Julian Sas in Bonn: Der Gitarrist, der sich die Finger blutig spielt

Julian Sas FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Am Ende floss Blut. Julian Sas hat sich förmlich die Finger blutig gespielt. Und diese aufrechte Leidenschaft des 46-jährigen Niederländers ist es wohl auch, warum seine Konzerte jedes Jahr in der Harmonie ausverkauft sind. Die Fans lieben die ehrliche Spielfreude des Gitarristen, dessen Konzerte in Bonn für Bluesrockfans seit 13 Jahren als fester Termin in den Novemberkalender gehören wie der 11.11. für die Jecken – dank Bernie „Mr. Music“ Gelhausen.

Von Cem Akalin

Julian Sas Band FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Julian Sas Band FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Julian Sas gehört zu den bodenständigen Musikern, ein bekennender Lokalpatriot, der es offensichtlich hasst, in Hotelbetten zu schlafen und nach seinem fast dreistündigen Konzert in der Harmonie wieder die Rückreise in sein beschauliches Leeuwen antritt. Der Mann ist sowas wie ein gutgeöltes Uhrwerk, der in der Zeiteinheit des 12-taktigen Blues läuft. Dass er sich da Zuhause fühlt, merkt man schon bei den ersten Takten.

Ausufernde Gitarrensoli, wo Sas seine Fingerfertigkeit zeigt, sind sein Markenzeichen bei Liveauftritten. Am besten gefällt er mir indes, wenn er sich von den gewohnten Pfaden der Bluespentatonik entfernt, wenn er neben seiner Liebe zu Hendrix, Gallagher und Alvin Lee auch mal seine John Coltrane-Seite zeigt. Das ist so überraschend, so auffallend gegen den Strich, dass es einfach eine Riesenfreude ist und man erst recht ins Staunen kommt über die Vielfältigkeit des sympathischen Holländers. Gerne mehr davon.

Roland Bakker FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Roland Bakker FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Frappierend ist auch sein Zusammenspiel mit der neuen Band, von der er ja im J&R-Interview gesagt hat, es sei seine bisher beste. Und da hat Julian nicht zu viel versprochen: Roland Bakker ist ein hervorragender Borderliner zwischen Blues, Rock und Jazz, der Sas mit seinen tollen Linien immer wieder antreibt. Schlagzeuger Rob Heinje ist eh eine konstante Stärke in der Band, und die Zwischenrufe aus dem Publikum zeigen, dass er jede Menge Fans hat. Viele Fans befürchteten ja, dass Tenny Tahamta am Bass nicht zu ersetzen sei. Fotis Anagnostou indes belehrt Skeptiker eines Besseren. Anagnostou hat einen sehr präsenten Sound, der ohne Umwege die Magengrube trifft, dazu ist er ein versierter und virtuoser Spieler, der sich keine Bluesschellen anlegen lässt. Und seine ausgelassene Aktivität auf der Bühne offenbart sich als segensreicher Gewinn für die Band. (Ein Video aus dem Konzert gibt es hier)

Fotis Anagnostou FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Fotis Anagnostou FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Songs wie „For The Lost And Found” sind ja schon geradezu Klassiker im Sas-Repertoire. Und so präsentiert Julian auch eine ganze Bandbreite seines Schaffens, spielt auch einige Stücke vom neuen Album, unter anderem das Titelstück „Coming Home“, wobei noch einmal klar wird, wie sehr sie sich doch vom bisherigen Werk unterscheiden. Julian Sas zeigt eine sehr reife Seite seiner Kompositionskraft.

Er hat sich von seinen Heroen endgültig emanzipiert. Die Stücke haben ein Eigenleben, in dem die Band als Ganzes agiert, und auch die Gitarre singt mehr. Der trockene Ansatz der frühen Jahre ist in einem aufblühendem Canto aufgegangen. Die Grenzen zu Jimi Hendrix, Duane Allman, Alvin Lee, Freddie King, Elmore James, Peter Green und wie die großen Bluesrockgitarristen sonst noch heißen mögen, die Julians musikalischen Weg bislang begleitet haben, sie sind längst übermalt von seiner eigenen Handschrift.

Rob Heinje FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Rob Heinje FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Julian Sas ist auf einem guten Weg, und man merkt, dass er sich befreit und wohlfühlt. Es ist Zeit, für ein neues Live-Album, und wie er im Interview andeutete, arbeitet er dran. Wenn es nur halb so gut wird wie der Auftritt in der Harmonie, dann wird es ein Geschenk für die Fans.