Auch das Jazzfest Bonn 2020 steht ganz im Zeichen Beethovens

Das Jazzfest Bonn findet vom 30. April bis zum 30. Mai 2020 statt. FOTOS: JFB

Wenn an Beethovens Geburtstag vor 250 Jahren gedacht wird, wenn der großartige Komponist in seiner Geburtsstadt gefeiert wird, dann darf auch das Jazzfest Bonn nicht zurückstecken. Finanziell unterstützt von der Festivalgesellschaft BTHVN und (noch stärker als sonst) durch die Telekom, wobei Vorstand Tomotheus Höttges in der Konzernzentrale gleich klarmachte, dass über Zahlen nicht gesprochen werde, kann Jazzfest-Chef Peter Materna für dieses Jahr einen ganzen Monat gestalten. 15 Konzertabende wird es geben, an denen überwiegend zwei Acts vorstellt werden – wie üblich ein bekannterer und ein weniger bekannter, wobei das eigentlich für dieses Jahr nicht so gilt wie in der Vergangenheit. Denn das Programm hat es in sich, und Jazzkenner werden bei diesem Programm schon mit der Zunge schnalzen.

Von Dylan Cem Akalin

Von 30. April bis 30. Mai 2020 wird es das längste Jazzfest Bonn der elfjährigen Festivalgeschichte, und wer im vergangenen Jahr schon unter dem reichhaltigen Musikbüffet ächzte, der kann sich schon mal fitlaufen. Gott sei Dank ist das Pantheon wieder dabei, der vielleicht schönste Festivalort, aber auch die Bundeskunsthalle glänzt mit hervorragender Akustik, so wie das Beethoven-Haus für die Soloprojekte. In der Brotfabrik wird wie üblich eher Avantgardistisches geboten, das Haus der Geschichte ist ebenso wieder dabei (nach einem Jahr Pause) wie die Oper, das Volksbank-Haus, die edle Lounge im Post Tower und das Telekom-Forum.

Den Start machen das Bundesjazzorchester und Klaus Doldinger’s Passport, im Doppelkonzert am 30. April im Telekom Forum. Schade, dass Materna Doldinger nicht an einem Abend mit Till Brönner zusammenbekommen hat. Dieser spielt ja zusammen mit dem Simon Oslender Quartett am 22. Mai im Pantheon. Aber es wäre eine feine Sache gewesen. Klaus Doldinger war 2004 zu Gast bei einer Talkreihe von Brönner in der Bundeskunsthalle. Da haben die beiden, begleitet von Schlagzeuger Wolfgang Haffner, dem Pianisten und Keyboarder Roberto Di Gioia sowie Christian von Kaphengst zusammen traumhaft musiziert…

BuJazzo (c) Dmr, Christian Debus

Beethoven und Jazz? Wie passt das zusammen? „Ludwig van Beethoven war ein Mann, der mit offenen Augen und Ohren die aufklärerischen Ideen seiner Umgebung aufsog, sich der Tradition bewusst war und mit großer Leidenschaft jenseits veralteter Schranken Neues schuf“, erklärt Peter Materna. „Diese Innovationskraft eines musician composers ist heute in besonderer Weise im Jazz zu erleben: Keine andere Musik ist so ideenreich, kreativ und im hier und jetzt verortet wie der Jazz. Im Programm des 11. Jazzfest Bonn ist die Auseinandersetzung mit dem revolutionären Musikverständnis Ludwig van Beethovens spürbar, es ist – neben den Jazzkonzerten – gespickt mit Beethoveninseln.“

1. Mai 2020: Der 32-jährige Pianist Michael Wollny ist sowas wie ein Eigengewächs des Jazzfest und ist mittlerweile in der Elite des internationalen Jazz angekommen. Der expressive Musiker hat immer wieder bewiesen, dass er interdisziplinär denkt. Wer erinnert sich an seinen Auftritt 2011 mit seiner Interpretation der Kindertotenlieder von Gustav Mahler? Dieses Jahr spielt er mit seinem ausgezeichneten Trio (Eric Schaefer, Schlagzeug, und Christian Weber, Bass) in der Oper.

Zuvor dürfen die Besucher das Niels Klein Trio mit dem EOS Kammerorchester Köln unter der Leitung von Susanne Blumenthal erleben. Jazz ist ja fast immer eine Kombination aus notierter und improvisierter Musik. Hier indes wird der kammerorchestrale Klangkörper um improvisierende Musiker erweitert, Genregrenzen werden durchbrochen, Wege an der Schnittstelle von Klassik und Jazz werden völlig neu durchforscht.

