Mit „Wilderness of Mirrors“. das an diesem Freitag erscheint, legen Myrath ein Album vor, das ihren Sound zugleich fokussierter und offener denn je erscheinen lässt. Zwischen orientalischen Skalen, afrikanischen Rhythmen und hymnischen Melodien bewegt sich die Band erneut jenseits klassischer Genregrenzen. Seit über zwei Jahrzehnten prägt Keyboarder und Produzent Kevin Codfert den Sound von Myrath entscheidend mit. Im Interview mit Dylan C. Akalin spricht er über den langen Entstehungsprozess, die Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen – und darüber, warum ein einfacher Song manchmal die größte Herausforderung ist. Kevin Codfert über „Wilderness of Mirrors“, musikalische Grenzen – und warum ein einfacher Song der schwierigste sein kann
JaR: Kevin, ihr kommt aus sehr unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Hintergründen – du etwa aus der französischen Prog-Metal-Szene mit Adagio, während andere Bandmitglieder aus Tunesien stammen. Wenn du euren Sound heute hörst: Ist das für dich noch eine Fusion oder bereits eine eigene Identität?
Kevin Codfert: Ehrlich gesagt habe ich darauf keine klare Antwort. Das Hauptziel der Band ist seit vielen Jahren, uns als Musiker ständig weiterzuentwickeln. Zwischen den Alben versuchen wir immer, Musik besser zu verstehen – sonst gäbe es ja keine Herausforderung. Wir haben uns intensiv mit ganz unterschiedlichen Musiktraditionen beschäftigt: indischer Musik, arabischer Musik – wobei selbst für unsere tunesischen Mitglieder arabische Musik extrem komplex ist –, aber auch brasilianischer, afrikanischer Musik oder Gnawa aus Marokko. Jedes Mal gehen wir dabei ein Risiko ein. Es geht nicht darum, etwas völlig Neues zu erfinden – in der Musik gibt es im Grunde nichts mehr zu erfinden. Aber wir können uns verbessern und vielleicht auch Metal weiterentwickeln, indem wir Dinge kombinieren, die normalerweise nicht zusammenpassen. Der Prozess ist sehr iterativ: 99 Prozent von dem, was wir machen, werfen wir wieder weg, weil es nicht funktioniert. Und manchmal funktioniert es – dann behalten wir es. Die DNA der Band hat sich dabei nie verändert. Unser Ziel war immer: Innovation, echte Innovation.
JaR: Du bist seit rund 20 Jahren Teil der Band. Ist das Zusammenspiel inzwischen intuitiv geworden, oder denkst du noch bewusst über Skalen und musikalische Konzepte nach?
Codfert: Ich verstehe, was du meinst. Man könnte diesen Prozess stark intellektualisieren und sich sagen: „Jetzt bauen wir dieses Element ein, jetzt jenes.“ Aber dann betreibt man Marketing – keine Musik. Ich versuche ganz bewusst, mich davor zu schützen. Musik ist für mich kein Rezept. Viele Bands analysieren ihren vorherigen Erfolg und versuchen, die „richtigen Zutaten“ wieder an die richtige Stelle zu setzen. Für mich geht es aber um Emotionen. Jede musikalische Farbe steht für eine bestimmte Emotion: Dur-Tonarten für etwas Helles, Vierteltöne oder orientalische Instrumente für ganz eigene Klangwelten. Wir setzen unsere Mittel gezielt ein, um Emotionen zu verstärken – nicht, um Erwartungen zu bedienen.
JaR: Erinnerst du dich noch an deine ersten Begegnungen mit der Band?
Codfert: Ja, das war in Karthago in Tunesien. Ich war mit Adagio dort, und wir haben im Vorprogramm von Robert Plant gespielt. (Anm.d.Red. Robert Plant, der legendäre Sänger von Led Zeppelin, trat im März 2006 im Rahmen seiner Tournee mit seiner Band „The Strange Sensation“ im antiken römischen Amphitheater von Karthago auf. Das Konzert war Teil des Festival Méditerranéen de la Guitare.) Vor uns trat eine Band namens X-Tazy auf – im Grunde die spätere Urformation von Myrath.
