I’ll Be Your Mirror – A Tribute to the Velvet Underground & Nico – mit Michael Stipe, Matt Berninger, Kurt Vile, Fontaines D.C., Iggy Pop u.v.m.

I’ll Be Your Mirror – A Tribute to the Velvet Underground & Nico

VÖ: 24.09.2021 

Michael Stipe / Matt Berninger Sharon Van Etten w Angel Olsen / Andrew Bird &Lucius / Kurt Vile / St. Vincent & Thomas Bartlett / Thurston Moore feat Bobby Gillespie / King Princess / Courtney Barnett / Fontaines D.C. / Iggy Pop Matt Sweeney 

+++ Auszug aus dem Albumtext von Anthony DeCurtis – den vollen Text findet ihr unten verlinkt oder hier: Velvet Underground Tribute kompletter Text +++

…Die Band hatte die Grenzen dessen, was Rock & Roll sein konnte, was diese Art von Musik zum Ausdruck bringen konnte, mit dieser einen LP komplett neu abgesteckt. Am Tag der Veröffentlichung war das Genre „Alternative Rock“ entstanden, hatten sie die Blaupause für Punk, Grunge und jede andere Art von vertonter Rebellion erschaffen…

…Es war kein Blockbuster – und alle Mitwirkenden waren dementsprechend enttäuscht über die doch eher überschaubaren Verkaufszahlen. Gerade wenn man bedenkt, wie sehr die Beteiligten auf den Faktor Provokation gesetzt hatten – Andy Warhol hatte etwa Lou Reed dazu gebracht, keines der „dirty words“ aus den Texten zu streichen –, fielen die Reaktionen der Medien überraschend zurückhaltend aus.

…Wer sich jedoch wirklich auf die Musik einließ, sich mit ihr auseinandersetzte und sie auf sich wirken ließ, erkannte sofort, dass The Velvet Underground & Nico ein musikalisches Ereignis war – ein Meilenstein. Auch machte sich bereits wenig später der Einfluss dieses Albums auf andere Werke bemerkbar: Es war der Auftakt eines kreativen Infiltrationsprozesses, der bis heute anhält. David Bowie spielte „I’m Waiting For The Man“ schon, als der Longplayer noch gar nicht erschienen war, und auch The Yardbirds, damals noch mit Gitarrist Jimmy Page, nahmen den Song ins eigene Live-Repertoire. Der Beatles-Manager Brian Epsteinzeigte sich überaus interessiert an einer Zusammenarbeit, und Mick Jagger verwies auf Velvet Underground als Inspirationsquelle für den Track „Stray Cat Blues“ vom Album Beggars Banquet.

Auch wenn das alles natürlich riesige Namen sind, die sich da vor langer Zeit beeindruckt zeigten, geht der Einfluss von The Velvet Underground & Nico weit darüber hinaus. The Velvet Underground hätten tatsächlich nur dieses eine Album aufnehmen müssen: Sie wären trotzdem bis heute eine der wichtigsten und einflussreichsten Bands der Rockgeschichte.

…Als Beweis dafür reicht ein flüchtiger Blick auf die Tracklist von I’ll Be Your Mirror: A Tribute to the Velvet Underground & Nico, einem packend-zeitgenössischen Blick aufs Debüt der Velvets, auf dem sämtliche Stücke des Erstlings von Vertreter*innen der nachfolgenden Generationen interpretiert wird. Entstanden ist das Album unter Aufsicht von Executive Producer Hal Wilner, Reeds gutem Freund und Produzenten, der im Frühling letzten Jahres ebenfalls verstarb.

…Von der minimalistischen, maximal geerdeten Interpretation des Titelstücks, die Courtney Barnettaufgenommen hat, bis hin zu St. Vincents eindringlicher Zusammenarbeit mit dem Keyboarder Thomas Bartlett („All Tomorrow’s Parties“, Warhols Lieblingssong der Band), geben auch hier immer wieder Frauen den Ton an. Sharon Van Etten steuert eine hypnotische Interpretation von „Femme Fatale“ bei, das Reed ursprünglich über Warhols Proto-It-Girl Edie Sedgwick geschrieben hatte, wozu Angel Olsen die Backing-Vocals eingesungen hat. Auch queere Perspektiven sind zu hören, wenn King Princess „There She Goes Again“ anstimmt, jene verstörende Ode über Sex und Eifersucht.

…Während der avantgardistische Spirit der Velvets immer wieder aufflammt im Verlauf des Albums, schimmern mitunter auch andere Züge durch: Das aufbrausende, gitarrenverstärkte „Run Run Run“ von Kurt Vile & the Violators erinnert einen sofort daran, dass The Velvet Underground manchmal auch eine richtige Rockband sein konnten. Michael Stipe, dessen einstige Band R.E.M. in den Achtzigern eine zentrale Rolle dabei gespielt hat, Reed & Co. wieder aus der Versenkung zu holen, lässt sich von dessen „Sunday Morning“-Originaltext inspirieren – und macht aus dieser schrägen, verstörenden Ballade seinen eigenen, ganz persönlichen Song. Andrew Bird und Lucius teilen sich das Mikrofon für eine stürmische Version der S&M-Hymne „Venus In Furs“, und Matt Berninger von The National nimmt erst mal den Druck aus „I’m Waiting For The Man“, was dem Stück einen absolut passenden Beigeschmack von zittriger Junkie-Panik gibt. Schrill und betörend klingt „Heroin“, wenn sich der Schotte Bobby Gillespie (Primal Scream) und Alternative-Rock-Pionier Thurston Moore gemeinsam diesen zeitlosen Schuss setzen. Zum Finale dürfen Fontaines D.C. aus Irland den „Black Angel’s Death Song“ in die Luft jagen, während Iggy Pop und Matt Sweeney den „European Son“ ausnehmen – jenen Song, den Reed seinem literarischen Vorbild und Mentor Delmore Schwartz gewidmet hatte.

…Gerade ein Schulterschluss von so vielen unterschiedlichen und einzigartigen Künstlerinnen und Künstlern, wie er auf diesem (Tribute-)Album zu finden ist, unterstreicht noch einmal das gewaltige Erbe von The Velvet Underground.