007), bis heute einer der eindrucksvollsten Stadionrocker der Gruppe. Und die Fans wieder: Sie singen und feiern die Band, dass es einfach wunderschön ist. Ein kollektiver Schauer emotionaler Kraft.
„La Dee Da“ („Concrete and Gold“, 2017) bringt punkige Wildheit ins Set, bevor „These Days“ („Wasting Light“, 2011) melancholische Töne anschlägt und dennoch Zuversicht ausstrahlt. „Walk“ (ebenfalls „Wasting Light“, 2011) entwickelt sich zur Hymne über Neuanfänge, während „My Hero“ („The Colour and the Shape“, 1997) von Tausenden mitgesungen wird. Mit „Learn to Fly“ („There Is Nothing Left to Lose“, 1999) verwandelt sich das Festivalgelände endgültig in einen riesigen Chor.
Auch die frühen Jahre kommen nicht zu kurz: „This Is a Call“ (Foo Fighters, 1995) erinnert an die Grunge-Wurzeln der Band, „Monkey Wrench“ („The Colour and the Shape“, 1997) ist ein pures Energiepaket, und „Aurora“ („There Is Nothing Left to Lose“, 1999) gehört zu den atmosphärisch schönsten Momenten des Abends.
Taylor Hawkins fehlt
Mit „No Son of Mine“ („Medicine at Midnight“, 2021) setzt die Band auf klassischen Hardrock, ehe sie sich in „The Teacher“ („But Here We Are“, 2023) Zeit für ausufernde Dynamik und emotionale Tiefe nimmt – ein Stück, das Schmerz, Verlust und Hoffnung miteinander verbindet. Zum Finale liefern „Best of You“ („In Your Honor“, 2005) und das unsterbliche „Everlong“ („The Colour and the Shape“, 1997) zwei Songs, die längst weit über den Rock hinaus zu Soundtracks ganzer Generationen geworden sind. Nach zwei Stunden verlässt man das Gelände mit dem Gefühl, ein weiteres Kapitel der eigenen Biografie erlebt zu haben.
Ja, gefehlt hat definitiv Taylor Hawkins, der langjährige Schlagzeuger der Rockband. Er starb bekanntlich am 25. März 2022 im Alter von 50 Jahren in seinem Hotelzimmer in Bogotá, Kolumbien. In seinem Blut wurde ein Cocktail aus zehn verschiedenen Substanzen nachgewiesen. Hawkins war nicht nur ein wichtiger Bestandteil in der Bandstruktur, er gefiel mir auch als Drummer einfach gut. Diese gewisse Wucht, Kraft und Präzision, sein Sound, waren einmalig. Und Josh Freese hat mir auch besser gefallen als der aktuelle Schlagzeuger Ilan Rubin. Er kam etwas verhalten rüber, seine Trommeln klingen auch stumpf, jedenfalls an diesem Abend. (mehr Fotos hier)
White Lies und Good Neighbors
Abseits des Headliners bietet der glühend heiße Sonntag ebenfalls einige bemerkenswerte Momente. White Lies eröffnen auf der South Stage mit ihrem charakteristischen Mix aus Post-Punk, New Wave und düsterem Indie-Rock. Stücke wie „Death“, „To Lose My Life“ oder „Farewell to the Fairground“ entfalten ihre melancholische Eleganz, getragen von Harry McVeighs markanter Stimme und treibenden Basslinien. Gerade die Mischung aus hymnischen Refrains und kühler Atmosphäre funktionierte hervorragend am Nachmittag.

Good Neighbours sorgen auf der Tent Stage mit leichtfüßigem Indie-Pop und eingängigen Melodien für eine angenehme Verschnaufpause und liefern den perfekten Soundtrack für einen sonnigen Festivalnachmittag.
Die Spitz – eine echte Überraschung
Zu den Überraschungen des Tages gehören für mich Die Spitz. Das Quartett aus Austin in Texas spielt, als hinge das eigene Leben davon ab. Bassistin Kate Halter tanzt und wirbelt trotz der brennenden Sonne unermüdlich über die Bühne, während Leadgitarristin Eleanor Livingston zwischenzeitlich sogar in den Moshpit vor der Bühne springt.

Musikalisch verbinden die vier jungen Frauen, zu denen noch Gitarristin/Sängerin/Schlagzeugerin Ava Schrobilgenund Schlagzeugerin/Sängerin/Gitarristin Chloe de St. Aubin gehören, Riot Grrrl, Grunge, Garage Rock und Punk zu einem explosiven Cocktail, der an L7, Bikini Kill, The Distillers oder stellenweise auch an die rohe Energie früher Nirvana erinnert. Besonders reizvoll ist der Wechsel zwischen melodischem Gesang, scharf herausgeschrienen Passagen und fast schon hysterischen Ausbrüchen. Ihre Texte handeln von Frustration, Identität, Wut, Selbstbestimmung und dem Erwachsenwerden – kompromisslos, aber oft mit einer gehörigen Portion Ironie. Richtig richtig gut!
Ganz schön voll ist es bei Tom Morello
Bei Tom Morello haben sich die Festivalplaner offensichtlich verschätzt. Die Tent Stage platzt aus allen Nähten, selbst weit außerhalb drängen sich noch die Menschenmassen. Zu sehen war von meinem Platz kaum etwas, zu hören allerdings umso mehr. Morello setzt auf ein Programm zwischen Soloarbeiten, Audioslave und Rage Against the Machine. Seine Gitarre klingt dabei häufig eher wie ein Synthesizer, eine Turntable oder eine Sirene als wie ein klassisches Rockinstrument – eine Technik, die ihn seit Jahrzehnten einzigartig macht. Inhaltlich kreisen viele Songs um soziale Ungleichheit, Krieg, Machtmissbrauch und politischen Protest. Der zweite Song „Adjourn It“ sei von System of a Down, sagt Morello.

