Zwei Klassiker und eine Legende: Schinkel, Herskowitz und Ernie Watts beim Jazzfest

Bernie Watts spielte mit dem Marcus Schinkel Trio (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel

Das Marcus Schinkel Trio mit Ernie Watts und Matt Herskowitz mit den virtuosen Mat Fieldes (Bass) und dem ungewöhnlich einfühlsamen Schlagzeuger David Rozenblatt waren zu Gast beim achten Jazzfest-Abend – diesmal im Saal des Landesmuseums Bonn.

Von Cem Akalin

Matt Herskowitz (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel
Matt Herskowitz (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel

„Beethoven und John Coltrane spielten eine Menge derselben Noten.“ Ernie Watts brachte es am Mittwoch auf den Punkt. Klassik und Jazz vertragen sich nicht nur, „sie haben die gleiche musikalische DNA“, sagte Marcus Schinkel. Der Bonner Pianist und der New Yorker Matt Herskowitz zeigten mit ihren Bands beim Jazzfest Bonn-Doppelkonzert im LVR Landesmuseum auf sehr beeindruckende Weise, dass die beiden Genres ungemeines Potenzial haben, um eine engumschlungene Kommunikation einzugehen. Das Publikum – war es vielleicht das beste Jazzfest-Publikum dieser Saison? – war hingerissen.

Jazz und Klassik zu verbinden beziehungsweise sich inspirieren zu lassen, mit den Formen musikalisch zu spielen, das ist nichts Neues. Michael Wollny tut es, Jens Neufang von der WDR Big Band ebenso wie der fabelhafte Bassist Dieter Ilg oder der einzigartige Keith Jarrett.

Was unterscheidet die beiden Musikformen? Beim Jazz ist es das Kultivieren des freien Spiels, wobei Schinkel ja beeindruckend demonstrierte, dass Beethoven einst auch ein Jazzer war, nur dass er seine Improvisationen „Fantasien“ nannte. Für Musiker, die aus der reinen Klassik kommen und nur das Spiel vom Notenblatt kennen, ist das Improvisieren eine völlig andere Welt. Im Jazz zählt die Freiheit, in der Klassik dominiert die Perfektion. Klar, auch beim Jazz gehört das gute Spiel dazu. Keine Frage. Aber „falsche“ Noten gibt es da eher nicht. Im Gegenteil, sie können kreativ umspielt werden. Timing indes, also ein punktgenaues Rhythmusgefühl, ist für beide Spielarten der Musik von wesentlicher Bedeutung.

So gesehen ist Herskowitz ein Pianist, der auf höchstem Niveau spielt. Der klassisch ausgebildete Musiker hat einen traumhaften Anschlag, eine kaum zu überbietende Technik, wenn er bei Chopin-Etüden und –Sonaten nur so über die Tasten flitzt. Und Matt Herskowitz‘ „Polonaise Libanaise“, inspiriert von Chopin, ist ein wilder Tanz, der manchmal fast an einen Merengue erinnerte. Zur Zugabe gab es eine perlende, geistreiche Version von Chopins berühmter Etüde op.10 Nr. 3 „Tristesse“. Einfach nur hinreißend!

 

Schinkel Watts (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel
Schinkel Watts (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel

Viele Jazzer haben sich im Studium mit der Klassik beschäftigt. Egal ob Charlie Parker, Lester Young oder Wynton Marsalis, sie entwickelten ihre Musik aus dem Verständnis für die Harmonielehre heraus.

Marcus Schinkel geht etwas anders mit dem Material um als Herskowitz. Der Amerikaner bleibt auch mal sehr gerne beim Original, wobei er sich weniger bei Bach aufhielt, als viel mehr bei Chopin. Schinkel, der sein aktuelles Album dem großen Sohn Bonns gewidmet hat, lässt sich viel mehr inspirieren vom kreativen Geist des Ludwig van. Besonders beeindruckend: Das ausgezeichnete Trio integrierte auf geradezu organische Weise einen wunderbaren Gastmusiker, die amerikanische Saxophon-Legende Ernie Watts.

Meine Güte, was hat der 70-Jährige für einen Sound! Er brauchte nur ein paar Töne zu spielen, da erinnerte man sich wieder daran, warum Watts zu den gefragtesten Saxophonisten gehörte – im Jazz, im Rock und im Pop. Dieser volle, lebendige, warme Sound hüllte den ausverkauften Saal im Landesmuseum gleich ein wie eine wärmende Decke. Und faszinierend, wie die Spielweise von Watts, dem frühen Modalen Jazz von John Coltrane verschrieben, zu Beethovens G-Moll-Sonate Nr 19 passt! Sehr schön arrangiert: Der Bass streicht das langsame Thema an, das Saxophon steigt ein, das Klavier bricht dann in eine schnelle Phrase über und übergibt den Staffelstab ans Saxophon.

 

Schinkel Watts (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel
Schinkel Watts (c) Jazzfest Bonn Walter Schnabel

Wie Watts die klassischen Versatzstücke in sein freies Spiel integriert, war herrlich anzuhören. Die Truppe, zu der auch Fritz Roppel am Bass und Wim de Vries am Schlagzeug gehörten, bewies, dass auch die „Pathetique“ das Zeug hat, in den Jazz adaptiert zu werden. Für mich ein Höhepunkt: „With Ludwig van in Halong“, eine intelligentes Spiel mit Harmonien, fulminanten Soli aller Protagonisten auf der Bühne, bei „Without Chain“ lässt es sich Schinkel, der sich auch als glänzender Unterhalter erwies, nicht nehmen, sein Keyboard auch mal mit den Zähnen zu traktieren – in Jimi Hendrix Manier!