Das bietet das Jazzfest 2018: Zwölf Doppelkonzerte von John Scofield über Nils Landgren bis Michael Wollny

Das Jazzfest Bonn bringt wieder ein buntes Mosaik verschiedener Stile und Musiker. FOTOS: JFB

Das Jazzfest Bonn setzt 2018 auf eine ganze Reihe alter Bekannter. Doch auch Juwelen der großen Jazzszene sowie Hoffnungsträger der improvisierten Musik präsentiert der Künstlerische Leiter Peter Materna für die neunte Auflage des Festivals. Mit Philip Chaterine und John Scofield hat er gleich zwei Legenden der Jazzgitarre verpflichtet. Und bei den zwölf Abenden vom 12. April bis 12 Mai 2018 gilt wieder das Prinzip, Weltklasse-Künstler und nationale Stars in Doppelkonzerten mit jungen Nachwuchsmusikern und regionalen Jazz-Größen zu präsentieren. Das spannende Prinzip hat sich bisher bewährt. Für so manchen Abend sollten sich Jazzfans sputen: Seit 2010 ist Materna jedenfalls gewohnt, dass seine Konzerte stets ausverkauft sind. Der Vorverkauf beginnt am Freitag, 1. Dezember 2017.

Von Dylan Cem Akalin
und Mike H. Claan

Peter Materna stellt das Programm des Jazzfest Bonn 2018 vor. FOTO: Dylan Cem Akalin

Programmatische Schwerpunkte? Klaviertrios gibt es, und auch interessante, markante Gitarristen stehen auf dem Zeitplan. „Ich buche Künstler, die ich selbst gerne höre“, sagte Pater Materna bei der Vorstellung des Programms am Mittwoch im Haus der Deutschen Welle in Bonn. Aber es gehe ihm auch darum, mehr in die Breite zu gehen, hochwertige Künstler mit „publikumsverträglichen“ Acts zu kombinieren. Materna: „Mein größter Stolz ist es, wenn es hinterher ein paar jazzaffine Menschen mehr gibt.“ Materna, selbst Saxofonist und Komponist, machte aber klar, dass es ihm auch darum geht, Künstler zu unterstützen, Jazzmusikern die Möglichkeit zu geben, sich einem relativ großen Publikum vorzustellen.

Aber dem Festivalchef geht es selbstredend auch um künstlerische Inhalte. „Ich sammle drei bis vier Jahre, fahre zum Teil bis zu 500 Kilometern, um einen Musiker oder eine Band zu hören, bevor ich sie buche“, erzählt er. Dann kommt die große Qual: Wo tritt welche Band auf? „Ich habe meine Favorites“, gibt Materna zu. Die platziert er in passenden Locations und denkt dann darüber nach, welcher weitere Act passt. „Das ist ein schwieriger Prozess, und dabei gibt es immer wieder Umstellungen.“

Den Start machen am Donnerstag, 26. April 2018, 19 Uhr, im Post Tower das Trio Saskya und das Nils Landgren Quartett.

Sasyka FOTO: JFB/Heide Benser

Saskya wird so mancher wegen Saxofonistin Anna-Lena Schnabel kennen. Die junge Musikerin wurde im Sommer nicht nur bekannt, weil sie den Echo Newcomerin erhielt, sondern vor allem wegen einer Dokumentation von Jan Bäumer, in der sie klagt, dass der NDR ihr untersagt habe, bei der Echo-Gala ein eigenes Stück zu spielen. Vielmehr sollte sie lieber eine wohl eingängigere Covernummer aufführen. Positiver Effekt: Es hagelte Buchungen.