2. Mai 2020: Das Mathias Eick Quintett ist schon deshalb ungewöhnlich, weil es mit Håkon Aase auch noch eine Violine in der Band hat. Die Norweger verbinden Folk, Jazz und Klassik zu einem vielschichtigen, bisweilen auch mysteriösen Klangexperiment voller meditativer Momente. Als Sohn des Bassisten und Vibraphonisten Jürgen Eick war Mathias Eicks musikalischer Weg vorgegeben. In jungen Jahren erlangte er schon als vielversprechender Trompeter Bekanntheit, sammelte ab 1998 erste bedeutende Erfahrungen mit der Vestfold-Gruppe „Jaga Jazzist“ und studierte Jazz am Trøndelag Musikkonservatorium. Eick war Mitbegründer der Band „Motif“ (1999), erhielt 2001 den ersten Preis im Wettbewerb für „Young Nordic Jazz Comets“ in Kopenhagen, spielte beim Chick Corea & Trondheim Jazz Orchestra und wurde 2006 zum Internationalen Jazz-Talent des Jahres ernannt. In New York erhielt er 2007 die Auszeichnung „bester Jazzmusiker der Welt unter 30“. Seine weiteren Kollaborationen reichen von Manu Katché („Playground“) über Jan Gunnar Hoff, Motorpsycho, Iro Haarla Quintet bis zu Tora Augestads Projekt „Music for a while“.

Ihre Basssolo-Version von Eric Claptons „Tears In Heaven“ ist auf YouTube schon gut zwei Millionen Mal aufgerufen worden. Kinga Głyk begeisterte schon vor zwei Jahren das Publikum mit ihrer Band beim Elbjazz-Festival. Jetzt kommt die polnische Virtuosin, die gerade 23 Jahre alt wurde, mit ihrer funky Formation zu der zwei Keyboards gehören. Das Publikum kann sich jetzt schon mal auf Partystimmung einstellen.

Kinga Glyk © Peter Hönnemann

5. Mai 2020: Den Geiger Tobias Feldmann (29)  verbindet eine Freundschaft mit dem Pianisten Frank Dupree (28). Beim Jazzfest Bonn wirken die beiden erstmals im Duo zusammen. Materna verspricht ein „klassisches Programm mit jazzigen Seitenblicken“. Feldmann, der auch schon solistisch mit dem Beethoven Orchester Bonn konzertierte, kommt eindeutig aus dem klassischen Fach, Dupree ist zwar als Jazz-Schlagzeuger ausgebildet, wendete sich dann aber später voll und ganz dem klassischen Klavierrepertoire zu. Seither widmet er sich mit großer Begeisterung auch der Musik des 20. Jahrhunderts sowie den Werken zeitgenössischer Komponisten. Mit seinem Jazztrio präsentiert er im zweiten Teil des Abends Bearbeitungen von Werken aus Klassik und Jazz, darunter Beethovens berühmtes Spätwerk Opus 111 und zwei Präludien.

6. Mai 2020: Der finnische Pianist Iiro Rantala füllt locker die Elbphilharmonie und andere große Konzertsäle. In Bonn ist er in der intimen Atmosphäre des Beethoven-Hauses zu sehen, noch dazu mit dem klassischen Galatea Streichquartett.

Rantala FOTO: ACT-GregorHohenberg

7. Mai 2020: Im vergangenen Jahr war Drummer Peter Gall noch als Teil des Roberto Di Gioia Ensembles zu sehen, in diesem Jahr kommt er mit seiner eigenen Formation, zu der Reinier Baas (Gitarre), Rainer Böhm (Klavier) und Felix Henkelhausen (Bass) gehören.

Malia konnte sich mit ihrem Nina-Simone-Tribute “Black Orchid” vor sieben Jahren zum ersten Mal als “Internationale Sängerin des Jahres” in die Gewinnerliste des Echo Jazz eintragen. Mittlerweile lotet sie die Möglichkeiten des Jazz, Soul, Trip-Hop und Pop aus. Die britisch-malawische Musikerin ist für ihre Wandlungsfähigkeit bekannt. Nach ihrem jazzigen Debüt mit „Yellow Daffodils“ folgte ein rockiges Soulalbum, dann mit „Black Orchid“ eine Hommage an Nina Simone. Mit dem Yello-Musiker Boris Blank veröffentlicht sie „Convergence“, in dem Malias anpassungsfähige Soulstimme auf elektronische Klänge trifft.

Mailia ©-Mali-Lazell

9. Mai 2020: Das waren noch Zeiten, als wir Jan Garbarek in der Bonner Jazzgalerie sahen. Für Festivalmacher Peter Materna ist der norwegische Saxofonist „einer der wichtigsten Musiker der jüngeren Jazzgeschichte, ein Klang- und Stilforscher, der immer wieder die Begegnung mit neuen musikalischen Formen, Stilen, Haltungen sucht und sich dabei permanent kreativ erneuert“. Gabarek ist ein Saxofonist mit einem geschmeidigen und anmutigen Schilf, der heute jede große Musikhalle füllt, beim Oslo Jazz Festival spielte er zweimal vor 1400 Zuschauern.

