Mit Vollgas gegen die Windschutzscheibe: „SPLAT!“ von Deep Purple ist ein Spätwerk von geradezu unverschämter Vitalität

Deep Purple: (v.l.) Simon McBride, Ian Paice, Don Airey, Ian Gillan, Roger Glover FOTO: Olaf Heine

Mit „SPLAT!“ legen Deep Purple ihr mittlerweile 24. Studioalbum vor. Mehr als 55 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debüts zeigt sich die Band dabei erstaunlich vital und kreativ – und liefert eines der stärksten Alben ihrer späten Schaffensphase ab. Die Band um Ian Gillan verwandelt einen makabren Witz über ein Insekt an einer Windschutzscheibe in eine ebenso philosophische wie unterhaltsame Reise durch Außenseitertum, Wahnsinn, Erinnerung, Schuld und spirituelle Transformation. 

Von Dylan C. Akalin 

Boah, was für ein Album! Bis auf den letzten Neuzugang, Gitarrist Simon McBride (Jahrgang 1979), sind die Bandmitglieder 80, oder sie kratzen an dem runden Alter, aber mit ihrem neuen Album zeigen sie dem Altwerden den Mittelfinger. Mit „SPLAT!“ entwerfen Deep Purple kein gewöhnliches Spätwerk, sondern eine bizarre, philosophische und zugleich tief satirische Reise durch den Zustand der Menschheit. Intelligente Lyrics treffen auf sensationellen Hardrock! Ian Gillan beschreibt das Konzept des Albums anhand eines makabren Witzes: Das Insekt, das gegen eine Windschutzscheibe kracht, erlebt im Moment des Aufpralls eine Art metaphysische Transformation. Aus dem Unfall wird eine Passage in einen neuen Bewusstseinszustand. 

Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Immer wieder geht es um Figuren, die aus der Norm fallen, sich verwandeln, scheitern oder in grotesken Situationen plötzlich Erkenntnis gewinnen. „SPLAT!“ ist ein Album über Außenseiter, Wahn, Freiheit, Erinnerung und das Ende der materiellen Welt – erzählt mit schwarzem Humor, surrealistischen Bildern und jener typisch britischen Ironie, die Deep Purple schon immer ausgezeichnet hat. Das ist wieder mal ein Album, das man sich immer wieder anhören muss und kann, um es vollends aufzunehmen. 

Die musikalische Ebene

Und was sich auf musikalischer Ebene entfaltet, ist schlicht atemberaubend. Simon McBride zelebriert Gitarrenarbeit von geradezu schwindelerregender Klasse – so virtuos, druckvoll und detailverliebt, dass man stellenweise glaubt, zwei Leadgitarristen gleichzeitig zu hören. Und Don Airey verwandelt die Keyboards einmal mehr in ein Universum für sich: mal filigran und atmosphärisch, dann wieder wild, verspielt und eruptiv – ein kreativer Farbenrausch, der einem förmlich die Schuhe auszieht. „=1“ war ja schon deutlich rifforientierter als einige Vorgänger. Offenbar hat McBride die Band noch einmal in eine härtere Richtung geschoben. Wenn ich an Don Aireys jüngstes Solo-Album denke, könnte ich mir vorstellen, dass auch er einen harten Gang eingeschaltet hat.

Und Ian Paice? Das letzte verbliebene Gründungsmitglied ist an den Drums so kraftvoll und präzise wie gewohnt – er ist und bleibt eben das rhythmische Herz von Deep Purple. Ian Paice schwebt über allem. Während sich Gitarren und Keyboards gegenseitig zu immer neuen Höhenflügen antreiben, bleibt er der ruhende Pol im Zentrum des Geschehens. Sein Schlagzeugspiel besitzt noch immer jene seltene Mischung aus Druck, Swing und Eleganz, die Deep Purple seit Jahrzehnten unverwechselbar macht. 

Roger Glover bleibt dabei die stille Kraft im Hintergrund. Mit seinem charakteristisch melodischen Bassspiel schafft er das Fundament, auf dem sich Simon McBride und Don Airey austoben können. Was oft selbstverständlich wirkt, ist in Wahrheit eine Kunst: Glover spielt stets für den Song – und genau deshalb ist sein Beitrag zu SPLAT! so wertvoll.

Erinnerungen an die frühen Tage

Es stimmt schon, was die Band selbst zum Album sagt: Ian Gillan hat recht, wenn er „SPLAT!“ musikalisch wieder näher an der Zeit von „Highway Star“, „Smoke on the Water“ und „Lazy“ sieht. Er spricht von den „Dynamics, the balance, and the fun“ der Jahre 1969 bis 1973. Und Simon McBride und Don Airey betonen, dass die Platte live im Studio eingespielt wurde – ganz wie in den frühen Purple-Jahren. Und diese Dynamik spürt man in jedem Song.

