„Irgendwann wird man Kult – und später Legende“ – Interview mit Günther Sigl von der Spider Murphy Gang. Im Sommer im Brückenforum Bonn

Günther Sigl FOTO: Dieter Bichl

Von Münchner Kneipen bis zu ausverkauften Hallen: Die Spider Murphy Gang hat deutsche Musikgeschichte geschrieben. Die Bayern spielen am 12. Juni 2026 in Bonn – zum vierten Mal nach 1982 in den Rheinterrassen, 2002 auf der Museumsmeile und 2010 in der Rheinaue. Im Interview mit Dylan C. Akalin erzählt Frontmann Günther Sigl, wie aus einer Rock’n’Roll-Idee auf Bayerisch ein Dauerbrenner wurde – und warum selbst nach fünf Jahrzehnten noch keiner ans Aufhören denkt. Klar, dass Günther in breitem Bayerisch geredet hat, wir haben das Gespräch der Einfachheit halber ins Hochdeutsche transkribiert. 

JaR: Günther, wenn du heute auf die Spider Murphy Gang schaust – was überrascht dich selbst eigentlich am meisten?

Sigl: Ja, damals haben wir nicht gedacht, dass das 50 Jahre später immer noch Bestand hat. Nächstes Jahr feiern wir ja unser 50-jähriges Bandjubiläum. 1977 haben wir angefangen – im Jahr vom Tod von Elvis. Wir haben gesagt, wir müssen den Rock’n’Roll weiterleben lassen.

JaR: War das tatsächlich der Grund? Immerhin ist Euer Bandname ja ein Zitat aus „Jailhouse Rock“…

Sigl: Ja, genau. Der Rock’n’Roll soll weiterleben, haben. Wir uns gedacht, diesmal halt auf Bayerisch.

JaR: Was macht dir an der Band heute mehr Spaß als früher?

Sigl: Es ist entspannter. Man muss nichts mehr beweisen. Wenn man unterwegs ist, geht man locker auf die Bühne. Man muss nicht mehr dem Erfolg hinterherjagen – das haben wir alles schon hinter uns. Nummer-Eins-Hit, Millionen Platten verkauft, das war 1982. Danach ging es auch wieder zurück, später waren es vielleicht noch 500.000 – was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Das Geschäft hat sich komplett verändert. Aber wir waren immer live unterwegs, das hat immer Spaß gemacht.

JaR: Ihr seid euch immer treu geblieben…

Sigl: Und wir haben durchgehalten. In den 80ern hätten wir auch aufhören können, aber wir haben weitergemacht. Wir haben dann statt großer Hallen in Bierzelten gespielt – da waren teilweise 3.000 Leute drin. Manche haben gesagt, jetzt tingeln sie über die Dörfer. Aber wir wollten unsere Musik machen. Das waren keine Partyauftritte, das waren Konzerte – nur eben im Bierzelt.

Da waren Ortschaften mit 1.500 Einwohnern und 3.000 Leute im Zelt, weil die Feuerwehr 100 Jahre gefeiert hat. Und wir treffen heute noch Leute, die sagen: „Das war mein erstes Konzert damals im Zelt.“ Wir wollten nie aufhören. Wenn man durchhält, wird man irgendwann Kult – und später Legende.

Musik in Amiclubs gespielt

JaR: Der Erfolg kam ja relativ plötzlich. Wie war das, als ihr gemerkt habt: Jetzt sind wir ganz oben?

Sigl: Das ist einfach passiert. Wir wollten nie Superstars werden, sondern von der Musik leben. Ich habe schon 1971 meinen Bankjob an den Nagel gehängt und Musik gemacht, vor allem in US-Kasernen. 1977 haben wir dann in München angefangen.

Das Ziel war einfach, keinen normalen Job mehr zu brauchen. Mein Vater hat mir meine erste Gitarre für 40 D-Mark gekauft – da war ich total begeistert. Dass ich das heute noch machen kann, ist ein Privileg. Ich bin ja jetzt 79 geworden.

JaR: Eure Musik ist eine Mischung aus Rock’n’Roll, Doo-Wop, Schlager und mehr. Ist das aus eurer Vergangenheit entstanden?

Sigl: Ja. Wir haben in den Amiclubs gespielt und wollten dann in München Fuß fassen. Damals gab es viele Musikkneipen, jeden Tag hat irgendwo eine Band gespielt. Oft Dixieland – wir haben immer gesagt „Bier-Jazz“.

