Von Dylan C. Akalin
Von außen betrachtet, könnte man meinen, Joachim Kühn habe längst alles gesagt, was ein Musiker sagen kann. Acht Jahrzehnte prallen aufeinander: die frühe Virtuosität eines Klassikkünstlers, die eruptive Kraft des Free Jazz, die offene Neugier gegenüber Weltmusik, Elektronik, Fusion. Doch wer dem Pianisten nur einen Moment zuhört, weiß: Joachim Kühn denkt nicht rückwärts. Er spielt gegen die Zeit an – und jedes neue Projekt bedeutet für ihn den Versuch, ein nächstes Kapitel in der Sprache des Jazz zu eröffnen. Nein, Joachim Kühn ist der ewig junggebliebene Erforschende der Möglichkeiten des Jazz.
Mit „Joachim Kühn & Young Lions“ (VÖ 24. April 2026) zieht der inzwischen 82-Jährige eine musikalische Bilanz, die alles andere als rückblickend ist. Statt Sentimentalität herrscht hier schöpferischer Furor: eine Musik, die weder den Status des Meisters noch den jugendlichen Überschwang verleugnet, sondern aus ihrer Reibung Funken schlägt.
Generationendialog als Energiequelle
Das Konzept hinter „Young Lions“ ist ebenso schlicht wie folgerichtig: Kühn sucht die Herausforderung durch jene, die zwei Generationen jünger sind als er – Musiker, die ihn fordern, irritieren, antreiben. Er selbst formulierte es so: „Ich möchte noch freier spielen – wie Bach oder Coltrane am Ende ihres Lebens.“ Freiheit, das meint bei Kühn nicht Abkehr, sondern Verbindung: zwischen Disziplin und Raserei, Struktur und Spontaneität, Erfahrung und Unschuld.
Diese Idee spiegelt sich schon in der ungewöhnlichen Besetzung: Piano, Trompete, Vibraphon, Kontrabass, Schlagzeug.
Die Trompete – gespielt vom jungen Jakob Bänsch – bringt Glanz und Mut ins Ensemble; sie stellt Fragen, wo andere Antworten suchten. Bänschs Spiel ist hochpräzise, hell, manchmal messerscharf, und doch empfänglich für Kühns Improvisationslogik – ein permanenter Balanceakt zwischen Brillanz und Hingabe.
Das Vibraphon und Marimbaphon von Andrés Coll wiederum eröffnen flirrende Räume, in denen sich Kühns komplexer Harmonikale vitalisiert. Wo andere sich im Wettlauf um Aufmerksamkeit verlieren würden, bilden Kühn und Coll eine symbiotische Einheit: zwei Maler, die dieselbe Farbpalette teilen, aber unterschiedliche Farbtöne finden.
Wenn Erfahrung auf Erdung trifft
In der Rhythmusgruppe mit Nils Kugelmann (Bass) und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeug) hat Kühn schließlich jenes Fundament gefunden, das seine rastlose Energie erden kann. Beide sind als eingespieltes Duo aus Kugelmanns Trio bekannt – und bringen eine rhythmische Klarheit mit, die Kühns eruptive Impulse auffängt, lenkt und bis ins Unberechenbare verschiebt.
Hier pulsiert eine Musik, die sich in ihrer Beweglichkeit selbst feiert: Weite, Raum, Freiheit – und zugleich eine rhythmische Konsequenz, die selbst Kühns rasantesten Läufen Gewicht verleiht.
Studiozauber und klangliche Topographie
Aufgenommen wurde das Album im Studio von Kühns langjährigem Freund Axel Kroell – und man meint, in dieser Produktion fast etwas Mediterranes, Sonnengetränktes zu hören. Der Sound ist transparent, luftig, ohne je steril zu wirken. Die fünf Musiker sind nicht einfach Stimmen in einem Mix, sondern lebendige Körper in einem Raum: man hört das Atmen, das Lauschen, das intuitive Reagieren.
So entsteht eine Musik, die zugleich Improvisation und Gespräch ist – nie konzipiert, stets entstehend. Diese Offenheit macht „Young Lions“ zu einem Dokument, das der Gegenwart eine Lehre erteilt: Jazz ist kein Archiv vergangener Ideale, sondern ein offener Prozess des Hörens und Antwortens.
Jazz als Haltung: Das Spiel gegen die Zeit
Joachim Kühn ist kein Bewahrer. Er ist ein Unruheherd, ein Alchemist der Töne, der seine Musik immer wieder entgrenzt, indem er sie teilt. „Young Lions“ ist kein Alterswerk, sondern ein Werk über das Altern: ein trotziges, kraftvolles Statement dafür, dass Stillstand der einzig wahre Feind des Jazz ist.
Vielleicht liegt genau darin Kühns Größe – dass er die Jugend nicht beneidet, sondern sucht; dass er sie nicht imitiert, sondern aktiviert. Was in dieser Begegnung entsteht, ist kein Generationendialog im moralischen Sinne, sondern ein Austausch auf Augenhöhe – getragen von Respekt, Risiko und Spiellust.
Plädoyer für das Wagnis des Neuanfangs
„Joachim Kühn & Young Lions“ ist eine musikalische Haltung: ein leidenschaftliches Plädoyer für das Wagnis des Neuanfangs, auch (oder gerade) jenseits des 80. Geburtstags.
Kühn spielt, als ginge es ums Prinzip: gegen das Altern, gegen die Schwerkraft, gegen den Gedanken, dass Erfahrung je genug sei.
In einer Zeit, in der Jazz oft zwischen Nostalgie und intellektuellem Kalkül pendelt, ist dieses Album das Gegenteil: lebendig, riskant, mutig, und – vor allem – frei.
Veröffentlichung: 24. April 2026
Label: ACT Music
Formate: CD / LP / Digital