Was mich aber völlig wegbläst, sind die Lyrics. Ian Gillan hat sich da selbst übertroffen! Schon der Opener „Arrogant Boy“ zeichnet die Figur eines gesellschaftlichen Außenseiters. Billy ist ungebildet, schmutzig, unangepasst – und gerade deshalb gefährlich für die Ordnung. „He took a deep breath / Found his voice“ heißt es an zentraler Stelle.  Der vermeintlich arrogante Junge wird zur Symbolfigur des Widerstands gegen Konformität. Der Song erzählt letztlich davon, wie Individualität von der Gesellschaft erst verspottet und später vereinnahmt wird. Musikalisch hat die Nummer was von „Highway Star“, klasse ist der überraschende Instrumentalteil, der von einer Classic-Bridge an der Orgel eingeleitet wird und der Stimmung eine ganz andere Richtung gibt: hinreißende Gitarren, Progrock-Wirbel am Keyboard.

„Diablo“ startet mit von der Orgel getriebenen Rockriffs in bester Deep-Purple-Manier. Die Nummer führt tief in eine albtraumhafte Unterwelt voller Gewalt und Exzess. Eine Frau reist an den „gefährlichsten Ort der Welt“, kämpft in einer Arena und kehrt mit Narben und Triumph zurück. Der Song wirkt wie eine Parabel über Selbstfindung durch Grenzerfahrung. „Live your life in one short week / Return with a tale to tell“  – das könnte als Motto für das ganze Album dienen: Leben heißt hier, Risiken einzugehen und sich ins Chaos zu stürzen. Gillan singt mal aggressiv-pressend, dann wieder in sanfter Stimmlage. Die Duette von Gitarre und Keyboard sind zum Niederknien – wie gemacht für eine Liveaufführung!

Bitterböse Beobachtungen

Mit „The Rider“ liefert Gillan eine herrliche Satire auf Größenwahn und Celebrity-Kultur. Der Erzähler fordert absurde Dinge auf seinem Tour-Rider: „Don’t call me precious / Priceless is just fine“.  Die Figur ist grotesk aufgeblasen, zugleich aber auch tragikomisch. Hinter dem Humor steckt eine bitterböse Beobachtung über Narzissmus und Selbstinszenierung. Cool sind hier wieder diese überraschenden Progrock-Momente im Rockflow.

Noch deutlicher politisch wird es in „The Lunatic“. Hier wird ein Mensch allein deshalb zum „Verrückten“ erklärt, weil er unabhängig denkt und sich dem sozialen Konsens entzieht. „He’s a lunatic / With a mind of his own“  ist einer der zentralen Sätze des Albums. Die vermeintliche Verrücktheit besteht schlicht darin, autonom zu bleiben. Das Lied spielt mit Überwachungsfantasien und staatlicher Kontrolle – „Thank god the law is watching“ – und entwickelt sich zu einer bitteren Parabel über moderne Gesellschaften. Musikalisch wird der Song von einer nervösen Orgel vorwärtsgedrängt, die unisono von Keyboard und Gitarre gespielten Sequenzen schaffen Raum, aus dem Airey ein teuflisches Orgelsolo zaubert.

„The Only Horse in Town“ gehört zu den melancholischsten Stücken der Platte – inhaltlich zumindest. In einer verlassenen Welt bleiben nur noch der Erzähler und ein alter Gaul zurück. Die postapokalyptische Szenerie wirkt gleichzeitig trostlos und friedlich. „Now the cold wind’s blowing somewhere else / We be safe and sound“.  Nach dem Zusammenbruch der Welt entdeckt der Protagonist plötzlich Ruhe. Befreiung durch Verlust. Das klingt musikalisch dann eher positiv, fast fröhlich. McBride kann hier seine melodische Seite zeigen. Aireys Keyboards prägen den Song mit warmen Flächen und subtilen Farben.

Dunkelheit weicht dem Licht

„Sacred Land“ erzählt dagegen beinahe mythisch von alten Highland-Kriegern, die ihre Waffen niederlegen. Aus Feindschaft wird Solidarität. „They’ve done with all the feuding / And put away their swords“.  Doch der Frieden bleibt fragil: Als Gefahr droht, kämpfen die alten Gegner plötzlich „back-to-back“. Der Song handelt von Versöhnung, aber auch davon, dass Gewalt immer latent vorhanden bleibt. Die schottische Thematik legt nahe, dass Airey im Intro folkige Einflüsse einfließen lässt. Ansonsten bleibt der Song in einer breitdrückenden Grundstimmung, die im Mittelteil von Keyboards und flirrenden Gitarren aufgerissen wird.

