Mittendrin statt nur dabei: Warum „Thunder – Live“ auch heute noch elektrisiert

Thunder FOTO Ross Halfin

Mit „Live“ halten Thunder einen Moment fest, in dem alles zusammenpasst: Sound, Songs und Selbstverständnis. Die Neuauflage des 1997 aufgenommenen Konzertalbums bringt die rohe Energie der Band unverfälscht zurück – offen, direkt und körperlich. Statt Hochglanz bietet Live Nähe, statt Perfektion Atmosphäre. Thunder zeigen sich als Live-Band im besten Sinne: kraftvoll, souverän und tief verwurzelt in der britischen Rocktradition.

Von Dylan C. Akalin

Was bei Thunder „Live“ sofort fesselt, ist die unmittelbare Präsenz des Sounds. Alles wirkt offen, direkt, beinahe körperlich – als stünde man nicht vor der Anlage, sondern mitten im Publikum. Thunder zeigen sich hier nicht als makellos durchchoreografierte Rockband, sondern als eingespielte Live-Einheit, die von Dynamik, Reibung und Momenten lebt. Genau darin liegt die Stärke dieses Konzertalbums, das im November 1997 entstand, zu einer Phase, in der die Band ihre Bühnenidentität vollständig gefunden hatte.

Ursprünglich Ende der Neunziger veröffentlicht, erscheint „Live“ nun (VÖ: 16. Januar 2026) in neu gemasterter Form und gewinnt dadurch hörbar an Tiefe. Der Klang ist transparenter, ohne geglättet zu wirken. Thunder bewegen sich zwischen klassischem Hard Rock, bluesigen Strukturen und souligen Akzenten – ein Sound, der gleichermaßen kraftvoll wie menschlich bleibt. Im Zentrum steht Danny Bowes – seine Präsenz und seine Stimme: rau, warm, manchmal brüchig, immer glaubwürdig.

Dass man Publikumsreaktionen, Ansagen und kleine Unsauberkeiten hört, ist kein Nebeneffekt, sondern Teil der Aussage. Live dokumentiert keine idealisierte Rückschau, sondern das reale Zusammenspiel von Band und Publikum. In einer Zeit, in der viele Live-Alben nachträglich geglättet werden, wirkt diese Neuauflage wie ein bewusstes Gegenmodell: Rockmusik als Ereignis, nicht als Produkt.

Songauswahl – Rückgrat und Resonanzraum

Die Setlist bildet einen überzeugenden Querschnitt durch Thunders Schaffen bis in die späten Neunziger. Mit Songs wie „Love Walked In“, „Backstreet Symphony“ und „Dirty Love“ greift die Band auf Stücke zurück, die längst Teil ihrer Live-DNA sind. Es sind keine bloßen Pflichtnummern, sondern emotionale Fixpunkte, an denen sich das Publikum festhalten kann.

Der Ablauf ist dramaturgisch stimmig: „Welcome To The Party“ eröffnet mit ungebremster Energie, danach entfaltet sich das Set in Wellenbewegungen. Kraftvolle Rocknummern wechseln sich mit ruhigeren Momenten ab, ohne dass der Spannungsbogen reißt. Balladen wie „A Better Man“ sorgen für Erdung, während Songs wie „River Of Pain“ die physische Wucht der Band unterstreichen.

Eine Brücke zur britischen Rocktradition

Mit „Gimme Some Lovin’“ schlagen Thunder bewusst eine Brücke zur britischen Rocktradition. Der Spencer-Davis-Group-Klassiker wird nicht nostalgisch konserviert, sondern selbstbewusst adaptiert. Der Groove ist erdig, der Vortrag schnörkellos, die Energie ungebrochen. Thunder nutzen den Song als kommunikatives Element – als kollektiven Ausbruch aus dem eigenen Katalog und zugleich als Verneigung vor den Wurzeln ihres Sounds.

Einen starken Kontrast setzt „Empty City“. Der Song öffnet im Live-Kontext einen Raum der Zurücknahme und Reflexion. Die Atmosphäre ist melancholisch, fast schwebend, getragen von zurückhaltendem Gitarrenspiel und einem Gesang, der bewusst auf große Gesten verzichtet. Gerade auf der Bühne entfaltet „Empty City“ seine Wirkung als stiller Ruhepol – einfach fantastisch, wie die Band die Spannung hochhält.

Erweiterte Editionen der Neuauflage bieten zusätzliche Tracks und alternative Versionen, die das Bild abrunden, ohne den Charakter des Albums zu verwässern. Sie ergänzen, statt zu überfrachten.

Bedeutung der Band – Beständigkeit statt Pose

Thunder gehören seit Ende der 1980er Jahre zu den konstantesten Größen des britischen Hard Rock. Ihr Erfolg gründet weniger auf Image oder Zeitgeist als auf Substanz, Songwriting und einer ausgeprägten Live-Kultur. Live markiert dabei einen wichtigen Moment der Bandgeschichte: Mit Chris Childs am Bass und nach Jahren intensiver Tourarbeit präsentieren sich Thunder geschlossen, souverän und in sich ruhend.

Dass dieses Album heute neu aufgelegt wird, unterstreicht seine anhaltende Relevanz. Es erinnert daran, wie zeitlos Rockmusik klingen kann, wenn sie auf Handwerk, Spielfreude und Authentizität setzt.

Die Neuauflage von Thunder „Live“ ist ein lebendiges Dokument musikalischer Identität. Sie zeigt eine Band, die Rockmusik nicht als Pose versteht, sondern als Dialog – mit dem Publikum, mit der eigenen Geschichte und mit dem Genre selbst. Für langjährige Fans ist das Album eine intensive Wiederbegegnung, für Neueinsteiger ein direkter Zugang zur Essenz von Thunder: einer Band, deren natürlicher Lebensraum immer die Bühne war.