Wolfgang Muthspiel Trio – Dance of the Elders: Zeitlose Eleganz, dialogische Tiefe und die Kunst der Reduktion

Wolfgang Muthspiel und sein Trio mit Scott Colley und Brian Blade. FOTO: Nino Fernandez/ECM

Von Dylan C. Akalin

Es gibt kaum einen Gitarristen im europäischen Jazz, der so souverän zwischen Intellekt und Intuition balanciert wie Wolfgang Muthspiel. Mit Dance of the Elders setzt der österreichische Musiker gemeinsam mit Bassist Scott Colley und Schlagzeuger Brian Blade seine Reise fort – und erreicht, wie der Titel schon andeutet, ein neues kreatives Plateau.

Zwischen Komposition und Klangpoesie

Das Trio knüpft hier an Angular Blues an, das bereits für seine lyrische Zurückhaltung und formale Klarheit gelobt wurde. Doch Dance of the Elders geht weiter: Die Musik wirkt noch offener, noch atmender. Muthspiels Handschrift – ein faszinierender Hybrid aus klassischer Formensprache, folkloristischer Motivik und jazztypischer Freiheit – zieht sich als roter Faden durch das Album.

Schon der Opener „Invocation“ etabliert jene Ruhe und Tiefe, die das gesamte Werk prägt. Über zehn Minuten entfaltet sich eine dreistimmige Meditation – fein verwoben, ohne Eitelkeit, ganz im Sinne jener poetischen Reduktion, für die ECM und Produzent Manfred Eicher berühmt sind. Dass Eicher die Dramaturgie der Stücke bestimmt, spürt man in jeder Note: Dance of the Elders ist kein loses Set, sondern eine Erzählung in Klang.

Vertrauen, das Musik atmen lässt

Muthspiel selbst beschreibt die Arbeit mit Colley und Blade als von gegenseitigem Vertrauen getragen – eine Haltung, die deutlich hörbar wird. Blade spielt nicht Schlagzeug, er malt mit Klangfarben; Colley antwortet auf jede Wendung der Gitarre mit eigenem melodischen Impuls. Die drei Musiker bewegen sich in einem gleichberechtigten Dialog, der permanent zwischen Struktur und spontaner Inspiration oszilliert.

Folklore, Mathematik und Melancholie

Das titelgebende „Dance of the Elders“ vereint rhythmische Kühnheit mit fast volkstümlicher Melodik. Hier wird der Jazz zum Ritual – hochkomplex, aber nie abstrakt. In „Cantus Bradus“ zitiert Muthspiel kompositorisch den Geist Brad Mehldaus: chromatische Linien, die sich zu einem tonalen Zentrum bewegen und unterwegs unerwartete harmonische Räume öffnen.

Klassisch angehauchte Momente wie im fragilen „Prelude to Bach“, das in eine improvisierte Bach-Choralbearbeitung mündet, zeigen Muthspiels Verwurzelung in der europäischen Musiktradition. Sie stehen in reizvollem Kontrast zu Interpretationen wie Joni Mitchells „Amelia“, die das Trio mit respektvoller Zurückhaltung und schwebender Transparenz interpretiert.

Die Schule der Stille

Dance of the Elders ist ein Album, das auf Lautstärke verzichtet, um Tiefe zu gewinnen. In jedem Takt liegt ein bewusstes Innehalten, eine Reflektion über Klang, Zeit und das Miteinander. „Folk Song“ etwa erinnert an Keith Jarretts lyrische Schaffensphase – das Spiel um einen einzigen Akkord, der sich durch minimale Nuancen ständig verwandelt.

Wolfgang Muthspiel, Scott Colley und Brian Blade gelingt mit Dance of the Elders ein Werk von stiller Autorität. Es ist Musik, die Ehrfurcht nicht verlangt, aber unweigerlich erzeugt – durch Präzision, Intimität und die Würde des Unaufgeregten. In einer Zeit überproduzierter Jazzalben steht diese Platte für die Rückkehr zur Essenz: Klang als Gespräch, Schweigen als Form, Jazz als konzentrierte Gegenwart.

Kurz: Ein Meisterwerk der Balance – zwischen Jazz, Kammermusik und kontemplativer Tradition.