Wir wollten mit unserem Rock’n’Roll auch einen festen Platz bekommen. Der entscheidende Moment war dann der Radiomann Georg Kostya. Ich sage immer: Der hat uns gezwungen, Bayerisch zu singen. Das war im „Zündfunk“, da gab es die Sendung „Rockhaus“.

Wir haben dafür den Titelsong geschrieben und gemerkt: Auf Bayerisch funktioniert das viel besser. Auf Englisch greift man schnell zu Klischees.

Dann haben wir jeden Monat neue Songs gemacht, und nach einem Jahr hatten wir genug Material für eine Platte.

„Rendezvous“ und eigene Erlebnisse

JaR: Auf der ersten Platte ist auch „Rendezvous“. Ein schöner Titel. Wie viel davon ist autobiografisch?

Sigl: Das ist eine Mischung. Ich habe oft eigene Erlebnisse verarbeitet – Geschichten übers Anbandeln, übers Aufreißen. Das ist ja ein ewiges Thema.

Rock’n’Roll hat das immer schon gemacht, oft mit Umschreibungen. „Rendezvous“ ist auch so eine Umschreibung. Oder später „Zwei Zigaretten auf der Schultoilette“ – das sind persönliche Sachen. Ich habe selten reine Fantasietexte geschrieben.

JaR: „Skandal im Sperrbezirk“ basiert ja auch auf echten Ereignissen.

Sigl: Ja. In München wurden damals Prostituierte aus der Innenstadt verdrängt. Die durften nur noch außerhalb arbeiten. Der „Skandal“ war dann, dass sie trotzdem inseriert haben – mit Telefonnummern in Zeitungen. „Rosi, ruf mich an“ und so.

Das habe ich damals verfolgt, auch vor der Olympiade. Das war immer wieder Thema in der Presse.

JaR: Stimmt es, dass Leute wegen des Songs Telefonnummern ändern mussten und ihr zahlen musstet?

Sigl: (lacht) Ja. Wir haben damals schon geschaut, ob es die Nummer gibt – aber nur in München. Dass der Song im ganzen deutschsprachigen Raum ein Hit werden würde, haben wir ja nicht geahnt.

Dann haben Jugendliche nachts irgendwo angerufen und „Rosi“ verlangt. Da waren oft ältere Frauen dran, die nichts damit anfangen konnten. Wir haben dann Briefe von Anwälten bekommen, mussten Telefonnummern ändern lassen und viele Blumensträuße verschicken.

Alle stehen auf und singen mit

JaR: Hättest du gedacht, dass dich dieser Song so lange begleitet?

Sigl: Nein. Aber der hat bis heute eine unglaubliche Power. Wenn der erste Akkord kommt, geht der Saal ab. Alle stehen auf und singen mit. Das ist schon besonders.

JaR: Was hat der Song, was andere nicht haben?

Sigl: Das war auch ein Zufall. Er kam genau zur Zeit der Neuen Deutschen Welle raus. Deutschsprachige Musik war gerade angesagt.

Ich habe den Song in einer Nacht geschrieben. Michael, unser Pianist damals, der wollte ein neues Instrument ausprobieren und hatte das in unseren Übungsamt mitgebracht. So einen Synthesizer – das hat dem Ganzen einen modernen Touch gegeben. Und das Thema war für die damalige Zeit ungewöhnlich. Manchmal braucht man ja ewig für einen Song. Aber der war ruckzuck fertig.

Günther Sigl ist Frontmann der Spider Murphy Gang FOTO: Dietr Bichl

JaR: Gibt es Songs von euch, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten?

Sigl: Ja. Wir hatten oft Humor und ein Augenzwinkern in unseren Songs , so eine, wie man bei uns sagt, Hinterfotzigkeit, aber auch Themen wie Doppelmoral. Zum Beispiel „A nackerte Prinzessin“, das war von uns eine satirische Kritik an bürgerlicher Doppelmoral, strenger Kontrolle und übertriebener Prüderie. 

JaR: Oder „Amerika“ …

Sigl: …von 1987 – ein kritischer Song. Wenn man den heute hört, ist der aktueller denn je. Ich habe gerade unser Repertoire durchgeschaut, da sind viele Stücke dabei, die man wieder spielen könnte, weil sie nichts an Aussagekraft verloren haben. 

