Von Dylan C. Akalin
Mit „Mirrorneuron 2“ führt Syrinx Call ein Konzept zu Ende, das im Progressive Rock ebenso selten wie ambitioniert ist. Im Zentrum der Handlung steht weiterhin die künstliche Intelligenz Kai, die ursprünglich als Werkzeug zur rücksichtslosen Ausbeutung arktischer Ressourcen konzipiert wurde. Doch durch die Entwicklung von Empathie – angestoßen durch sogenannte Spiegelneuronen – beginnt das System, sich gegen seine eigenen Schöpfer zu stellen. Die Begegnungen mit der Psychotherapeutin Mara verdichten sich dabei zu einem philosophischen Dialog über Bewusstsein, Moral und die Möglichkeit von Mitgefühl in einer künstlichen Entität. Die Geschichte wird allerdings weniger erzählerisch ausgebreitet als vielmehr in Stimmungen und musikalischen Spannungsbögen erfahrbar gemacht.
Blockflöten als organische Erweiterung des Prog-Instrumentariums
Den eigentlichen Reiz des Albums macht jedoch seine Instrumentierung aus, die im Prog-Kontext nahezu singulär ist. Statt sich auf die klassischen Leitinstrumente wie Gitarre oder Synthesizer zu verlassen, rückt Syrinx Call ein ganzes Ensemble von Blockflöten ins Zentrum des Geschehens. Diese reichen vom hellen, fast zerbrechlichen Sopranino bis hin zu tiefen, sonoren Bassvarianten und übernehmen Funktionen, die man so kaum erwarten würde. Sie tragen Themen, setzen Soli und prägen die Dramaturgie der Stücke. Dabei entzieht sich ihr Klang konsequent dem Klischee des pädagogischen Instruments; vielmehr wirken die Flöten wie eine organische Erweiterung des Prog-Instrumentariums, mal pastoral und schwebend, dann wieder erstaunlich durchsetzungsfähig und fast synthetisch in ihrer Klarheit.
Dennoch: Gitarren und Keyboards sorgen für starke cineastische Akzente und spielen auch solistisch eine beeindruckende Rolle. Bisweilen berührt das Piano auch kammermusikalische Grenzen.
Von Jethro Tull über Genesis bis Mike Oldfield
Musikalisch entfaltet sich „Mirrorneuron 2“ als vielschichtiges Geflecht aus symphonischem Prog, Artrock und cineastischen Klangflächen. Die Kompositionen leben von Kontrasten zwischen ruhigen, fast entrückten Passagen und dichter instrumentierter Dramatik. Immer wieder entstehen Momente großer Weite, in denen sich die Blockflötenlinien über getragenen Harmonien entfalten und eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Hoffnung erzeugen. Gitarren sägen sich rein ins harmonische Geflecht oder tragen sich wie beflügelte Boten durchs musikalische Kosmos. Stark!
Trotz aller kompositorischen Komplexität bleibt die Musik erstaunlich zugänglich, weil sie sich stark an Melodie und Atmosphäre orientiert und technische Virtuosität nie zum Selbstzweck gerät.
Vergleiche drängen sich auf, greifen aber stets nur in Teilen. Am ehesten ließe sich noch an Jethro Tull denken, wobei die Rolle der Flöte hier eine völlig andere ist: weniger bluesig und aggressiv, sondern stärker in den Gesamtklang integriert. Die pastorale Eleganz erinnert stark an Genesis, während die ruhigen, flächigen Passagen eine Nähe zu Pink Floyd erkennen lassen. Auch Anklänge an Mike Oldfield sind hörbar, insbesondere in der Art, wie sich Themen schichtweise aufbauen und wieder auflösen. Dennoch bleibt Syrinx Call eigenständig, nicht zuletzt durch die konsequente Verbindung von Konzept, Klangfarbe und erzählerischem Anspruch.
„Mirrorneuron 2“ ist ein Album, das sich Zeit nimmt und diese auch vom Hörer einfordert. Es funktioniert weniger als Sammlung einzelner Songs denn als geschlossenes Klangnarrativ, das seine Wirkung erst im Ganzen entfaltet. Gerade die ungewöhnliche Instrumentierung wird dabei zum entscheidenden Faktor: Sie verleiht der Musik eine eigene Sprache und macht das zentrale Thema – die Entstehung von Empathie – auf eine Weise hörbar, die weit über den Text hinausgeht.
