Von Dylan C. Akalin
Auch der zweite Festivaltag beim Pinkpop lebt von seinen Kontrasten. Er beginnt entspannt und melodisch, entwickelt sich aber spätestens am Abend zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Es gibt Konzerte, die den ganzen Körper erfassen. Wisst Ihr, was ich meine? Konzerte, die dich mit der Wucht einer plötzlichen Windböe erfassen. Du spürst die Musik, die Energie am ganzen Körper. IDLES gehören zur dieser Kategorie. Ihre Musik ist so mächtig, dass sie den Boden unter den Füßen vibrieren lässt und einen daran erinnert, dass man lebt. Das andere große Highlight des Tages sind The Cure. Wo IDLES rohe Energie, Wut und Solidarität zelebrieren, schaffen Robert Smith und seine Mitstreiter einen Raum voller Erinnerungen und zeitloser Schönheit. Für mich wird dieser Auftritt zu einer Reise in die eigene Vergangenheit: 1980 sehe ich The Cure gleich zweimal in der Stadthalle Köln-Mülheim, später wieder 1981, 1982, 1987 und noch oft danach. Die Erinnerungen an diese frühen Konzerte mit Anfang zwanzig sind bis heute ungemein intensiv. Entsprechend genieße ich diesen Abend tanzend, erinnernd und voller Freude.

Am Mittag liefern Giant Rooks einen sympathischen, leichtfüßigen Indie-Pop-Auftakt.
Triggerfinger stehen inzwischen unter anderen Vorzeichen auf der Bühne: Nach dem Tod ihres langjährigen Drummers Mario Goossens präsentiert sich die belgische Rockband in neuer Besetzung, bewahrt dabei aber ihre markante Mischung aus Bluesrock, Stoner-Einflüssen und rauer Energie.
HAEVN sorgen mit ihren atmosphärischen Songs für ruhige Momente und viel Gänsehaut.
Suzan & Freek treffen mit ihrem eingängigen niederländischen Pop genau den Geschmack ihres Publikums und erzeugen eine fast familiäre Festivalstimmung.
Sofi Tukker verwandeln das Gelände schließlich in eine tanzende Open-Air-Party, bei der elektronische Beats und ausgelassene Lebensfreude dominieren.
Franz Ferdinand: makellose Eleganz mit wenig Reibung
Franz Ferdinand verstehen ihr Handwerk perfekt. Schon „Walk Away“ entwickelt mit seinem federnden Groove sofort Bewegung vor der Bühne. Die Besucher hüpfen und tanzen, während im Hintergrund schwarz-weiße, zerschnitten Porträts über die Leinwand flimmern. Auch „Do You Want To“ entfaltet seine Wirkung unmittelbar: Beim berühmten „Lucky, lucky“-Refrain singt das Publikum begeistert mit.

Musikalisch höre ich immer wieder deutliche Referenzen an die Beatles und die Kinks. Gerade das aktuelle „Audacious“ wirkt wie eine liebevolle Verneigung vor den großen britischen Poptraditionen. Die Songs sind hervorragend arrangiert, voller eingängiger Melodien und rhythmischer Raffinesse. Dennoch bleibt bei mir eine gewisse Distanz. Vieles klingt mir zu glatt, zu perfekt konstruiert, um mich wirklich emotional zu berühren.
Ausgerechnet „Evil Eye“ wird deshalb zu meinem persönlichen Höhepunkt. Im Instrumentalteil zeigt die Band plötzlich Ecken und Kanten, die Gitarren bekommen Schärfe, die Musik verliert ihre makellose Oberfläche und gewinnt Charakter. Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis von Franz Ferdinand: Sie verbinden Kunstanspruch mit maximaler Zugänglichkeit, liefern clevere, tanzbare Indie-Hymnen und verpacken Ironie, Alltagsbeobachtungen und zwischenmenschliche Verwicklungen in Songs, die sofort im Ohr bleiben. Das erklärt ihren anhaltenden Erfolg – auch wenn sie mich emotional nicht vollständig erreichen.
IDLES: Ein körperlicher Ausnahmezustand
Dann kommen IDLES – und mit ihnen verändert sich das komplette Festivalgelände.
Schon Leadgitarrist Mark Bowen setzt ein Zeichen, als er in einem engen bunten Kleid fast geishahaft auf die Bühne schreitet und dem Publikum freundlich zuwinkt. Später wirft er sich mitsamt Gitarre in die Menge und spielt einfach weiter, während ihn die Fans über ihren Köpfen tragen.
Musikalisch ist das eine Naturgewalt. Die Gitarren kreischen schräg und sirenenhaft bis fast an die Schmerzgrenze. Adam Devonshires Bass und die Bassdrum von Jon Beavis entwickeln eine solche Wucht, dass der Boden spürbar bebt. Sänger Joe Talbot stampft, spuckt und schreit seine Texte heraus, der gesamte Körper wirkt permanent angespannt, als müsse jede Zeile körperlich erkämpft werden.

