Dichte Klangschichten, radikale Dynamikwechsel und ein Drummer als heimlicher Erzähler: Mit ihrem neuen Album „The Phantom Void“, das am 10. April erscheint, treiben Long Distance Calling ihr Konzept auf die Spitze. Drummer Janosch Rathmer spricht über Sound als Erlebnis, kreative Eigensinnigkeit – und warum man Musik zuerst für sich selbst machen muss.
Von Dylan C. Akalin
JaR: In was für einem mentalen Zustand muss man eigentlich sein, um solche Klangwelten zu erschaffen? Ist das für euch eher ein Prozess maximaler Kontrolle oder so etwas wie ein bewusster Kontrollverlust?
Janosch Rathmer: Interessante Frage. Ich glaube, ehrlich gesagt ist es eine Mischung aus beidem. Zu kontrolliert an Musik heranzugehen – da läuft man schnell Gefahr, dass das Ganze zu verkopft wird. Und auf der anderen Seite, wenn man komplett kopflos rangeht, verliert man manchmal auch ein bisschen den roten Faden. Deswegen würde ich sagen: Es ist eine Mischung aus beiden.
JaR: Der Albumtitel The Phantom Void suggeriert ja eine Leere, also etwas Abwesendes. Gleichzeitig finde ich die Stücke sehr dicht und detailreich. Ist diese „Phantomleere“ für euch ein konzeptioneller oder ein emotionaler Raum?
Janosch Rathmer: Auch da würde ich sagen: beides. Du hast vollkommen recht, die Stücke sind sehr dicht und komprimiert. Das ganze Album ist ja nicht nur ein Jubiläumsalbum zu 20 Jahren Long Distance Calling, sondern auch so ein bisschen die Essenz dessen, was uns als Band ausmacht. Es ist auch unser kürzestes Album. Auf der anderen Seite brauchten wir einen Namen für diese Figur, die man auf dem Album sieht und die auch in den Videos vorkommt. Da passte „Phantom Void“ ganz gut, weil es auch etwas mit innerer Leere zu tun hat. Das mag dem Zeitgeist geschuldet sein, obwohl das überhaupt nicht unsere Intention war. Es ist kein Konzeptalbum dieses Mal. Es ist eher eine Geschichte, die wir erzählen wollen und hat eigentlich keinen direkten Bezug zur aktuell vorherrschenden Situation. Aber unterbewusst spielt das natürlich immer eine Rolle. Diese Albträume, diese innere Leere – und auf der anderen Seite ist die Musik dann oft der krasse Gegensatz dazu.
John Carpenter als Vorbild
JaR: Wenn man sich eure Musik anhört – nicht nur auf diesem Album, ich habe euch ja auch schon live gesehen – wirken die Stücke oft wie Bewegungen durch unterschiedliche Räume, fast wie Szenenwechsel in einem Film. Denkt ihr beim Komponieren in Bildern, in Geschichten oder in Atmosphären?
Janosch Rathmer: Wir denken meistens schon in Atmosphären. Dadurch, dass wir wussten, dass ein Film zum Album entstehen wird, war das irgendwo im Hinterkopf. Aber der Film stand noch nicht, als wir das Album geschrieben haben. Das heißt, wir haben keinen Soundtrack zu einem bestehenden Film geschrieben. Das wäre nochmal eine ganz andere Herangehensweise. Was uns aber sehr wichtig ist, sind Dynamiken und Stimmungswechsel. Ich finde es schön, wenn ein Song ruhig beginnt und fast schon fröhlich ist und dann plötzlich kippt – wie so eine Art Unfall. Aber am Ende muss das natürlich Sinn ergeben und darf nicht so wirken, als hätte man zwei Parts einfach zusammengeklebt. Genau daran arbeiten wir oft sehr lange, dass diese Übergänge schlüssig sind.

JaR: Ich muss gestehen, ich bin absoluter Schlagzeugfreak. Gerade bei progressiver Musik ist das für mich wahnsinnig wichtig.
Janosch Rathmer: Für mich auch. (lacht)
JaR: Und dein Schlagzeugspiel wirkt auf dem Album extrem präsent, fast wie eine erzählerische Instanz innerhalb der Stücke. Denkst du beim Spielen in dramaturgischen Bögen oder eher in Sounds? Wie stark bist du in die Kompositionsprozesse involviert?
