Leonard Cohen, der „Meister der erotischen Verzweiflung“, ist tot

Leonard Cohen FOTO: Flop Eared Mule

Sollte es eine Reinkarnation geben, dann würde er gerne als Hund seiner Tochter wiedergeboren werden und den ganzen Tag im Antiquitätengeschäft in Beverly Hills rumliegen. Leonard Cohen kannte sich aus mit der Düsternis, und der Tod hat ihn lange beschäftigt – auch auf diese sehr eigene humorvolle Art. Am Donnerstagabend (in der Nacht zu Freitag nach MEZ) ist Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren gestorben – wenige Wochen, nachdem er mit „You Want It Darker“ sein vielleicht ergreifendstes Album herausgebracht hat.

Auf seiner Facebookseite schrieb die Familie: „In tiefer Trauer melden wir, dass der legendäre Poet, Liedermacher und Künstler Leonard Cohen gestorben ist. Wir haben einen der verehrtesten und produktivsten Visionäre verloren. Zu einem späteren Zeitpunkt wird in Los Angeles eine Trauerfeier stattfinden. Die Familie bittet um Wahrung der Privatsphäre während der Trauerzeit.“

Leonard Cohen, der „faule Bastard im Anzug“, wie er sich selbst bezeichnete, hat ein Leben verbracht, in dem nur selten die Sonne schien, auch wenn es den Kanadier in den Sonnenstaat Kalifornien verschlagen hatte. Aber den Künstler, der sich auch als Fotograf, Zeichner und Maler betätigte, quälte zeitlebens eine schwere Depression – und zwar in klinischer Dimension, wie er mal zugab. Kein Wunder also, dass seine Lieder oft von Einsamkeit, Spiritualität, aber auch von Liebe, Lust und Leidenschaft geprägt waren.

Erst sehr spät, nämlich vor vier Jahren, erlaubte er sich, auch den Blues in seine Musik einfließen zu lassen. In einem Interview mit „Eclipsed“ erklärte er, er habe immer das Gefühl gehabt, „dass ich nicht das Recht hätte, den Blues zu singen. Ich meine, ich liebe ihn, gerade was seinen Aufbau betrifft, aber ich dachte nie, dass ich die Erlaubnis dazu hätte. Jetzt wurde sie mir gewährt“, sagte er bei Erscheinen seines Albums „Old Ideas“. „Keine Ahnung von welcher Institution.“ Typisch Cohen.

Geboren wird er im September 1934 in Westmount im Südwesten der kanadischen Provinz Québec in der Nähe von Montreal. Seine Eltern waren aus Litauen emigriert, seine Mutter war die Tochter eines bekannten Rabbis, und sie war es, die ihren Sohn an die Musik heranführte. Leonard lernte früh Klavier und Klarinette zu spielen. Er war ein sensibler Junge, der Marcel Proust las und Gedichte von Federico Garcia Lorca auswendig lernte. Das Vermögen seines Vaters, der früh starb, ermöglichte den Cohens ein sorgenfreies Leben.

Cohen schrieb Gedichte und spielte später dazu Gitarre. Er schlug ein paar Akkorde an, die ihm ein spanischer Tramp beigebracht hatte. So sei „One Of Us Cannot Be Wrong“ entstanden, erzählte er einmal. Der junge Mann, der einen gewissen Stil seiner Kleidung pflegte, wurde Folksänger, ein Folksänger im Anzug. Doch er bewegte sich zeitlebens eher als heimatloser Grenzgänger zwischen Folk, Pop und Gospel. Weltruhm erlangte er in den späten Sechziger Jahren mit Songs wie „Suzanna“, Bird On The Wire“ oder „So Long, Marianne“. Viele seiner Songs wurden gecovert. Sandra Sickel hat auf ihrer Seite LoudArtio Originale und Cover sehr schön zusammengetragen:

Am 21. Oktober 2016 veröffentlichte der „Godfather of Desperation“ sein 14. Studioalbum. „You Want It Darker“ heißt es, und jetzt versteht man, dass die Songs in der Vorahnung seines nahenden Todes entstanden sein müssen. „I‘m ready, my Lord“, heißt es schon im ersten Song. „Du willst es dunkler, wir töten die Flammen.“ Und später bei „Leaving The Table“ singt er lässig: „Ich stehe vom Tisch auf/ Ich bin raus aus dem Spiel.

