Der US-amerikanische Musiker Anjimile Chithambo (ausgesprochen ann-JIM-uh-lee) hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständige Stimme etabliert. Bekannt geworden in der Indie-Szene Bostons, entwickelte er während seines Studiums an der Northeastern University einen Stil, der persönlich, ehrlich und nahbar ist.
Sein 2020 erschienenes Album “Giver Taker“ wurde von zahlreichen Medien gelobt und befasst sich mit grundlegenden Fragen rund um Spiritualität, Zugehörigkeit und Selbstverständnis. Mit “The King“ (2023), seinem ersten Album auf 4AD, thematisierte Anjimile seine Auseinandersetzung mit Identität, Selbstbestimmung und Erfahrungen als schwarze Trans-Person inmitten persönlicher und gesellschaftlicher Veränderungen.
“You’re Free to Go“
Mit seinem neuen Album “You’re Free to Go“ führt Anjimile diese Schwerpunktsetzung fort und stellt zugleich die Frage, was geschieht, wenn man Kontrolle abgibt und neue Formen der Bindung und Zuwendung zulässt. Entstanden ist ein Werk, das die Entwicklungen der vergangenen Jahre nachzeichnet – von Trennungen und neuen Beziehungen über Verlusterfahrungen bis hin zu Momenten der Erholung und des Neubeginns. “Die letzten zwei Jahre waren für mich eine Zeit des Umbruchs“, sagt Anjimile. Das Album dokumentiert diesen Prozess und beschreibt eine Phase erneuten Vertrauens in das eigene Leben.
Der Albumtitel verweist auf eine veränderte Sichtweise auf zwischenmenschliche Beziehungen sowie eine offenere Haltung gegenüber persönlicher Freiheit. Geprägt ist dieser Blickwinkel insbesondere durch Anjimiles Beziehung und seine Erfahrungen mit non-monogamen Partnerschaftsmodellen. Für ihn entfalten sich Beziehungen besonders gut, wenn sie wirklich frei entstehen und nicht durch Normativität begrenzt werden. Diese Perspektive zeigt sich auch musikalisch, unter anderem in den Liedern “Rust & Wire“, das von wiederkehrender Liebe handelt und die damit einhergehende Aufregung sowie “Like You Really Mean It“, welches von Zärtlichkeit und Verletzlichkeit geprägt ist.
Schmerzen familiärer Entfremdung
Darüber hinaus behandelt “You’re Free to Go“ weitere einschneidende Themen: “Exquisite Skeleton“ schildert eindringlich die Schmerzen familiärer Entfremdung, während “Ready or Not“ die Erschöpfung thematisiert, die damit einhergeht, andauernder Transphobie zu begegnen. Über “Waits For Me“ reflektiert Anjimile offen: ‘Als kleines Mädchen wollte ich frei sein… als kleiner Junge wollte ich echt sein.‘ Aber selbst in den intensivsten und dunkelsten Momenten strahlt das Album stets Licht aus. Jeder Song bietet Raum für Heilung und hilft dabei den Schmerz in etwas Sanftes, Gemeinschaftliches und Freies zu verwandeln.
Spiritualität bleibt das Herzstück von Anjimiles Arbeit. Für ihn fühlt sich Songwriting wie ein Gebet, ein Flehen oder eine Frage an. Auf “You’re Free to Go“ wirkt eben diese Spiritualität lebendig und bewusst. Im Unterschied zur Komplexität von “The King“ entfaltet sich das neue Album unter der Produktion von Brad Cook (Waxahatchee, Hurray for the Riff Raff, Mavis Staples) organisch. Die Zusammenarbeit mit Nathan Stocker (Hippo Campus), Matt McCaughan (Bon Iver) und Gastsänger Sam Beam (Iron & Wine) schafft eine zugleich experimentelle und intime Atmosphäre, die Anjimiles feinsinniges Erzählen unterstützt.

Anjimile bedient sich gekonnt verschiedener musikalischer Einflüsse. Stücke wie “Turning Away“ und “The Store“ erinnern an frühe Modest Mouse. Die Zusammenarbeit mit Sam Beam auf “Destroying You“ fügt eine sanfte Wärme hinzu, die Anjimiles feinen Gesang ergänzt. Melodisch erinnert das Album subtil an den Alternative-Pop der späten 1990er-Jahre und verbindet Folk-Einflüsse nahtlos miteinander. Anjimile hat sich auch stimmlich weiterentwickelt, teils bedingt durch seine fortlaufende Hormontherapie – eine von ihm bewusst angenommene Veränderung. Diese neue stimmliche Tiefe verstärkt die emotionale Wirkung des Albums und ermöglicht ihm, sich authentischer auszudrücken.
Anjimile erklärt: “Dieses Album fühlt sich sehr echt zu meinen eigenen Lebenserfahrungen an. Es vermittelt wahrscheinlich so viel von mir selbst, wie es ein Album überhaupt kann.“