Janosch Rathmer: Ich mache mal den zweiten Teil zuerst: Ich bin komplett involviert. Viel mehr, als wenn man in einer Band spielt, wo jemand fertige Songs mitbringt. Bei uns entsteht das gemeinsam. Es gibt Songs – zum Beispiel „Nocturnal“ –, da stand zuerst eine Drum-Idee und darauf hat sich der Song aufgebaut. Bei anderen Songs kommt die Idee von der Gitarre. Das geht alles Hand in Hand. Und das Schlagzeug ist, glaube ich, oft ein unterschätztes Instrument. Man ist als Drummer schon maßgeblich dafür verantwortlich, wie sich ein Song dramaturgisch entwickelt und wie sich Leute dazu bewegen.
Der Song muss immer im Fokus bleiben
JaR: Aber tatsächlich klingt eure Musik ja auch durch diese Vielschichtigkeit und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Instrumente tatsächlich wie ein Kollektivergebnis.
Janosch Rathmer: Das ist es auch, ja. Und das ist uns, also dafür bin ich auch dankbar, dass man sich da als Musiker so ausleben kann. Natürlich. Und natürlich finde ich auch bei anderen Schlagzeugern die Sachen inspirierend, wo der Drummer auch eine sehr übergeordnete Rolle spielt.
JaR: Und wie denkst du beim Spielen selbst?
Janosch Rathmer: Ich denke eigentlich immer: Was tut dem Song gut? Das ist mir das Wichtigste. Ich will nicht ständig zeigen, was ich alles kann, auch wenn es Parts gibt, wo mehr passiert. Aber der Song darf nie aus dem Fokus geraten. Es geht darum, wie er fließt und wie ich das mit meinen Drums unterstützen kann. Sounds kommen eher später, im Studio oder schon im Demo-Prozess. Ich habe ein eigenes Studio, wo ich viel vorproduziere. Aber am Anfang steht immer der Song.
JaR: Du hast eben andere Schlagzeuger erwähnt – welche Vorbilder hast du?
Janosch Rathmer: Ich habe angefangen mit Schlagzeugspielen als riesiger Fan von Iron Maiden, vor allem von Nicko McBrain. Ich finde nach wie vor, dass er einen ganz eigenen Stil hat. Er ist vielleicht nicht der größte Techniker, aber wie er seinen Sound geprägt hat, ist beeindruckend. Und dann ist da Gavin Harrison von Porcupine Tree – jemand, der sehr im Fokus steht, aber nie den Song aus den Augen verliert. Er spielt nie irgendetwas, um zu beweisen, dass er ein toller Drummer ist, sondern er lässt das eigentlich nur durchblitzen, wenn es den Song irgendwie weiterbringt. Und das finde ich total beeindruckend.

JaR: Das Album beginnt mit „Mare“ – ein sehr düsterer Einstieg, fast wie ein Vorspann zu einem Film. War das bewusst so angelegt?
Janosch Rathmer: Ja, total. Auch im Hinblick auf den Film. Es sollte eine einlullende, leicht düstere Atmosphäre sein, die einen reinzieht. Wir haben irgendwann mal John Carpenter live gesehen, das war sehr inspirierend. Diese Sounds machen einfach etwas mit einem. Deswegen hat dieses Intro total Sinn gemacht.
Klangexperimente in Rothenburg an der Fulda
JaR: „The Spiral“ fällt durch viele Breaks und Tempowechsel auf und wirkt trotzdem sehr organisch. Gleichzeitig haben die Drums einen extrem harten, charakteristischen Sound, so als seien die Felle extrem hart gespannt. Auf anderen Nummern kommt noch dieser leichte Hall dazu… Wie wichtig ist dir dieser Klang?
Janosch Rathmer: Sehr wichtig, aber wir verändern nicht bei jedem Song alles komplett. Diesmal wollten wir einen knackigeren Sound mit mehr Attack. Das haben wir schon im Vorfeld entschieden – unter anderem durch eine andere Fellauswahl. Außerdem haben wir ein Studio in Rothenburg an der Fulda gewählt, in dem wir viel mit Hallräumen arbeiten können. Da gibt es zum Beispiel einen Treppenflur, ähnlich wie bei alten Aufnahmen etwa von Led Zeppelin. Dadurch kann man sehr direkte und sehr große, räumliche Sounds kombinieren. Ich habe mal einen Job gemacht, wo ich Schlagzeug gespielt habe, das wurde auch dort aufgenommen. Da habe ich gedacht, da müssen wir auch mal eine Long Distance Calling-Platte machen, weil der Sound total geil ist. Man kann dort mit diesen Hallräumen unheimlich gut spielen.