Dieser noch dunkler und brüchiger gewordene Bariton klingt, als würde er einem direkt ins Ohr hauchen. Ohne Anstrengung, ohne Pathos, mit einer ins Mark gehenden abgeklärten Gleichgültigkeit im Angesicht seines vielleicht schon angekündigten Todes. Sparsam instrumentiert, wie man es von ihm kennt. Da ist kein Akkord, kein Trommelschlag, kein Klavieranschlag zu viel. Das ganze Album hat etwas von einem Mann, der abgeschlossen hat, der mit sich und der Welt im Reinen ist – und der den Hinterbliebenen nun Trost spendet.

cover-leonardcohenUnd doch wäre er ja nicht Leonard Cohen, wenn da nicht auch ein gewisser Trotz durchklingen würde. „Treaty“ ist solch ein Song. „I’m angry and I’m tired all the time“, singt er im Abschiedslied an eine Verflossene. Am Ende ist ihm egal, wer in diesem Beziehungskampf siegt. Da sind Sätze eines ganz und gar nicht abgestumpften alten Mannes, die sich sofort auf die Haut legen: „Only one of us was real, and that was me.

Ja, das ganze Album dreht sich um den Tod: Im Nachhinein versteht man auch den Song „If I Didn’t Have Your Love“ ganz anders, wenn es darum geht, dass die Sonne ihr Licht für immer verliert, die Nacht ewig dauert und Blumen zu Stein werden. „Traveling Light“, dieser melancholische schleppende Tanz, hat die Stimmung einer traurigen Abschiedsfeier: “I’m traveling light/It’s au revoir/My once so bright, my fallen star/I’m running late, they’ll close the bar.

Adam Cohen, sein Sohn und Produzent, teilte dann auch mit, dass sein Vater friedlich in seinem Haus in Los Angeles verstorben sei „mit dem Wissen, dass er das, was er fühlte, mit einer seiner größten Platten abgeschlossen habe. Er schrieb bis zu seinen letzten Momenten mit seinem einzigartigen Humor. “

Cohens bekanntestes Lied ist sicherlich „Hallelujah“, eine majestätische, meditative Ballade, die sowohl mit Spiritualität als auch Erdverbundenheit einhergeht. Es wurde für ein 1984 Album geschrieben, das seine Plattenfirma ein Jahrzehnt später zunächst als unzureichend kommerziell zurückwies, als es Jeff Buckley aufnahm. Seither haben es etwa 200 Künstler von Bob Dylan bis Justin Timberlake gesungen oder aufgenommen.

Besonders produktiv war Cohen nicht. Und er gab auch mal zu, dass er sehr mit sich kämpfen müsse. Dafür entstanden anspruchsvolle, großartig prägnante Texte, die fast meditativ die Liebe thematisierten – die heilige wie die profane Seite. Von Künstlerkollegen verehrt, machte er es den Plattenfirmen mit seiner fast asketischen Persönlichkeit nicht gerade leicht, ihn zu vermarkten, die ihm zu Beginn der 1970er Jahre den Titel „Meister der erotischen Verzweiflung“ verliehen. Zurzeit dürfte Sony Music zufrieden sein: ist mit dem aktuellen Album „You Want It Darker“ schaffte es diese Woche auf Platz zwölf, wie die GfK Entertainment GmbH am Freitagnachmittag mitteilten. Der höchste New Entry der Single-Charts stammt ebenfalls aus der Feder des berühmten Singer-Songwriters. Sein Hit „Hallelujah“, dieses Mal interpretiert vom texanischen A-cappella-Quintett Pentatonix, wird auf 59 angestimmt.

„Für viele von uns war Leonard Cohen der größte Songwriter von allen“, schrieb Nick Cave auf seiner Facebook-Seite. „Absolut einzigartig und unmöglich zu imitieren, egal, wie hart wir es versucht haben. Er wird von so vielen vermisst werden.“ Joan Baez schrieb: „Ich traf ihn im Jahr 1961, ein geheimnisvoller, dunkler und düsterer, begnadeter Songwriter. Im Laufe der Jahrzehnte gab er uns so viel von seiner Weisheit und Schönheit in herrlicher Poesie und herrlichen Liedern“

Wie er selbst in Erinnerung bleiben möchte? Das singt Cohen im gospelbasiertes Song „On The Level“: Die Frauen sollen ihn anlächeln, heißt es da, als wäre er immer noch ein junger Mann:

Let’s keep it on the level
When I walked away from you
I turned my back on the devil
Turned my back on the angel too.