Dennoch: Das Frauentrio hat es verdient wegen ihrer ausgezeichneten Musik bekannt zu werden. Denn Schnabel, Lisa Wulff (Bass, Gesang) und Clara Haberkamp (Klavier, Gesang) haben einen absolut coolen Sound, verschmelzen Lyrik mit brüchigen Linien und schaffen damit einen eigenen Ausdruck, der, wenn man es kurz beschreiben soll, klingt, als würde die freche kleine Schwester von Michael Brecker mal gehörig die Strukturen durchwirbeln. Und das tut das Trio auf so intuitive Art und Weise, dass es ein eingängiges Liveerlebnis ist.  „Ich weiß, was es bedeutet, in solch einer Zusammenstellung zu spielen. Das ist eine ungeheure Herausforderung, Spannung aufzubauen“, so Materna.

 

Wer nicht bis April warten will: Ann-Lena Schnabel tritt zuvor am 12. Januar 2018 bei der Dottendorfer Jazznacht auf, diesmal allerdings mit ihrem Quartett, zu dem Florian Weber (Piano), Dan Weiss (Drums) und Thomas Morgan (Bass) gehören.

Über Nils Landgren muss man eigentlich nicht viele Worte verlieren. Der Schwede mit der roten Posaune kommt diesmal allerdings nicht mit seiner Funk Unit, sondern einem Quartett. „Das war eigentlich mein Wunsch, dass er im Quartett auftritt, und er hat es eigens für das Festival zusammengesetzt“, so Materna. Lindgren ist vielseitig wie ein Zauberwürfel. Lassen wir uns überraschen. Das verbindende Glied der beiden Bands, ist übrigens Lisa Wulff!

 

Freitag, 27. April 2018, 19 Uhr, Telekom Forum:

EdMotta (c) Chachi Ramirez

Ed Motta und seine Band pflegen den Funk-Soul-Fusion-Jazz-Pop der 70er, 80er Jahre. Stichwort Lee Rittenour, Les McCann. Al Jarreau. So manche Rhythmen und Bassthemen kommen einem verdammt bekannt vor. Und die Musik geht sofort ab. Wer Michael Franks, die Doobie Brothers, Tower Of Power und Steely Dan mag, wird Ed Motta lieben. Viele seiner Arbeiten, insbesondere das Album „AOR“ (2013)  wurden von seiner Faszination für Film-Soundtracks und vergangene Zeiten inspiriert. Der Track „Flores da Vida Real“ wurde etwa von TV-Serien-Intros beeinflusst, und sein enzyklopädisches Wissen über Fantasy-TV-Serien wie „The Avengers“ oder „Captain Scarlet“ müssen beeindruckend sein, jedenfalls erzählt er bei seinen Konzerten oft sehr viel davon.  Und diese hinreißende Baritonstimme, die er immer wieder in hohe Lagen jagt! Der Grammy-nomminierte Brasilianer, der in den 90ern in New York lebte und auch mal bei Incognito mitspielte, hat eine Stimme zum eintauchen.

Incognito ist Jean-Paul „Bluey“ Maunick, Gitarrist, Komponist und Schöpfer des Acid-Jazz-Sounds, ohne den kein Clubs in den 90er Jahren auskommen konnte. Vor zwei Jahren erschien das Live-Album zum 35-jährigen Bandbestehen. Zu den Höhepunkten des Albums gehörte das Cover von Stevie Wonders „As“, das die Gruppe neu interpretierte, wobei die Melodie ein etwas schnelleres Tempo hatte, sowie eine funky Wiedergabe des Instrumental-Klassikers „Always There“ von Ronnie Laws mit einem spacigen Keyboard-Solo. Das Überraschungshighlight des Konzerts war die energiegeladene Performance von Mario Biondis „This Is What You Are“ mit Biondi. Markante Vocals bei einem Cameo-Auftritt, bei dem er das Publikum in Call und Response involvierte. Das Telekom Forum wird sicher zum coolen Tanzpalast.