Mich hat sofort fasziniert, wie authentisch sie Metal mit orientalischen Einflüssen kombiniert haben. Das war etwas völlig anderes als bei Bands wie Kamelot oder Epica. Ich habe ihnen damals vorgeschlagen, die Band neu auszurichten und einen Sänger zu suchen – und ich wollte selbst Teil davon werden.
JaR: Das war also noch vor dem Einstieg von Zaher Zorgati?
Codfert: Genau. Ich war schon vor dem ersten Album involviert. Ich habe die Produktion übernommen, und später habe ich gesagt: Ich möchte mich noch stärker einbringen. So habe ich begonnen, am Album „Desert Call“ mitzuschreiben. Und mit Zaher hat sich dann alles weiterentwickelt.
JaR: Wie habt ihr Zaher eigentlich gefunden? Das ist ein unfassbar guter Sänger.
Codfert: Damals gab es vielleicht sechs Metalbands in Tunesien. Zaher war Sänger einer Band aus Sousse namens Piranha – und er war schlicht der Beste. Also sind wir zu ihm gefahren und haben ihn überzeugt, bei uns einzusteigen.
JaR: Dein Spiel bei Adagio wirkt deutlich dunkler und stärker vom neoklassischen Prog Metal geprägt. Trennst du diese beiden Welten bewusst?
Codfert: Nein, überhaupt nicht. Ich habe eine klassische Ausbildung und liebe Filmmusik, etwa die Arrangements von John Williams. Der Unterschied liegt eher an den jeweiligen Komponisten: Bei Adagio ist der Ansatz dunkler, also passe ich mich an. Bei Myrath ist er heller und melodischer – und das entspricht mir persönlich mehr. Ich würde sogar sagen: Mein natürlicher Stil ist näher an Myrath als an Adagio.

JaR: Auf dem neuen Album fallen afrikanische Rhythmen stärker auf. War das eine bewusste Entscheidung?
Codfert: Ja. Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, müssen wir neue musikalische Welten erkunden. Afrikanische Musik ist dabei fundamental – und für uns Neuland gewesen. Der Ausgangspunkt war ein Song namens „The Funeral“, ursprünglich eine sehr traurige Komposition, inspiriert vom Tod der Frau eines engen Freundes. Dann kam die Idee, eine Dualität zu schaffen: Trauer auf der einen Seite, aber auch eine Form von Feierlichkeit, wie sie in manchen afrikanischen Kulturen existiert. Am Anfang funktionierte das überhaupt nicht. Es war das erste Mal, dass wir afrikanische Musik mit Metal kombiniert haben. Wir haben unzählige Versionen ausprobiert, um die richtige Balance zu finden. Der Song war ursprünglich schon für das Album „Karma“ vorgesehen, aber ich habe noch zwei Jahre weiter daran gearbeitet. Insgesamt hat uns dieses Stück etwa vier Jahre gekostet.
JaR: Wie entsteht ein Song bei euch – gerade über die Distanz zwischen Frankreich und Tunesien?
Codfert: Meist arbeite ich zunächst allein in meinem Studio, probiere viele Dinge aus und schicke die Ideen dann an die anderen. Ich spiele dabei auch Instrumente, die ich nicht perfekt beherrsche – etwa Gitarre. Dann kommt Malek ins Spiel und entwickelt daraus etwas, das wirklich funktioniert. So entsteht ein ständiger kreativer Dialog. Ich schreibe vielleicht 50 oder 60 Prozent der Basis, aber alles wird transformiert, sobald die anderen ihre Ideen einbringen.
JaR: Denkst du beim Komponieren manchmal bewusst wie ein Gitarrist?
Codfert: Nein, das wäre für mich zu schwierig. Und oft merkt man auch, dass meine Gitarrenideen zu „keyboardlastig“ sind. Dann streichen wir sie und Malek bringt seine eigene Spielweise ein. Man kann nicht in allem Experte sein.
JaR: Das Album wirkt insgesamt zugänglicher und kompakter. War das beabsichtigt?