JaR: Bei „A Secret Place“ gibt es dieses sehr prägnante Drum-Intro und danach diese unglaublich differenzierte Klanglandschaft. Den sehr knalligen Drums folgt diese sanft gezupfte Gitarre, dann setzt die nächste Gitarre ein. Das ist ein Wahnsinns Sound über Kopfhörer. Wie entsteht so ein Stück?
Janosch Rathmer: Meistens gibt es einen Ausgangspunkt – ein Gitarrenriff, einen Drumgroove oder eine Synthie-Melodie. Dann entwickelt sich das weiter. Wir arbeiten viel mit Demos, nehmen Dinge auf, hören sie uns an, verändern sie wieder. Wir schauen, wo es vielleicht noch Längen gibt, Atmosphären noch nicht richtig ausgearbeitet, irgendwie kann die Melodie vielleicht noch ein bisschen bearbeitet werden, der Drumbeat auch noch…. Also es gibt so verschiedene Evolutionsstufen eines Songs, bis dann geht man in das Studio, da ist man auch eher so bei 90 Prozent. Das sind verschiedene Evolutionsstufen, bis wir irgendwann ins Studio gehen. Da sind wir vielleicht bei 90 Prozent und lassen uns bewusst noch Raum, um Dinge zu verändern. Das ist eigentlich immer so ein Schichten, bis man dann am Ende bei dem Ergebnis ist, mit dem man zufrieden ist.
Viele Details für Entdecker
JaR: Denkt ihr beim Komponieren tatsächlich in solchen Schichten? Bei „Nocturnal“ hatte ich das Gefühl, dass ihr sehr stark mit Nähe und Ferne arbeitet, fast wie mit verschiedenen Räumen. Man fliegt durch diesen Song geradezu. Da tauchen Gitarren auf und verschwinden wieder. Da sind sehr treibende Riffs. Denkt ihr tatsächlich beim Komponieren in solchen Räumen, also in Schichten, wie du es gerade gesagt hast?
Janosch Rathmer: Ja, schon. Es geht immer um die Balance: Wie dicht kann man etwas machen und wie viel Platz lässt man den einzelnen Instrumenten? Gerade Dave und ich legen auch zu Hause großen Wert darauf, bewusst Musik zu hören – und darauf, dass ein Album zum Beispiel über Kopfhörer wirklich gut funktioniert, so wie du es ja auch beschrieben hast. Uns ist wichtig, dass der Sound am Ende tatsächlich etwas mit einem macht und man nicht das Gefühl hat, immer wieder dasselbe generische Album zu hören. Heutzutage wird vieles sehr gleichförmig produziert, und wir versuchen bewusst, dem etwas Eigenes entgegenzusetzen – durch unterschiedliche Räume, durch verschiedene Sounds, durch Ideen, die wir gezielt anders umsetzen. Uns ist dabei durchaus bewusst, dass viele dieser Details oder „Spielereien“ vielleicht nur von einem kleinen Teil der Hörer wirklich wahrgenommen werden – vielleicht von zehn Prozent. Aber letztlich machen wir das in erster Linie für uns selbst. Ich finde es wichtig, da zunächst sehr egoistisch ranzugehen und zu sagen: Es muss uns gefallen, unabhängig davon, was andere denken. Denn nur wenn wir selbst überzeugt sind, können wir das auch glaubwürdig transportieren – und dann erreicht es im besten Fall auch die Hörer.

JaR: Wie sehr habt ihr im Blick, wie sich das live umsetzen lässt?
Janosch Rathmer: Schon, aber wir machen uns da keine großen Sorgen. Wir haben einen sehr guten Soundmann, der uns seit vielen Jahren begleitet. Der ist extrem wichtig für uns. Wenn es mal nicht gut klingt, liegt das meistens am Raum, nicht an uns oder ihm.
JaR: Mir ist aufgefallen, dass die Toms bei dir eine sehr zentrale Rolle spielen. Empfinde ich das richtig, dass du eher „fellorientiert“ spielst?