Jan Gabarek © Bremme & Hohensee

Die Bonner Show wird mit dem langjährigen Bandkollegen Rainer Brüninghaus am Klavier und am E-Keyboard sowie Yuri Daniel am E-Bass und Trilok Gurtu am Schlagzeug und den Percussions sicherlich  etwas Besonderes. Stilistisch gesehen bewegt sich Garbarek in Zeiten seiner musikalischen Vergangenheit, die nun fast ein halbes Jahrhundert umfasst. Seine Arrangements sind kompakt, die Musik des heute 72-Jährigen kann von sanft-lyrisch zu wütend und virtuos wechseln – oft mit Anspielungen auf den nordischen Folk. Im Wechsel zwischen Sopranino und Tenorsaxophon spielte Garbarek heute so stark wie vielleicht nie zuvor. Er wird den Abend mit seiner Kapelle alleine in der Oper bestreiten.

10. Mai 2020: Alte Bekannte auch an diesem Abend: Dell/Lillinger/Westergaard & Peter Evans in ersten Teil des Abends. Der aus New York stammende Trompeter Peter Evans gilt als eine Art Anarchist der Jazzszene und wird sicherlich einen schönen Kontrast zum geometrisch und intellektuell veranlagten Vibraphonisten Christopher Dell dem wilden und kraftvollen Drummer Christian Lillinger und dem Bassisten Jonas Westergaard bilden. Ihre „Beethoven Variations“ dürften zu einem äußerst spannenden Klangexperiment voller Energie und Risikobereitschaft werden.

Jacky Terrasson gehört zu der Sorte Pianisten, die sowohl eindringlich als auch empathisch spielen können. Der in Berlin geborene Franzose gilt als stilsicherer Musiker voller Ideen, und es wundert wohl niemanden, warum Sängerinnen wie Betty Carter, Cassandra Wilson, Dianne Reeves und Dee Dee Bridgewater ihn so gerne als Begleitung an den 88 Tasten hatten. Der Pianist hat sich aber auch mit seinen Trios einen Namen erspielt, interpretierte zahllose Jazzstandards, baute aber auch immer gerne Melodien aus Popsongs von Stevie Wonder, Michael Jackson, Amy Winehouse oder Justin Bieber ein. Zuletzt erschien mit seinem Album „53“ erstmals wieder eine Aufnahme ausschließlich mit eigenem Material.

Jacky Terrasson kommt mit seinem Trio © MarcObin

13. Mai 2020: Auf den Pfaden einer schwarzen Katze, so heißt das Titelstück des Albums des Pianisten Rainer Böhm und des Gitarristen Norbert Scholly:  „El Movimiento Del Gato Negro“. Die beiden schaffen mit Klavier und akustischer Gitarre eine kammermusikalische Welt sehr eigener Provenienz. Wer sich auf die vielschichtige und manchmal recht verschrobene Grooves einlässt, bekommt einen Einblick in die fantastische Musikwelt der beiden.

Den Grundstein für ihr Duo legten sie  vor etwa acht Jahren, nachdem Böhm nach Köln gezogen war. „Wir merkten schnell, dass wir ähnliche musikalische Auffassungen haben. Besonders in Hinblick auf Groove und Phrasierung. Daher hat es sofort gefunkt“, erinnert sich Gitarrist Scholly. „Es ist Projekt aus purer Leidenschaft“, bestätigt Böhm, „in dem wir einfach das spielen, worauf wir Lust haben. Stücke, die sowohl den Kopf als auch Herz ansprechen – beide Ebenen müssen vereint sein.“

Kompromisslos, vielseitig und ständig auf der Suche nach Neuem – das charakterisiert Django Bates wohl am besten. Der britische Jazzkomponist und Multiinstrumentalist ist für eine Vielzahl von expansiven und einflussreichen Kompositionen und Performances verantwortlich, sowohl als Solokünstler als auch als Mitglied von Gruppen wie Loose Tubes, Zila von Dudu Pukwana, Ken Stubbs ‚First House und Anouar Brahem Blue Maqams Band und Bill Brufords Earthworks. Bates scheint magisch angezogen zu werden vom Verlangen, Musik zu kreieren, die herausfordernd und unvorhersehbar ist. Dass Bates aber auch ein Solist und Musiker mit wunderschönem Ausdruck ist, beweisen Produktionen wie etwa auf Anouar Brahem „Blue Maqams“.

14. Mai 2020: Roger Hanschel & das Auryn Quartett waren schon vor drei Jahren Gast beim Jazzfest Bonn, Silje Nergaard präsentiert ihre Songs im Zusammenspiel mit dem Pianisten Espen Berg.