1987 habe ich den Song geschrieben als Reaktion auf Reagans Rüstungspolitik: „Amerika Amerika sog wo gehst Du hi / Du warst doch oiwei mei Ideal für Freiheit und Demokratie…“ Den Song könnte man mal wieder auflegen, wo die Demokratie in Amerika mit der Mega Bewegung da schwer unter Druck ist. Und bei uns ist es ja nicht viel anders. Mit Björn Höcke (AfD) und Konsorten . So einen Rechtsruck hätte ich mir nie vorstellen können, wo wir damals ja die Befreiung von den Nazis gefeiert haben, und die Amerikaner waren ja die Befreier für uns. Wir dachten, wir mit den dunklen Zeiten sei es vorbei:

„Amerika Amerika laß Di doch ned so geh‘
Wenn i Di heit so oschau Baby duad mir mei Herz so weh
Dein oidn Cowboy und seine Bombn find i ned so toll
Schick uns doch liaba a bisserl von dem guadn oidn Rock’n’Roll…“

JaR: Sind solche kritischen Songs heute zu selten?

Sigl: Schwer zu sagen. Ich verfolge die aktuelle Szene nicht mehr so. Ich gehe kaum auf Konzerte und höre wenig Radio. Im Rap gibt es schon deutliche Texte, aber insgesamt kann ich das nicht beurteilen.

Tour durch die DDR

JaR: Ihr habt sogar in der DDR gespielt. Wie war das?

Sigl: Das war November 1983, elf Konzerte, glaube ich. Eigentlich wollten wir eine Europatour machen, aber das Interesse war in Schweden, Finnland oder Spanien nicht so groß. Dann kam die Anfrage aus der DDR. Da war ja noch der eiserne Vorhang. Und das war für uns natürlich schon ein Erlebnis. In Dresden haben wir nicht gespielt. Das lag im Tal der Ahnungslosen. Die haben uns wahrscheinlich nicht gekannt. Unsere erste Tourneestation war ein kleines Theater in Glauchau mit 600, 700 Leuten. Aber da waren Tausende vor der Halle. Die Jugendlichen kannten uns, weil sie West-Radio gehört haben. Mit der Tour waren wir sogar in den Tagesthemen, und das ZDF hat eine ganze Doku gedreht. Das war schon irre.

JaR: Gab es Auflagen?

Sigl: Wir hatten keine Auflagen. Wir konnten sogar unseren aktuellen Hit singen: „I wander aus“. Und das bei Zeilen wie „Ja, i wander aus/I geh nach Kanada/Ich mache mich auf die Socken/Egal, wie’s weitergeht/Ich lasse mich nicht verlocken/Egal, was in der Zeitung steht“. Der Udo Lindenberg war ja auch in der DDR, und ja, BAP haben die Tour wegen Auflagen abgesagt. Aber wir hatten tatsächlich keine.

Gleichzeitig hat man gesehen, wie es dort wirklich war. Viel war nur Fassade. Hinter den Häusern waren Stützen, damit sie nicht einstürzten. Und diese Luft, Rauch, Staub und Industriegestank in in der Luft.– das war schon prägend.

JaR: Ihr kommt diesen Sommer zum vierten Mal nach Bonn. Ihr wart 2010 in der Rheinaue, 2002 auf der Museumsmeile und 1982 in den Rheinterrassen.

Sigl: Das weiß ich noch.

JaR: Wirklich?

Sigl: Ja, da ist einer auf den Lautsprecher raufgesprungen.

JaR: Wer war das?

Sigl: Der Barny Murphy, unser Gitarrist. Wir hatten damals teilweise ein Trampolin auf der Bühne, da ist er mit der Gitarre drauf rumgesprungen. Wir waren junge Burschen, voller Elan. Plötzlich hatten wir eine Nummer eins und haben gar nicht gewusst, was mit uns passiert.

Wir waren in der Bravo, Titelstories, Home-Stories – auf einmal waren wir Superstars. Und dann natürlich raus aus Bayern, weil wir plötzlich überall erfolgreich waren, in Deutschland, Österreich, Schweiz.

JaR: Und die Rheinländer haben euch gut empfangen?

Sigl: Ja, sowieso. Wir waren oft in Köln, im E-Werk, im Tanzbrunnen – auch mit Status Quo.

Wir haben sogar schon für Karnevalsgesellschaften gespielt. Und unsere erste Platte haben wir in Köln aufgenommen, weil unser Produzent dort war. Also wir hatten immer eine Verbindung ins Rheinland.

JaR: Günther, ganz lieben Dank für das Interview. Ich freue mich, wenn wir uns im Sommer in Bonn sehen.

Sigl: Ich freue mich auch. Servus, bis dann.