Codfert: Es ist eher ein Ergebnis unserer Entwicklung. Mit der Zeit versteht man, dass Musik nicht dafür da ist, das eigene Ego zu bedienen. Ich habe sehr früh mit klassischer Musik angefangen, habe mich durch Rachmaninow, Chopin oder Mozart gearbeitet, später bei Adagio auch viel Virtuosität gezeigt. Das war vielleicht auch eine Möglichkeit, sich als Musiker zu beweisen. Aber je mehr Erfahrung man sammelt, desto mehr merkt man: Man macht Musik für andere Menschen. Und ganz ehrlich – niemand interessiert sich wirklich für ein Solo um seiner selbst willen.

JaR: Wirklich? Du meinst, Soli haben ihre Bedeutung verloren?
Codfert: Nein, nicht verloren – aber man muss sich fragen: Was ist eigentlich der Zweck eines Solos? Geht es darum, jemanden zu berühren? Einen emotionalen Höhepunkt zu schaffen? Dann bin ich absolut dafür. Aber in 99 Prozent der Fälle entsteht ein Solo, weil der Musiker ein Solo spielen will. Und das ist der falsche Ansatz. Ein Solo sollte nur dann existieren, wenn die Musik es verlangt – nicht, wenn das Ego es verlangt. Wenn eine starke Melodie den Song besser trägt als ein Solo, dann sollte man diese Melodie spielen.
Und ich habe großes Glück mit Malek: Es ist extrem selten, einen Gitarristen zu treffen, der keinerlei Ego-Probleme hat. Er sagt selbst: Wenn ein Thema besser funktioniert als ein Solo, dann spielen wir das Thema. Wenn ein Solo nur dazu da ist, möglichst schnell oder technisch zu sein, dann hat es für uns keinen Platz.
JaR: Ein Stück ist mir besonders aufgefallen: sehr eingängig, fast hymnisch – man könnte es sich sogar beim Eurovision Song Contest vorstellen. „Breathing Near The Roar“: Weißt du, was ich meine?
Codfert: (lacht) Ja, ich verstehe genau, was du meinst. Und genau dieser Song war tatsächlich einer der schwierigsten auf dem ganzen Album. Er basiert im Grunde nur auf vier Akkorden – und daraus einen dreieinhalb Minuten langen Song zu bauen, der nicht repetitiv wirkt, ist extrem kompliziert. Das erinnert mich an ein Zitat von Steve Jobs: „Komplexität, verborgen in Einfachheit.“ Genau das trifft hier zu.

JaR: Würdest du sagen, dass sich Myrath damit stärker in Richtung „Pop“ bewegt?
Codfert: Ich denke nicht in solchen Kategorien. Für mich gibt es keine klare Grenze zwischen Pop, Metal oder klassischer Musik. Wir beginnen jeden Song ganz minimalistisch – mit Gitarre und Gesang. Erst danach fügen wir Farben hinzu. Je nachdem, was dominiert, wird es als Metal, symphonisch oder vielleicht als Pop wahrgenommen. Aber ich komponiere keine Genres – ich komponiere Songs.
JaR: Wie definierst du dann „Progressive“?
Codfert: Für mich bedeutet „progressiv“ nicht Komplexität. Es bedeutet Freiheit. Es geht darum, sich nicht in starre Strukturen zu zwängen. Ein Song kann sich entwickeln, eine Geschichte erzählen – das ist für mich progressiv, auch ohne technische Überfrachtung.
JaR: Was sollen die Hörer aus dem Album mitnehmen?
Codfert: Die Texte sind extrem wichtig für uns. Ein gutes Beispiel ist „The Clown“. Musikalisch ist der Song sehr reduziert, fast im Stil der 80er Jahre – und das war Absicht. Der Fokus liegt auf dem Text: Zaher spricht darin über seine Depressionen und darüber, sich auf der Bühne wie ein Clown zu fühlen. Das ist ein sehr mutiger Schritt. Um diese Ehrlichkeit zu unterstützen, mussten wir die Musik bewusst zurücknehmen. Ich hoffe, dass die Hörer sowohl diese emotionale Ebene als auch unsere musikalischen Experimente – vor allem mit afrikanischen Einflüssen – nachvollziehen können. Für mich ist jeder Song auf dem Album wichtig.
JaR: Vielen Dank für das Gespräch – und hoffentlich bis bald in Köln!
Codfert: Danke auch, ich freue mich darauf!