Was passiert, wenn eine der ersten Punkbands der Geschichte ihr eigenes Erbe noch einmal anfasst – nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier? „Not Like Everybody Else“ ist kein Aufruhr, kein Manifest, kein Alterswerk im klassischen Sinn. The Damned nehmen Songs aus verschiedenen Phasen ihrer Karriere, verlangsamen sie, öffnen sie, legen Schichten frei. Dave Vanians dunkle, elegante Stimme steht dabei im Zentrum, Captain Sensibles Gitarrenarbeit gewinnt an Melodie und Atmosphäre. Dieses Album fragt nicht nach Relevanz – es setzt sie voraus und überprüft sie neu.
Von Dylan C. Akalin
Der Titel ist natürlich eine Provokation – oder zumindest ein Versprechen. „Not Like Everybody Else“ behauptet Differenz, Eigenheit, vielleicht sogar Widerstand. Ausgerechnet The Damned, jene Band, die Punk einst mitbegründete und sich doch nie ganz mit dessen Dogmen zufriedengab, legt hier ein Album vor, das überhaupt nicht nach Aufruhr klingt. Ist es meinem Alter (Jahrgang 1958) geschuldet, dass mich die Interpretationen so begeistern? Dave Vanians sonore Stimme, die manchmal an Marc Almond/Soft Cell erinnert, die sägenden, melodiösen Gitarreneinsätze von Captain Sensible?
Dieses Album wirkt nur auf den ersten Blick wie eine Rückschau. Es ist natürlich kein klassisches Studioalbum, auch kein reines Coverwerk. Diese Sammlung überarbeiteter, neu kontextualisierter Songs aus verschiedenen Phasen der Bandgeschichte, ist eher eine Referenz, eine Verbeugung vor ihren Wurzeln – und genau darin liegt seine Stärke wie auch seine Angreifbarkeit.
Zeitforschende
Was The Damned hier tun, ist kein simples Wiederaufwärmen. Mir kommen die Jungs vor wie Zeitforschende, die ihre aus dem fetten Lehm abgeschabten Reliquien neu konstruiert und erweitert haben. Die früheren Versionen schimmern durch, man erkennt sie natürlich sofort, weil das Grundgerüst erhalten ist. Aber sie sind überlagert von neuen Arrangements, veränderter Dramaturgie, teils entschleunigt, teils elegischer. Stücke, die einst von Nervosität und Dringlichkeit lebten, werden nun aus der Distanz betrachtet. Das Faszinierende (und Verblüffende) ist, wieviel Eleganz The Damned den Songs verpass.t. Das hat schon etwas Zärtliches

Das Material wird entkernt und neu aufgebaut wie ein altes Haus. Gitarren verlieren an Schärfe, gewinnen an Atmosphäre. Rhythmen sind weniger treibend, vielleicht sogar kontrollierter, stoisch. Dave Vanian singt nicht mehr „gegen“ die Songs an, sondern „in“ sie hinein – mit jener dunklen Gravitas, die er über Jahrzehnte kultiviert hat. Das ist kein Punk-Gesang mehr, sondern eine Art gothischer Crooner-Punk, der auf Erfahrung statt Eskalation setzt.
Was macht die Band daraus?
The Damned zerlegen die Vorlagen, prüfen es auf Tragfähigkeit im Heute. Manche Songs wirken dadurch überraschend zeitlos – gerade weil sie nicht mehr versuchen, zeitgemäß zu sein. Andere verlieren etwas von ihrer ursprünglichen Dringlichkeit und werden eher zu Stimmungsbildern, fast zu Kuriositäten einer bewegten Vergangenheit.
Doch genau hier liegt der Reiz: „Not Like Everybody Else“ zeigt, dass diese Songs mehr sind als historische Artefakte. Sie sind Material, das altern darf – und vielleicht sogar muss.
Die Frage der Berechtigung
Hat dieses Projekt eine Berechtigung? Ja, aber keine selbstverständliche. Es richtet sich nicht an jene, die The Damned als Denkmal konservieren möchten, und auch nicht an Nostalgiker, die die alten Versionen eins zu eins zurückhaben wollen. Die Berechtigung entsteht aus der Konsequenz, mit der die Band ihren eigenen Mythos infrage stellt.
The Damned waren nie puristisch. Schon früh flirteten sie mit Gothic, Psychedelia, Pop und theatralischer Überhöhung. Insofern ist dieses Album weniger ein Bruch als eine logische Fortsetzung: Punk als Haltung, nicht als Klangformel.
Wie kommen die überarbeiteten Songs heute rüber?
Im Jahr 2026 (oder: im Jetzt) wirken diese Songs erstaunlich ruhig, fast abgeklärt. Sie tragen nicht mehr den Gestus des Aufbegehrens, sondern den der Reflexion. Das kann man als Altersmilde lesen – oder als Luxus einer Band, die nichts mehr beweisen muss.
Manche Stücke gewinnen durch diese Reife an Tiefe, andere verlieren an Biss. Aber selten wirken sie peinlich oder bemüht. Eher wie alte Bekannte, die man nach Jahren wiedertrifft und feststellt: Sie sind anders geworden – aber nicht belanglos.
Wieviel The Damned ist da noch?
Das ist die entscheidende Frage. Die Antwort: genug – aber nicht in der Form, die man vielleicht erwartet. Der anarchische Impuls ist gezähmt, der Sarkasmus subtiler, der Furor ersetzt durch Haltung. Übrig bleibt eine Band, die sich selbst ernst genug nimmt, um sich zu verändern, und ironisch genug, um sich dabei nicht zu verleugnen.
„Not Like Everybody Else“ ist kein essenzielles The-Damned-Album im klassischen Sinn. Es ist ein Kommentar zur eigenen Geschichte, ein selbstkritischer Blick zurück – und nach innen. Wer The Damned nur als Punk-Urknall hören will, wird hier wenig finden. Wer sie jedoch immer als Grenzgänger begriffen hat, als Band mit Hang zur Dunkelheit, zum Theater, zur Transformation, findet hier ein leises, eigensinniges, manchmal sperriges, aber durchaus würdiges Spätwerk.
Nicht wie alle anderen – das stimmt. Aber auch nicht mehr wie früher. Und genau das macht dieses Album interessant.