Mit Uneasy legt Vijay Iyer sein zweites Trio-Album auf ECM vor – nach Break Stuff (2015) – und zugleich seinen siebten Auftritt als Leader beim Münchner Traditionslabel. Gemeinsam mit Schlagzeuger Tyshawn Sorey und Bassistin Linda May Han Oh entfaltet Iyer ein Werk, das zwischen reflektierter Stille und eruptiver Energie oszilliert – ein Album, das seine gesellschaftspolitische Dringlichkeit ebenso spüren lässt wie seine ästhetische Eleganz.
Klang als Spiegel der Gegenwart
Schon der Titel des Albums, Uneasy, verweist auf die zentrale Idee: ein Zustand subtiler Spannung, des Unbehagens, aber auch der Wachheit. Iyer selbst schreibt in den Liner Notes, dass das Wort „uneasy“ wie eine Untertreibung klinge – „zu mild für katastrophale Zeiten“ – und doch jene paradoxe Balance in sich trage, aus der Kunst oft entsteht: „Heilende Musik wächst aus Unruhe, turbulente Musik kann Stille und Weisheit enthalten.“

In dieser dialektischen Haltung liegt die Kraft des Albums. Iyers Kompositionen verbinden komplexe rhythmische Strukturen mit improvisatorischer Offenheit. Sie spiegeln eine Welt aus Bewegung, Wandel und Widerstand – das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Wunde und künstlerischer Antwort.
Ein Trio mit Geschichte und Chemie
Die Besetzung ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Tyshawn Sorey begleitet Iyer bereits seit den frühen 2000er-Jahren – ihr erstes gemeinsames Projekt war das Album Blood Sutra (2003). Die Neuzugängerin Linda May Han Oh hingegen bringt eine frische Farbe in das Ensemble. Sie ist eine der gefragtesten Bassistinnen ihrer Generation, bekannt durch ihre Arbeiten mit Pat Metheny und Fabian Almazan, und seit Jahren vertraut mit Iyer und Sorey durch ihre gemeinsame Lehrtätigkeit beim Banff International Workshop in Kanada.
Iyer beschreibt die Trioenergie als „andersartig, mit einem eigenen Impuls, einer anderen Bandbreite an Farben“. Diese Bandbreite ist auch sofort hörbar: Während Sorey mit präziser rhythmischer Dichte Räume öffnet, gestaltet Oh die tiefen Linien sowohl als Fundament wie auch als melodische Stimme.
Politisches Bewusstsein und musikalische Form
Uneasy ist auch ein Kommentar zur politischen und gesellschaftlichen Lage der USA – und der Welt. Schon der eröffnende Track „Children of Flint“ trägt eine klare Botschaft: Iyer widmet ihn den Kindern der Stadt Flint, Michigan, die seit Jahren unter Bleivergiftungen durch verunreinigtes Trinkwasser leiden – ein Ergebnis struktureller Ungleichheit. Der Fünfer-Takt und die angespannte Melodik machen die brüchige Lebensrealität der Betroffenen geradezu körperlich erfahrbar.
Auch „Combat Breathing“, mit seinem ungeraden 11er-Metrum, entstand im Umfeld der Black-Lives-Matter-Proteste 2014. Das Stück entwickelt sich von rhythmischer Dichte zu stiller Kontemplation – eine Musik, die Widerstand und Einfühlung zugleich verkörpert. Linda May Han Ohs lyrisches Solo in der Mitte des Stücks steht exemplarisch für das offene, atmende Zusammenspiel des Trios.
Musik zwischen Erinnerung und Weiterentwicklung
Mehrere Stücke greifen ältere Kompositionen Iyers auf, etwa „Configurations“ (ursprünglich 2001) oder „Retrofit“ (2019, eigentlich für ein Sextett gedacht). Diese Rückblicke sind keine nostalgischen Gesten, sondern Transformationen – Iyer dekonstruiert sein eigenes Material, filtert es durch das Prisma der Trio-Interaktion und enthüllt neue Facetten.
Zwei Fremdkompositionen bilden Fixpunkte im Programm: Geri Allens „Drummer’s Song“ – ein Tribut an die 2017 verstorbene Pianistin, Mentorin und stilistische Wegbereiterin Iyers – und Cole Porters „Night and Day“. Letzteres ist zugleich eine Hommage an McCoy Tyner, dessen Spielweise Iyer zeitlebens inspiriert hat. Zwischen diesen Polen – Jazzgeschichte und Gegenwart, Hommage und Erneuerung – entfaltet sich das narrative Rückgrat von Uneasy.
Ein Album voller Zwischentöne
Besonders eindrucksvoll ist „Augury“, ein improvisiertes Solo-Stück, das Iyer als „Augenblick des Vorahnens“ beschreibt. Aufgenommen Ende 2019, kurz vor Beginn der Pandemie, wirkt es wie ein leises, unheimliches Orakel.
Diese Mischung aus Weitsicht, Nervosität und Kontrolle zieht sich durch das ganze Album. Klanglich von ECM-Gründer Manfred Eicher gewohnt transparent produziert (aufgenommen im Oktaven Audio Studio in New York), entfaltet sich Uneasy als präzise balanciertes Dokument kollektiver Wachsamkeit – fern jeder Pose, nahe an einem Gefühl, das viele derzeit teilen: dem Versuch, inmitten von Unsicherheit Orientierung zu finden.
Uneasy ist weit mehr als ein Jazzalbum – es ist ein künstlerisches Statement, das Klang als gesellschaftliche Sprache verwendet. Vijay Iyer, Tyshawn Sorey und Linda May Han Oh verbinden polyrhythmische Raffinesse mit emotionaler Tiefe, politisches Bewusstsein mit meditativem Ausdruck.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Trios, das die Unruhe der Welt nicht ausblendet, sondern sie in Musik verwandelt: klar, intelligent, und zutiefst menschlich.
Vijay Iyer Trio – Uneasy
ECM Records (2021)
Besetzung: Vijay Iyer (Piano), Linda May Han Oh (Bass), Tyshawn Sorey (Schlagzeug)