Dabei erschöpft sich die Aggression nie im Selbstzweck. Songs wie „Mother“, „Never Fight a Man With a Perm“, „Danny Nedelko“ oder „I’m Scum“ richten ihre Energie gegen toxische Männlichkeit, soziale Kälte und Ausgrenzung und werben stattdessen für Solidarität, Mitgefühl und Gemeinschaft. Talbot wirkt gleichzeitig wie Prediger, Ringer und Therapeut. Seine Wut wird zum Transportmittel für Menschlichkeit.
Auch musikalisch faszinieren IDLES durch ihre permanente Gratwanderung zwischen Chaos und Kontrolle. Die Songs scheinen jederzeit auseinanderbrechen zu können und bleiben doch präzise zusammengefügt. Lee Kiernans direkte Riffs treffen auf Bowens experimentelle Noise-Gitarren, während der Bass alles zusammenhält. Vor der Bühne entsteht ein riesiger Moshpit, doch die Atmosphäre bleibt erstaunlich solidarisch. Härte verliert sein Dominanzstreben, alles wirkt offen und freundlich. Eine Wahnsinssatmosphäre – und ich direkt vor der Bühne dabei. Herrlich!
Es ist musikalisch vielleicht kein perfektes Konzert. Es ist etwas Besseres: ein notwendiges Konzert, das rohe Emotionen freisetzt und das Publikum für eine Stunde in ein eigenes politisches und emotionales Universum zieht.
Alessi Rose: Kreischalarm vor der Bühne
Vor der Bühne von Alessi Rose herrscht Ausnahmezustand. Vor allem die jüngeren Fans quittieren jeden Blick und jede Ansage mit ohrenbetäubendem Kreischen und zeigen eindrucksvoll, wie schnell sich die britische Singer-Songwriterin eine leidenschaftliche Anhängerschaft aufgebaut hat.
Editors: Kraft aus der Zurückhaltung
Die Editors wählen einen völlig anderen Ansatz. Frontmann Tom Smith steht zunächst mit Akustikgitarre auf der Bühne und beweist einmal mehr, warum er zu den markantesten Sängern des modernen britischen Rock zählt. Seine tiefe Baritonstimme besitzt eine kontrollierte Intensität, die gerade dadurch enorme Spannung erzeugt.

Besonders „Sugar“ beeindruckt mich. Der meditative Rhythmus und die schwebende Atmosphäre erinnern stellenweise an frühe Simple Minds. „A Ton of Love“ lebt von Smiths zurückgehaltener Kraft – er muss nie laut werden, um große Wirkung zu erzielen. Auch „Karma Climb“ entwickelt eine eindringliche Dynamik zwischen Melancholie und Hoffnung.
Typisch für die Editors verbinden sich persönliche Krisen, existenzielle Fragen und emotionale Unsicherheit mit hymnischen Klanglandschaften. Die Musik bleibt dunkel, aber nie hoffnungslos. Gerade dieser Balanceakt macht den Reiz ihres Auftritts aus. Super!
Soulwax: Tanzfläche aus Stahl und Licht
Soulwax liefern schließlich eines der spektakulärsten Bühnenbilder des gesamten Festivals. Ein kühler Gerüstbau dominiert die Szenerie, darüber thronen drei Drummer auf einer erhöhten Plattform und erzeugen gemeinsam ein hypnotisches Rhythmusgewitter. Der Sound ist brillant abgemischt, jede Basslinie sitzt, jede Percussion entfaltet ihre Wirkung. Vor der Bühne hält es niemanden mehr still – überall wird getanzt. Die Belgier schaffen es, elektronische Musik in ein ebenso visuelles wie körperliches Live-Erlebnis zu verwandeln.
Halsey: Popstar mit Haltung
Halsey präsentiert sich als charismatische Performerin, die mühelos zwischen verletzlichen Balladen und kraftvollen Popmomenten wechselt und ihre Songs mit großer Bühnenpräsenz trägt.
The Cure: Ein Abend voller Leichtigkeit und Erinnerungen
Als schließlich The Cure die Bühne betreten, entsteht vom ersten Moment an eine besondere Atmosphäre. Während des langen Intros geht Robert Smith langsam über die Bühne und blickt minutenlang ins Publikum, fast so, als wolle er jeden einzelnen Gast persönlich begrüßen. Seine Ausstrahlung ist ungebrochen. Auch stimmlich klingt er wunderbar und verleiht den Songs eine fast schwerelose Eleganz.

Die Musik besitzt diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Leichtigkeit, die nur The Cure beherrschen. Die charakteristischen Gitarrenfiguren, die treibenden Rhythmen und die schwebenden Melodien erzeugen eine Stimmung, die gleichzeitig nachdenklich und befreiend wirkt. Selbst traurige Songs tragen einen Hauch von Hoffnung in sich.
Ich verliere mich dabei immer wieder in meinen eigenen Erinnerungen an jene frühen Konzerte in Köln. Die Jahrzehnte scheinen plötzlich zu verschwinden. Ich tanze, singe mit und genieße jede Minute. Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke von The Cure: Ihre Musik altert nicht, sondern begleitet Menschen ein Leben lang und gewinnt mit jeder neuen Begegnung an Tiefe. Das Konzert ist pure Magie!
So endet der zweite Pinkpop-Tag mit zwei völlig unterschiedlichen, aber gleichermaßen überwältigenden Erfahrungen. IDLES zeigen, wie Musik den Körper erschüttern und gesellschaftliche Botschaften transportieren kann. The Cure beweisen dagegen, dass Magie, Melancholie und Schönheit auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Kraft verlieren.

