Die Ansagen gegen Faschismus und der demonstrativ präsentierte Schriftzug „Fuck Geert Wilders“ auf seiner Gitarre sorgen vielleicht für viele für klare politische Botschaften. Persönlich wirken diese Parolen auf mich inzwischen allerdings eher ritualisiert als originell; musikalisch bleibt Morello dennoch ein Ausnahmekünstler. Bemerkenswert war auch der Auftritt seines erst 15-jährigen Sohnes Roman an seiner Seite.
Royel Otis und Wet Leg
Royel Otis liefern danach sonnendurchfluteten Indie-Rock mit lässigem Surf-Einschlag und traumwandlerischer Leichtigkeit. Ihre Songs wirken nie überladen, sondern leben von eingängigen Gitarren, lockeren Harmonien und einer angenehm unaufgeregten Coolness, die hervorragend zum Festivalcharakter passt.

Viel Rauch und viel Haut gab es bei Wet Leg – und noch mehr Spielfreude. Die Band überrascht mich ausgesprochen positiv. Das niederländische Publikum feiert jede Nummer, singt lautstark mit und verwandelt das Gelände in eine riesige Tanzfläche. Genau diese entspannte, begeisterungsfähige Atmosphäre macht die Fans dort für mich zu den besten, die ich bislang erlebt habe. Wet Leg faszinieren durch die Gegensätze: schroffe, kantige Gitarren und druckvolle Rhythmen treffen auf den oft beinahe beiläufigen, sanften Gesang von Rhian Teasdale. Inhaltlich spielen die Songs humorvoll mit zwischenmenschlichen Beziehungen, Absurditäten des Alltags, weiblicher Selbstbestimmung und lakonischer Beobachtung. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit steckt oft kluge Gesellschaftssatire.
Max McNown: Country-Folk ohne Cowboy-Klischees
Max McNown bietet auf der Tent Stage einen wohltuenden Gegenentwurf zum klassischen Nashville-Sound. Zwar wurzelt seine Musik unverkennbar im Country, doch statt auf Pathos, große Gesten oder breit produzierte Stadionhymnen setzt der US-Amerikaner auf Reduktion und Authentizität.

Seine Songs bewegen sich an der Schnittstelle von Folk, Americana und modernem Singer-Songwriter-Pop, getragen von akustischen Gitarren, zurückhaltenden Arrangements und einer rauen, warmen Stimme, die eher Geschichten erzählt, als sie dramatisch auszusingen. Gerade diese Unaufgeregtheit unterscheidet ihn von vielen Genrekollegen: McNown verzichtet auf die üblichen Country-Klischees und konzentriert sich auf persönliche Texte über Selbstzweifel, Verlust, Hoffnung und zwischenmenschliche Beziehungen. Mit Stücken wie „A Lot More Free“, „Forever Ain’t Long Enough“ oder „This Side of Heaven“ schafft er eine intime Atmosphäre, die das Publikum förmlich in seinen Bann zieht. Inmitten des lauten Festivaltrubels wirkt sein Auftritt fast wie eine musikalische Verschnaufpause – leise, ehrlich und gerade deshalb bemerkenswert eindringlich.
Yungblud und Ben Ellis
Mit Yungblud werde ich dagegen nicht warm, heute jedenfalls. Seine Mischung aus Pop-Punk, Alternative Rock und modernem Mainstream-Rock polarisiert ohnehin, doch auch diesmal wirkte der Gesang für mich häufig unsauber und überstrapaziert. Die inflationäre Verwendung von Schimpfwörtern und permanenten „Motherfucker“-Rufen empfinde ich eher als anstrengend denn als rebellisch. Das Publikum sieht das allerdings völlig anders und feiert ihn frenetisch.

Ein stiller Gegenpol war Ben Ellis auf der kleinen Stage 4. Hinter dem Trio hängt auf einem Podest die walisische Flagge mit ihrem roten Drachen – ein schönes Detail, das hervorragend zur intimen Atmosphäre passt. Ellis überzeugt mit warmem Folk, Singer-Songwriter-Einflüssen und gefühlvollen Balladen, die den Lärm des Festivals für einen Moment vergessen lassen.
Fat Dog und DI-RECT
Fat Dog sorgen später in der Tent Stage für kontrolliertes Chaos. Ihre Mischung aus Dance-Punk, Industrial, elektronischen Beats und exzessiver Live-Energie wirkte wie ein wilder Ritt zwischen Rave und Rockclub und brachte das ohnehin schon aufgeheizte Publikum endgültig zum Kochen.

Den Abschluss auf der North Stage vor den Foo Fighters gestalteten DI-RECT mit großem Pathos und viel Spielfreude. Die niederländische Rockband hat mich positiv überrascht, sie sollten mal vor einigen Jahren in Bonn beim Crossroads Festival auftreten, hatten aber aufgrund der Pandemie den Auftritt abgesagt. Sie verbindet Alternative Rock, Pop und hymnische Melodien zu eingängigen Songs, die live noch einmal deutlich an Kraft gewinnen. Vor heimischem Publikum entwickelte sich ein spürbarer Heimvorteil: Das Publikum singt nahezu jede Zeile mit, die Band bedankt sich sichtlich gerührt und schafft einen emotionalen Schlusspunkt, bevor Dave Grohl und seine Foo Fighters den vielleicht stärksten Auftritt des gesamten Festivals liefern.