Janosch Rathmer: Das würde ich so nicht sagen. Ich habe mittlerweile auch ziemlich viele Becken im Einsatz, gerade auch Effektbecken, die hier und da auftauchen. Aber es stimmt schon: Die Toms stehen bei uns oft im Fokus. In den Parts, in denen sie eingesetzt werden, prägen sie den Sound sehr stark. Gerade bei unserer Musik geben sie dem Ganzen eine gewisse Fülle und etwas sehr Mächtiges. Da wir keinen Gesang haben, ist es wichtig, dass der Rhythmus auch mal Räume füllt – und dafür eignen sich Tom-Grooves natürlich besonders gut. Deshalb entsteht vielleicht schnell der Eindruck, dass das Spiel stark auf die Toms fokussiert ist. Mein Set hat sich über die Jahre deutlich vergrößert, aber die Becken sind mir genauso wichtig. Am Ende konzentriert sich vieles natürlich auf Hi-Hat, Snare und Bassdrum – das sind die zentralen Elemente. Aber wenn ich fünf Toms aufbaue, dann will ich sie auch nutzen. Die sollen ja nicht nur gut aussehen, sondern auch gespielt werden.
Was geht in einem Drummer eigentlich vor?
JaR: Wenn ich euch live sehe, frage ich mich oft, was eigentlich in einem vorgeht, während man spielt – gerade bei komplexeren Sachen, wie im Jazz oder Progressive-Bereich. Zählt man da noch mit oder passiert das eher intuitiv?
Janosch Rathmer: Das ist total unterschiedlich. Manchmal ist man komplett im Moment und ganz bei der Musik. Und manchmal ertappt man sich dabei, dass man während eines Songs, den man schon hundertmal gespielt hat, plötzlich darüber nachdenkt, was es später zu essen gibt. (lacht) Es kommt wirklich darauf an. Aber grundsätzlich ist es so: Wenn ein Konzert gut läuft, ist man sehr präsent im Augenblick. Ich denke beim Spielen aber nicht bewusst ans Schlagzeugspielen – das passiert einfach. Natürlich gibt es ein paar Stellen, die nicht schiefgehen dürfen, da ist man besonders konzentriert. Und als Drummer ist man ohnehin ein bisschen in der undankbaren Rolle: Wenn sich der Gitarrist verspielt, merkt das im Zweifel kaum jemand. Wenn du dich als Drummer verhaust, kann es sein, dass der ganze Song auseinanderfällt. Dann bist du derjenige, bei dem es sofort auffällt. Das ist schon manchmal so. Wenn sich ein Gitarrist verhaut, denkt man: Okay, hat keiner gemerkt. Wenn mir das passiert wäre, hätten wir jetzt ein echtes Problem.
JaR: Zum Schluss noch zu möglichen Einflüssen: „Sinister Companion“ hat für mich etwas Psychedelisches, erinnert ein wenig an Pink Floyd. Und beim Titeltrack höre ich stellenweise Mike Oldfield heraus. Sind solche Referenzen bewusst?
Janosch Rathmer: Teils, teils, würde ich sagen. Beim Titeltrack sind die Drums tatsächlich ziemlich frech – fast schon unverschämt – von Phil Collins beziehungsweise seinem Song „In the Air Tonight“ inspiriert. Da wird wahrscheinlich jeder sagen: „Das kann man eigentlich nicht bringen.“ (lacht) Aber wir hatten diesen speziellen Schlagzeugraum, wir hatten die Toms – und dann musste das einfach sein. Ansonsten passiert vieles eher unbewusst. Pink Floyd ist zum Beispiel eine Band, auf die wir uns alle einigen können und die für uns schon eine gewisse Rolle spielt. Wir kommen ja aus ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen, haben aber alle irgendwo einen Metal-Background. Das hört man auf dem Album auch immer wieder, weil es für unsere Verhältnisse durchaus härtere Passagen gibt.
JaR: Also eher ein natürlicher Prozess?
Janosch Rathmer: Ja, irgendwie schon. Wir setzen uns nicht hin und sagen: „Jetzt schreiben wir einen Song, der so oder so klingen soll.“ Das würde wahrscheinlich auch unsere eigene Identität verwässern. Bewusste Zitate kann man natürlich einbauen, aber das passiert bei uns eher selten – abgesehen von dem einen Beispiel, das man wirklich nicht überhören kann. Ansonsten sind es eher Einflüsse. Musik, mit der man sich intensiv beschäftigt, hinterlässt automatisch Spuren im eigenen Songwriting. Wenn man selbst ein echter Musikfan ist, lässt man sich zwangsläufig inspirieren – und das kann aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen. Da sind wir sehr offen.
JaR: Vielen Dank für das Gespräch!
Janosch Rathmer: Sehr gerne!