17. Mai 2020: 2017 wurden die britische Trompeterin und Komponistin Laura Jurd und ihr Quartett Dinosaur von Mercury nominiert. Da hieß es, sie würde Miles Davis‘ Trompetenschärfe, keltische Folkmusik und Django Bates‘sche Launenhaftigkeit in bestechender Weise miteinander in Einklang bringen. Jurds Trompete steht bei dieser Truppe im Mittelpunkt, manchmal auch in eher kryptischer Weise. Dagegen bildet Pianist Elliot Galvin eher mit Old-School-Einsätzen einen Gegensatz, Bassist Conor Chaplin und Schlagzeuger Corrie Dick kümmern sich um rhythmische Betonung voller aufmerksamer Zurückhaltung.

Dinosaur-2 © Dave Stapleton

„Jazzjazz, akustisch und informiert, gestählt an der Kraft und Raffinesse von Hard- und Post-Bop, wuchtig swingend und zupackend. Kein Schnickschnack, keine Elektronik, kein geistiger Filter aus dem Smoothieland.“ Das ist das Denis Gäbel Quartett.

21. Mai 2020: Anlässlich des Beethoven-Jahres wird Pianist Richie Beirach gemeinsam mit dem Sirius Quartet einen Eindruck seines Spiels mit Zeit, Struktur und Raum geben. In einer Art Mini-Zyklus präsentieren die Instrumentalisten in zwei Sets Werke der europäischen Musikgeschichte sowie Originalkompositionen aus eigener Feder, darunter eine Uraufführung von Gregor Huebner und eine Beethoven-Bearbeitung von Richie Beirach.

22. Mai 2020: Der 21-jährige Simon Oslender gilt als große Nachwuchshoffnung des deutschen Jazz. Der Virtuose am Klavier und der Hammond-Orgel gehört mittlerweile zur Wolfgang Haffner Band sowie der neuen Band des Saxophonisten Bill Evans. Im Pantheon tritt er auf mit Claus Fischer (Bass) und Hendrik Smock (Schlagzeug). Till Brönner kommt mit seinem Septett (mehr hier).

24. Mai 2020: Über Rolf und Joachim Kühn, mittlerweile 90 und 75 Jahre alt, beide längst Legenden des deutschen Jazz, muss man nicht viele Worte verlieren. „Rolf an der Klarinette besticht durch Eleganz und Zurückgenommenheit, Joachim am Klavier durch hämmernde Intensität“, brachte es die ZEIT mal auf den Punkt.

30. Mai 2020: Abschluss im Pantheon mit den Gewinnern des JazzBeet Wettbewerb sowie Jazzanova und der Jazzrausch Bigband.

Jazzfest Bonn 2020: Das Programm

Konzerte, Beginn jeweils 19 Uhr

30. April, Telekom Forum: Bundesjazzorchester, Klaus Doldinger’s Passport
1. Mai, Opernhaus: EOS Kammerorchester Köln & Niels Klein Trio, Michael Wollny Trio
2. Mai, Bundeskunsthalle: Mathias Eick Quintet, Kinga Głyk
5. Mai, Beethoven-Haus: Tobias Feldmann und Frank Dupree, Frank Dupree Trio
6. Mai, Beethoven-Haus: Iiro Rantala solo, Iiro Rantala & Galatea Quartett
7. Mai, Post Tower: Peter Gall Quartett, Malia
9. Mai, Telekom Forum: Jan Garbarek Group
10. Mai, Pantheon: Dell/Lillinger/Westergaard & Peter Evans, Jacky Terrasson Trio
13. Mai, Beethoven-Haus: Norbert Scholly & Rainer Böhm, Django Bates
14. Mai, Volksbank-Haus: Roger Hanschel & Auryn Quartett, Silje Nergaard Duo
17. Mai, Brotfabrik: Laura Jurd Dinosaur, Denis Gäbel Quartet
21. Mai, Beethoven-Haus: Richie Beirach & Sirius Quartet
22. Mai, Pantheon: Simon Oslender Quartett, Till Brönner Septett
24. Mai, Haus der Geschichte: Rolf und Joachim Kühn
30. Mai, Pantheon: Gewinner JazzBeet Wettbewerb, Jazzanova, Jazzrausch Bigband

Rahmenprogramm:

Donnerstag, 30. April, Haus der Geschichte, 10 Uhr: Symposium
Sonntag, 24. Mai, Regierungsviertel, 14 Uhr: Musikalischer Spaziergang auf dem Weg der Demokratie
Dienstag, 26. Mai bis Samstag, 30. Mai, Brotfabrik: JazzBeet Wettbewerb mit öffentlichen Konzerten