Patti Smith in Köln mit Überraschungsgast Joan Baez: Eine Zeremonie der Freude, der Glückseligkeit, des leichten Seins

Patti Smith am Kölner Dom 2018 FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Ja, ja, sie ist die Godmother of Punk, die Schamanin der Hippiemusik, die Hohepriesterin des Rock. Stimmt alles. Aber vor allem ist Patti Smith eine Poetin, ein politischer Mensch, vielleicht mit zu romantischen Vorstellungen, aber genau das ist es, was wir jetzt wollen. Eine Musikerin, die authentisch ist, die emotional ist, engagiert, mit 71 Jahren immer noch ein wenig zornig auf das, was in der Welt geschieht, immer noch widerspenstig wie ein Teenager, kratzbürstig und sanft. Patti Smith gab am Donnerstagabend auf dem Roncalliplatz in Köln, gleich am Dom, ein ganz besonderes Konzert.

Von Dylan Cem Akalin

Patti Smith am Kölner Dom 2018 FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Bestuhlung bei Patti Smith? Schon bei ihrem Konzert in der Lichtburg in Essen vor anderthalb Jahren überwanden einige Fans den roten Plüsch, um abzutanzen. Und jetzt in Köln? Es dauert nicht lange, bis etliche Fans einfach in den Zwischengängen und hinter den Stuhlreihen stehen – und ausgelassen tanzen. Rock kennt keine Ordnung. Schon gar nicht, wenn Patti Smith „Dancing Barefoot“ singt. Und ganz besonders nicht, wenn ausgerechnet der Mensch plötzlich auf der Bühne steht, dem der Song gewidmet ist. Joan Baez.

Überraschungsgast Joan Baez

Da kommt die 77-Jährige Folk-Sängerin locker tanzend auf die Bühne. Sie breitet die Arme aus und bewegt sich wie bei einem Sirtaki, umarmt Patti, sie tanzen zusammen. „Sie war ein großer Einfluss“, sagt sie. Auf den Sitzen hält es keinen mehr. Gänsehaut. Später wird Joan Baez wieder auf die Bühne kommen, mitten im Bob-Dylan-Song “ A Hard Rain’s A-Gonna Fall“, das Smith ja auch bei der Nobelpreisverleihung für Dylan gesungen hatte. Smith hat gerade die Zeilen „I saw guns and sharp swords in the hands of young children…“ gesungen, da steht Baez, die an diesem Freitag an selber Stelle ein Konzert geben wird,  plötzlich neben ihr und steigt in den Song ein:

„And what did you hear, my blue-eyed son?
And what did you hear, my darling young one?
I heard the sound of a thunder that roared out a warning
I heard the roar of a wave that could drown the whole world“

Rätselhaftes „Redondo Beach“

Patti Smith am Kölner Dom 2018 FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Patti Smith, so scheint es, ist in einer ganz besonderen Stimmung. „Great to be back!“, ruft die Frau in dem viel zu großen schwarzen Jackett und den langen grauen Haaren von der Bühne. „In den 70ern stand ich schon mal vor dieser Kathedrale und dachte mir, wie großartig es wäre, hier einmal zu singen. Dass das Dekaden später geklappt hat, ist ein Segen.“ Und dann ist es, als würde sie tatsächlich die Schwingen ausbreiten, als sie „Wing“ in einer zarten, sparsam instrumentierten Version singt. Und diese Stimme! Patti ist eine jener Sängerinnen, die nicht mit einer beeindruckenden stimmlichen Fähigkeit beeindruckte. Und ihr Gesang hängt so in einer Zwischenstufe zwischen Sprechgesang und Schreien. Es ist diese erzählerische Empirie mit ihrem leicht wackeligen Ton, dieses ganz eigene Ziehen und Kieksen, eine tiefe Stimme, die eigentlich gar nichts Liebliches an sich hat, aber den Zuhörer dennoch magisch anzieht.

Tänzelnd, geradezu sommerlich-leicht klingt „Redondo Beach“ mit dem Reggae-Rhythmus und den rätselhaften  Lyrics. Die Geschichte eines Selbstmords, eine junge Frau, die sich nach einem Streit zum Ertrinken ins Meer begibt. Smith selbst erklärte mal, dass es eher ein lesbisches Thema aufgreife, Redondo Beach sei ein Strand, wo Frauen andere Frauen lieben, erklärte sie mehr als einmal.

Hohelied auf Merkel

 

Patti Smith am Kölner Dom 2018 FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Van Morrison gab sich am Vorabend verschlossen. Patti Smith indes ist eine Künstlerin mit einem selbsterteilten Auftrag, mit einer Botschaft. „Unsere sogenannten Führer nehmen uns die Brüderlichkeit, tun alles, um die Gesellschaften zu spalten. Deshalb singe ich für jene, die leiden, die auf der Suche nach einem Platz für ihr Leben sind“, ruft sie und setzt zu einem Hohelied auf Angela Merkel an. Die deutsche Kanzlerin, so Smith, befinde sich auf einem einsamen, sehr schweren Kampf. „She’s great!“ Der Applaus kommt eher etwas irritiert. Doch es ist die Ankündigung zu „Ghost Dance“, rhythmisch und harmonisch dem Nanissáanah der Northern Paiute nachempfunden. „Wir sollten wieder leben“, singt sie, „und anderen die Hände reichen.“

Noch solch ein Höhepunkt an diesem Abend: „Beneath the Southern Cross“. Der Song mit der großartigen Poesie, getragen von einer sündhaft funkelnden Gitarre, setzte einst den Trauerprozess fort. Trauer ist eine Zeit, in der man „dieses Labyrinth des Seins“ besonders stark empfindet, ein Zustand wie zwischen zwei kalten Welten. Die Musik hat etwas Meditatives, Ausgeflipptes, die Country- und Blues-Nebel gehen in eine spacige Psychorock-Improvisation über. Während die Band um ihren treuen Gitarristen Lenny Kaye sich fast in Trance spielen, steht Smith am rechten Bühnenrand. Unbeweglich.  Dann dreht sie sich abrupt zum Mikro und ruft: „Fühlt die Energie.“

Hommage an den Kölner Dom

Patti Smith am Kölner Dom 2018 FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Und dann werden wir Zeugen einer Premiere: Zu Roland Kirks bluesiger Post-Bop-Nummern „We Three Kings“ (1961) hat Smith einen Text geschrieben, eine Hommage an den Kölner Dom und den Dreikönigenschrein, musikalisch erinnerte die Interpretation stark an die Doors.

Als Sahne auf der Torte gibt es dann den von allen sehnlichst erwarteten 1978 mit Bruce Springsteen geschriebenen Klassiker „Because The Night“, Patti Smiths Liebeserklärung an ihren damaligen Freund Fred Smith, der 1994 verstarb. Und „Gloria“? Ein Fest. Eine Zeremonie der Freude, der Glückseligkeit, des leichten Seins.

Zur Zugabe: Die Elvis-Nummer „Can’t Help Falling in Love“ und ihre Hymne des gesellschaftlichen Widerstands „People Have the Power“. Und Patty entlässt die total freudestrahlenden Fans nicht ohne einen Appell:  „Don’t Forget It. Use Your Voice!“ Sie jedenfalls tut es. Und wie!