Martin Barre tritt am 14. April in der Harmonie Bonn auf. Der einstige Klangarchitekt von Jethro Tull zeigt, wie lebendig Klassiker heute klingen können – kraftvoll, neu gedacht und voller Spielfreude.
Von Dylan C. Akalin
Wenn Martin Barre am 14. April in der Harmonie Bonn auftritt, kehrt nicht nur ein großer Gitarrist zurück in die Region – es ist auch ein Wiedersehen mit einem Musiker, der sich längst vom Schatten seiner Vergangenheit emanzipiert hat, ohne sie je zu verleugnen.
Oktober 2021 im Kubana in Siegburg: Da war es genau dieses Spannungsverhältnis, das den Abend so besonders machte. Die Entscheidung, mit dem vertrackten „Hunting Girl“ zu eröffnen, war sinnbildlich für Barres Ansatz – Respekt vor dem Original, aber keinerlei Ehrfurcht vor dem Stillstand. Schon dort wurde deutlich: Barre ist kein nostalgischer Verwalter des Jethro Tull-Erbes, sondern dessen eigenwilliger Weiterdenker.
Der Architekt im Schatten von Ian Anderson
Über Jahrzehnte war Barre der vielleicht meist unterschätzte Baumeister im Soundkosmos von Ian Anderson. Seit seinem Einstieg 1969 prägte er mit seinem unverwechselbaren Ton zentrale Alben wie „Aqualung“, „Stand Up“ oder !Thick as a Brick“. Während Anderson als charismatischer Frontmann die visuelle und konzeptionelle Führung innehatte, war Barre derjenige, der den Songs ihre physische Wucht verlieh – diese Mischung aus Eleganz und Angriffslust.
Gerade diese „Eleganz im Angriff“ ist bis heute sein Markenzeichen geblieben. Barre spielt nie bloß laut oder schnell – seine Soli erzählen Geschichten, entwickeln Spannungsbögen, setzen gezielte Brüche. Das berühmte Solo in „Aqualung“ ist dafür das vielleicht prominenteste Beispiel: roh, bluesig, aber zugleich strukturiert und melodisch zwingend.
Vom Psychedelic-Rock zum kraftvollen Spätstil
Was sich seit den frühen Tagen verändert hat, ist weniger seine technische Brillanz als vielmehr die stilistische Gewichtung. Der einst stark vom Psychedelic- und Bluesrock geprägte Stil ist heute kantiger, riffbetonter, oft näher am Hardrock. Dabei wirkt nichts angestrengt – eher wie eine natürliche Verdichtung seines Spiels.
Interessant ist, dass Barre dabei nie zum reinen Virtuosen geworden ist. Er bleibt ein Songdiener. Selbst in ausgedehnten Solopassagen – etwa bei „Back To Steel“ oder neueren Stücken – steht nie die Zurschaustellung im Vordergrund, sondern immer der musikalische Zusammenhang. Genau das unterscheidet ihn von vielen Gitarristen seiner Generation.
Die Martin Barre Band: Gegenentwurf zur Nostalgie
Schon 2021 haben wir die besondere Qualität seiner Band erlebt – und das ist bis heute zentral. Mit Musikern wie Dan Crisp gelingt Barre etwas, das viele Classic-Rock-Acts nicht schaffen: Die Balance zwischen Werktreue und Frischzellenkur.
Ohne Flöte, ohne großes Bühnenpathos, ohne nostalgische Verklärung reduziert sich alles auf das Wesentliche: die Gitarre als erzählendes Instrument. Gerade im Vergleich zu aktuellen Inkarnationen von Jethro Tull wird deutlich, wie sehr Barres Spiel dem Material eine andere, direktere Energie verleiht.
Rückkehr nach Bonn: Mehr als nur ein Konzert
Das kommende Konzert in der Harmonie dürfte also mehr sein als ein weiteres Kapitel einer endlosen Classic-Rock-Tour. Es ist die Fortsetzung einer künstlerischen Haltung: das ständige Neujustieren des eigenen Erbes.
Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination dieses Musikers: Martin Barre spielt diese Songs nicht, weil er muss – sondern weil er immer noch etwas in ihnen entdeckt. Und weil er Wege findet, sie auch für ein heutiges Publikum lebendig zu halten.
Es ist diese Mischung aus Gelassenheit und glühender Spielfreude, mit der Barre nach jedem Solo zu seinen Mitmusikern blickt – als würde er selbst noch staunen, wie viel Energie in diesen Stücken steckt. Genau dieses Staunen dürfte auch am 14. April wieder den Saal erfüllen.