 

Samstag, 28. April2018, 19 UHR, Universität Bonn, Aula:

Mit seiner Band Hildegard Lernt Fliegen erzeugte Andreas Schaerer im vergangenen Jahr einen begeisterten Sturm der Begeisterung – und das, obwohl die Musik ziemlich Avantgarde ist. Aber eben auch unterhaltsam. Nun kommt der Ausnahme-Vokalist mit einem anderen Stamm-Projekt nach Bonn: A Novel Of Anomaly. Für Materna ist Schaerer „der Sänger schlichthin“. Der Mann, sagt Materna zu Recht, ist ein „Quell  an Ideen, dass ich mich immer wieder wundere, wo er das alles her hat“. Das Quartett besteht diesmal aus Luciano Biondini (Akkordeon), Kalle Kalima (Gitarre, Elektro) und Lucas Niggli (Schlagzeug, Perkussion).

Das Kontrastprogramm kommt diesmal von dem aus Bonn stammenden Nils Wülker, der musikalisch immer wieder neue Fenstern und Türen aufgestoßen hat. Auf seinem jüngsten Album „ON!“ vermischt er Jazz mit Hip-Hop. Da hat er etwa mit  Rapper Marteria zusammengearbeitet. „Ich hatte Lust, mich mit Samples und mit Synths und Beats auseinanderzusetzen – totales Neuland“, sagt er in einem Interview. „Das war so eine Energie, Schalter umlegen, einfach machen.“

 

Sonntag, 29. April 2018, 19 UHR, Universität Bonn, Aula:

Django Bates wurde schon mal als „Monty Python des Jazz” beschrieben, weil der britische Pianist in seiner collagenartigen Musik nicht nur Einflüsse des Pop und Rock einbaut, sondern auch Punk. Bates steht in der Tradition von Carla Bley und Michael Gibbs.

Sängerin Ulita Knaus sorgte schon vor zwei Jahren im Post Tower für intime Musikmomente.

 

Donnerstag, 3. Mai 2018, 19 Uhr, Beethoven-Haus

Julia Hülsmann (c) Volker Beushausen

Julia Hülsmann und Christopher Dell sind dem Bonner Publikum schon seit langem bekannt. Beide prägen seit Jahrzehnten die Jazzszene in Deutschland, beide wohnen in Berlin, wobei Julia Hülsmann aus Bonn stammt. Dies hier ist dies ihre erste Zusammenarbeit. Exklusiv für das Jazzfest Bonn erarbeiten Hülsmann und Dell erstmals ein Programm. Man darf gespannt sein, wenn eine durchaus strukturiert denkende, aber der ausdrucksstarken, melodischen Kreativität vertpflichtet stehende Pianistin, auf den Architekturprofessor und Vibraphonisten trifft.

„Die Jazz- und Popsängerin Inga Lühning und der Bassist und Komponist André Nendza wagen in ihrer Musik den Spagat von Degenhardt bis Michael Jackson, sie spielen eigene Songs und Cover-Versionen. Mal ganz pur nur mit Stimme und Kontrabass, mal aufregend komplex mit Loops, E-Bass, Effekten und Bass-Schlitztrommel. Einnehmende Klangräume fürs Herz“, schreibt das Jazzfest.

 

Freitag, 4. Mai 2018, 19 Uhr, Brotfabrik

Philip Catherine (c) Wim van Eesbeeck

Der 38-jährige Lage Lund, der schon mit Wynton Marsalis, Ingrid Jensen und Seamus Blake gespielt hat, trifft an diesem Abend auf Philip Catherine, die 76-jährige Jazzlegende aus Belgien. Er gehört zu den wichtigsten Jazzgitarristen des europäischen Jazz, der einen unverwechselbaren Improvisationsstil hat. Er spielt im Duo mit dem Bassisten Martin Wind.

 

Samstag, 5. Mai 2018, 19 Uhr, Haus der Geschichte

Mit ihrer unverwechselbaren, elektrisierenden Stimme räumt die Britin seit Veröffentlichung ihres ersten Albums ‘Not Alone’ in 2005 weltweit Preise ab Julia Biel ist Multiinstrumentalistin, spielt auf der Bühne meist Klavier oder Gitarre. Ihre musikalischen Vorbilder sind Neneh Cherry, Sade, Chaka Khan und Annie Lennox. „Mich hat an Musikern wie Nina Simone, Miles Davis und Billie Holiday besonders fasziniert, dass sie in der Lage waren, ihre starke Persönlichkeit künstlerisch zum Ausdruck zu bringen und es zugleich in ihrer Musik auch immer verstanden haben die eigene Verletzlichkeit furchtlos zu thematisieren“, sagt sie. Beim Jazzfest stellt sie ihr neues Album vor, das im Februar 2018 erscheinen soll.