Mit „The Beating of Wings“ erreicht das Album einen emotionalen Höhepunkt. Es ist einer der spirituellsten Songs der Platte. Die Dunkelheit weicht dem Licht, Engel erscheinen, Hoffnung kehrt zurück. „Then I follow the light / And the heavenly voice“.  Die Metaphorik verbindet sich direkt mit dem Albumkonzept der Transformation in eine andere Existenzform. Hier wird aus dem Chaos plötzlich Transzendenz. Das Thema setzt die Band indes so locker und lässig um, Gillan singt weltmännisch, im Chorus lässt er die Stimme mit weiten Armen tanzen. Sehr cool.

Ein kammermusikalisches Piano-Intro bei Deep Purple? Nicht lange, dann dreht sich die Stimmung in einen harten, aggressiven Gesang. Schließlich bringt die Band mit „Guilt Trippin’“ die Menschheit selbst auf die Anklagebank. Klimakatastrophen, Kriege, Überbevölkerung – alles kulminiert in einer grotesken Selbstbezichtigung: „All those locusts / Famine and war / … it’s all my fault“.  Der Song schwankt zwischen Sarkasmus und echter Schuldfrage. Gillan formuliert die globale Krise als persönlichen Nervenzusammenbruch. Einfach grandios, wie die Band dieses Thema musikalisch mit einigen verblüffenden Wendungen umsetzt.

Dadaistisch, grotesk

Mit „Scriblin’ Gib’rish“ folgt ein dadaistischer Angriff auf Kommunikationswahn und technokratische Sprache. Der Erzähler versteht die Welt nicht mehr: „Your lips move / But I hear gobbledegook“.  Aus Sprache wird Geräusch, aus Information Unsinn. Die absurden Fantasiewörter am Ende wirken wie der endgültige Kollaps rationaler Verständigung. Und hier geht es so hardrockig zu wie zu alten DP-Zeiten.

„Jessica’s Bra“ wiederum ist eine groteske Kneipenszene voller schräger Figuren und anarchischer Energie. Das Stück erinnert an die exzentrischen Milieustudien eines Tom Waits. Hier finden Gestrandete und Sonderlinge einen Zufluchtsort „to escape from the unpleasantries of life“.  Inmitten des Chaos entsteht Gemeinschaft – eine wiederkehrende Idee auf „SPLAT!“.

Dieses Orgelintro und den dann einsetzenden Drums und Bass bei „Third Call“ haben zunächst etwas Bedrohliches, entlädt sich dann aber in einen straighten Rocksong, der die satirische Grundstimmung mit einer überraschend intimen Geschichte über Begehren und emotionale Abhängigkeit bricht. Die Beziehung ist rein körperlich, aber dennoch obsessiv. „I lost my mind again / How easily you muddy my brain“.  Der Song zeigt Menschen als Wesen, die sich trotz aller Erfahrung immer wieder in dieselben emotionalen Fallen stürzen. 

Der Unfall wird endgültig zur Metamorphose.

„My New Movie“ funktioniert schließlich wie ein Meta-Kommentar zum Album selbst. Der Erzähler will alle Regeln brechen, eine neue Wirklichkeit erschaffen und „stop the world“.  Kunst erscheint hier als letzter Versuch, Bedeutung zu erzeugen, bevor alles auseinanderfällt. Dieser tanzbare Rocksong bietet eine klassische Deep-Purple-Vorlage: groß, verspielt und voller Dynamik. Hier könnten sich McBride und Airey regelrechte Dialoge liefern. Der Song bietet Raum für instrumentale Ausflüge.

Der Titelsong „SPLAT!“  bündelt schließlich sämtliche Themen des Albums. Der Unfall wird endgültig zur Metamorphose. „We goin’ metaphysical / Whimsical and spiritual“.  Das Physische löst sich auf, die Grenzen von Raum und Zeit verschwinden. Genau hier schließt sich der Kreis zum Albumkonzept: Der Aufprall ist kein Ende, sondern Übergang. Musikalisch geht es mit Wucht zur Sache, Gillan singt kaum wiedererkennbar in hoher Lage, die Band lässt den Flow einfach laufen. Lässig.

Musikalisch beweisen Deep Purple dabei erneut ihre enorme Fähigkeit, klassischen Hardrock mit Prog-Elementen, Blues, Humor und erzählerischer Tiefe zu verbinden. Doch besonders bemerkenswert ist die lyrische Geschlossenheit von „SPLAT!“. Das Album wirkt wie ein surrealistischer Roman über die letzten Tage der Menschheit – voller Außenseiter, Spinner, Träumer und Überlebender.

Der rote Faden liegt in der Idee der Transformation: Jede Figur auf diesem Album befindet sich im Übergang. Manche kämpfen gegen die Welt, andere gegen sich selbst, wieder andere fliehen in Fantasie, Wahnsinn oder Spiritualität. Der große „Splat“ am Ende ist deshalb kein Absturz, sondern eine Befreiung aus den Zwängen der Realität. Dieses Album ist einfach Wahnsinn!