Zwischen Melancholie und Magie – Frederik Kösters „K. on the Shore“ mit der NDR Bigband als poetisch-jazzige Traumreise durch Murakamis Welt

Frederik-Koester FOTO: Stefanie Marcus

Er ist ein Architekt des Klangs: Seit mehr als 15 Jahren ist Frederik Köster eine feste Größe im deutschen Jazz – ein Trompeter, der nicht nur spielt, sondern Klangräume baut. In der Kölner Szene gleichermaßen verwurzelt wie international präsent, hat er sich mit seiner charakteristischen Mischung aus Virtuosität, Emotionalität und formaler Experimentierlust eine Ausnahmestellung erspielt. Preise wie der WDR- und Westfalen-Jazzpreis oder zwei Jazz-Echos – unter anderem für das gefeierte Duo-Album Canada mit Pianist Sebastian Sternal – markieren nur Wegpunkte einer Karriere, die vor allem durch inhaltliche Tiefe und stete Erneuerung besticht.

Mit seinem Quartett Die Verwandlung zeigte Köster zuletzt auf dem vielgelobten Album Stufen, wie organisch sich Jazz, Struktur und Spontaneität verweben lassen. Kritiker von BR Klassik lobten die „permanent wandelnde Dialektik der Klänge“, die FAZ die „große dynamische Spannweite“ seiner Musik – zwischen Energieschüben und feinen A-capella-Passagen. Doch Köster wäre nicht Köster, wenn er sich auf Erfolgen ausruhen würde.

Der nächste große Schritt: „K. on the Shore“

Am 12. September 2025 erscheint Kösters neues Album „K. on the Shore“, aufgenommen mit der renommierten NDR Bigband (Label: Traumton Records). Ein ambitioniertes Projekt, in dem sich Köster nicht nur als Solist, sondern als Klangarchitekt und Erzähler neu erfindet.

Initiiert wurde das Projekt von Michael Dreyer, Manager der NDR Bigband und langjähriger Weggefährte Kösters. „Ich hatte schon lange über eine Zusammenarbeit nachgedacht“, erzählt Köster. „Aber nicht nur, weil ich große Ensembles liebe – sondern weil ich viele Musiker*innen der Band sehr gut kenne.“ Zu diesen Freundschaften gehören etwa Gitarristin Sandra Hempel, Pianist Florian Weber und Posaunist Klaus Heidenreich.

Ein Jahr lang arbeitete Köster an Kompositionen und Arrangements – „in Phasen, fast wie ein Architekt. Nach den ersten Skizzen und dem Leitmotiv kam die Konstruktion, die Dramaturgie.“ Dabei fand er im norwegischen Dirigenten Geir Lysne einen kongenialen Partner, der seine Vision „bis ins kleinste Detail umgesetzt“ habe. Das Ergebnis: eine Suite, die ebenso strukturell klar gebaut ist wie emotional frei strömt.

Jazz trifft Literatur – Haruki Murakami als Inspirationsquelle

Schon öfter flossen literarische Motive in Kösters Werke ein. Doch diesmal geht er einen Schritt weiter: Das gesamte Album kreist um die Welt des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami.

„Das war ursprünglich Michaels Idee“, sagt Köster lachend. „Ich bin Murakami-Fan, aber von selbst wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, eine ganze Suite ihm zu widmen.“ Doch bald entwickelte er aus dieser Vorlage einen musikalischen Kosmos, der die melancholisch-surrealen Textwelten Murakamis in Jazz verwandelt.

Der Protagonist der Suite – ein an Murakamis typische Figuren erinnernder Mann in den Dreißigern, der nach einer Trennung auf Sinnsuche geht – erhält ein Leitmotiv, das durch verschiedene Stücke wiederkehrt: von „Lonely Young Man“ über „About Frogs and Worms“ bis hin zu „Closing“.

Jedes Stück übersetzt literarische Motive in Klang:

  • In „Arch Duke“ begegnen sich Beethoven, Impressionismus und freie Improvisation – inspiriert von Kafka am Strand.
  • „About Birds“ bezieht sich auf Mister Aufziehvogel, mit „vogeligen“ Flöten, Klarinetten und Bassklarinetten, die das Aufziehen eines Spielzeugs imitieren.
  • „Yougottadance“, angeregt durch Tanz mit dem Schafsmann, formt einen hypnotischen 9/8-Rhythmus zu einem rituellen Tanz.
  • „Aomame and Tengo“ schließlich verwandelt die Liebesgeschichte aus 1Q84 in ein intimes musikalisches Zwiegespräch zwischen Trompete und Klavier.

„Ich wollte bestimmten Bigband-Klischees etwas entgegensetzen“, erklärt Köster. „Hierarchien aufbrechen, neue Texturen schaffen, Raum für Kollektivimprovisation bieten.“ Tatsächlich verschwimmen in K. on the Shore Grenzen zwischen Ensemble und Solo, Komposition und Improvisation, Stimme und Atmosphäre.

Virtuos, poetisch, unerwartet: Die Kunst des Hörens

In der finalen Nummer „Naoko“ gelingt Köster ein besonders feiner Kunstgriff: Über die Flügelhorn-Soli – gemeinsam mit Percy Pursglove – lässt er alle Themen der Suite wie in einem musikalischen Abspann wiederaufleuchten. So endet K. on the Shore leise reflektiert – als Rückblick, als Spiegelung, als Erinnerung an das Dazwischen.

Die NDR Bigband, seit Jahrzehnten eine Institution des modernen europäischen Jazz, erweist sich dabei als kongenialer Partner. Unter Lysnes Leitung verschmelzen Präzision und Flexibilität, Ensemblekraft und solistische Individualität – ganz im Sinne Kösters, der die Balance zwischen Kontrolle und Freiheit perfekt austariert.

Vom Sound zur Seele

Frederik Köster bleibt ein Musiker, der mit jedem neuen Projekt seine eigene Klangsprache erweitert. K. on the Shoreist kein bloßes Bigband-Album, sondern eine poetische Expedition – irgendwo zwischen Jazz, klassischer Form, Traumsequenz und innerer Reise.

Wie Haruki Murakamis Romanfiguren wandert auch Kösters Musik durch Zwischenwelten: zwischen Licht und Schatten, Struktur und Chaos, Realität und Traum. Und sie lädt dazu ein, einzutauchen – nicht nur mit den Ohren, sondern mit der Seele.

„K. on the Shore“ ist mehr als ein Jazzalbum – es ist ein erzählerischer Klangroman. Frederik Köster gelingt hier das seltene Kunststück, Intellekt und Emotion, Struktur und Poesie zu vereinen. Ein Werk, das leise beginnt, sich weit öffnet und lange nachklingt.

Frederik Köster / NDR Bigband – K. on the Shore

  • VÖ: 12.09.2025
  • Label: Traumton Records
  • Vertrieb: Indigo
  • Format: CD / digital
  • Katalognummer: Traumton 4734
  • UPC: 705304473429
  • LC: 05597

Besetzung:

  • Frederik Köster – Trompete, Flügelhorn, Komposition & Arrangements
  • NDR Bigband – unter der Leitung von Geir Lysne
  • Jonas Burgwinkel – Schlagzeug

Weitere Informationen und Tourdaten:
👉 www.frederikkoester.de