Schlagzeuger Wolfgang Haffner zählt zu den bedeutendsten Musikern in Deutschland und hat schon mit etlichen Musikgrößen gespielt, darunter für Chaka Khan und elf Jahre lang bei Klaus Doldingers Passport, bei Konstantin Wecker, Fanta 4 und Xavier Naidoo. „Er ist einer der einfühlsamsten, aber auch kraftvollsten Trommler seines Genres. Er ist in der Lage, sich in unterschiedlichste Stimmungen stilübergreifend hineinzuversetzen“, so  Klaus Doldinger. Zu Haffners Band gehören. Roberto Di Gioia am Klavier, Christopher Dell am Vibraphone und Christian Diener am Bass.

 

Sonntag, 6. Mai 2018, 19 Uhr, Volksbank-Haus

Richie Beirach (Klavier) und Gregor Huebner (Violine) gilt als eines der besten modernen Jazz- und Kammerensembles unserer Zeit.

Seit 2001 leiht Lyambiko der erfolgreichen Band ihren Namen. Die Thüringerin singt Klassiker wie „Some Day My Prince Will Come“ sowie eigene Stücke, die mitunter Soulcharakter haben.

 

Montag, 7. Mai 2018, 19 Uhr, Opernhaus

Neben dem Bundesjazzorchester unter der Leitung von Niels Klein, bringt dieser Abend vor allem den  Grammy-Gewinner John Scofield. Der einst von Miles Davis entdeckte Gitarrist hat nie ein Geheimnis aus seinen Wurzeln im Country- und Folk-Bereich gemacht. Nun endlich hat der Gitarrenvirtuose diese Seite seiner Musik in Form gegossen. Mit einem starken Fokus auf die Melodie und einem akzentuierten, humorvollen Ton treffen Countryklänge auf Modern Jazz feinster Klasse. (Ausführliches Porträt folgt.)

 

Donnerstag, 10. Mai 2018, 19 Uhr, LVR-LandesMuseum Bonn

Eyolf Dale ist wohl der spannendste skandinavische Musikexport seit Jahren: Der Pianist nimmt die Zuhörer mit auf eine wundervolle musikalische Reise durch die Landschaft nordischer Klangwelten unternehmen.

Der in Tokyo lebende, mehrfach Grammy-nominierte japanische Pianist Makoto Ozone, zählt schon seit Jahrzehnten zur weltweiten Crème de la Crème der Jazz- und Klassikpianisten.

 

Freitag, 11. Mai 2018, 19 Uhr, LVR-LandesMuseum Bonn

Der Pianist Pablo Held ist längst kein Geheimtipp mehr. Mit seinem achtsamen Gefühl für radikale Spontaneität und seiner anhaltend grenzüberschreitenden Klangästhetik gehört er zu den derzeit kreativsten Protagonisten des deutschen Jazz. Nun kommt er mit einem neuen, europäisch besetzten Quartett und einem mit Spannung erwarteten Programm nach Bonn: Kit Downes (Orgel), Percy Pursglove (Trompete) und Sean Carpio am Schlagzeug.

Aaron Goldberg gehört zu den meistgefragtesten Pianisten in der internationalen Szene. Vom amerikanischen DownBeat Magazine wurde er für seine „geistreichen harmonischen Reflexe“ gefeiert.

 

Samstag, 12. Mai 2018, 19 Uhr, Bundeskunsthalle

Das Jazzfest wird vom Michael Wollny Trio beendet. Davor präsentiert Martin Albrecht (Klarinetten, Electronics) mit seiner Band sein  multimediales Liveperformance-Projekt über Alexander Skrjabin (1872-1915).