Abwärts in Köln: Ihr Grundverständnis vom Punk ist in keinster Weise erschüttert

Frank Z. FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Abwärts, Kult-Punker aus Hamburg um Frank Z. und Die Ärzte-Gitarrist/Bassist Rodrigo González, sind wieder in Köln. Der Support für New Model Army im Palladium passt wie Pott und Deckel.

Von Mike H. Claan

Der Kirchenchor wird abrupt von der sägenden E-Gitarre abgewürgt. Ein fetter Bass und stampfende Drums unterstützen Frank Z. beim Opener „Ich seh die Schiffe den Fluss herunterfahren“, die Gitarre dringt durch die Lautsprecher wie durch eine Metallbox gepresst. Fast metal-rockig startet der „Sonderzug“ vom aktuellen Album. Thematisch passt Abwärts jedenfalls hervorragend als Support von New Model Army: ähnlich politisch, ähnlich wütend. Wie heißt es doch in „Millionen Killer“? „Ich will ich will mitten durch die Wand/ich bin ich bin außer Rand und Band“, und Z. quält seiner SG punkige Riffs heraus. „Terror-Beat“ hat von seiner zynischen Aktualität nichts verloren. Z. spielt mit Kinderreimen zu industriell-kreischenden Beats und Riffs.

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Björn Werra. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Rodrigo González. FOTO: Peter "Beppo" Szymanski
Rodrigo González. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Martin „Dog“ Kessler. FOTO: Peter "Beppo" Szymanski
Martin „Dog“ Kessler. FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Erstaunlicherweise wirkt der Start zu „Berlin Görlitzer Park“ ähnlich hymnisch wie Led Zeppelins „Kashmir“. Ansonsten hat Abwärts, die ich 1980 als Vorgruppe zu The Cure das letzte Mal live gesehen habe, von ihrer rotzig-unfügsamen Art nichts verloren. Leider ist der Gesang nicht so gut eingestellt wie der Rest der Band. Der kommt ein wenig zu dumpf rüber.

Schade, vor allem bei „Europa Safe“, der mit einem türkisch anmutenden Intro beginnt. Es tut so gut, mal wieder Bands zu hören, die was zu sagen und politisches Verständnis haben. Der Titel lässt schon erahnen, worum es geht. Um die Flüchtlingsfrage, um das Abschotten eines Kontinents gegenüber allen anderen, die es nach Europa zieht: „Die Grenzen sichern von Europa/Voller Angst und voller Geld/Die Grenzen sichern von Europa/Vor der dritten und der vierten Welt“. Der Song könnte fast von den Toten Hosen sein, vom Drive und der Härte auf jeden Fall.

Das bissige „Alkohol“ hat noch den Charme des New Wave der 80er Jahre und einen Tanzgroove, der so widersprüchlich zum Inhalt scheint. So wie auch „Ein Bus wird kommen“ mit seinem ironischen Lalala-Refrain. Und „Unfall“ hat ja auch diese NDW-Ästhetik von hektischen Rhythmen und roboterartigem Gesang. Da ist ein Song wie „Rom“ vielschichtiger, raffinierter inszeniert mit einer ungeheuren Dynamik der Instrumentierung, die zum klugen, kalten Text passt. Eines der besten Stücke im Set der Band, bei dem Gitarrist Rodrigo González, Bassist Björn Werra und Schlagzeuger Martin „Dog“ Kessler offensichtlich auch mächtig Spaß haben. Die Spielfreude überträgt sich auch auf „Zonenzombie“. Zum Abschluss gibt es dann noch den sehr mechanisch klingenden Kultsong „Computerstaat“. Einst entstanden in der Zeit des sogenannten Deutschen Herbstes hat der Song ganz und gar kein Staub angesetzt.

Der Abend zeigt, mit welcher Durchsetzungskraft und Selbstsicherheit die Band zwar Einflüsse aus anderen Genres, vom Pop über Industriel bis zum Metal, zulassen, aber ihr Grundverständnis vom Punks in keinster Weise erschüttern lassen. Die Wut steckt immer noch in ihnen, die Energie sowieso. Abwärts hat an ihrer Glaubwürdigkeit nichts verloren.