Ein letzter Dialog mit dem Klavier: Chick Corea „Forever Yours: The Farewell Performance“

Chick Corea FOTO: Motion Agency

Mit „Forever Yours: The Farewell Performance“ erscheint das bewegende Vermächtnis von Chick Corea: zwei Soloabende, aufgenommen im Oktober 2020, wenige Monate vor seinem Tod. Zwischen Mozart, Monk und eigenen Klassikern entfaltet sich noch einmal jene stupende Virtuosität und warmherzige Bühnenpräsenz, die den Pianisten zu einer der prägenden Figuren des modernen Jazz machten.

Mit Forever Yours: The Farewell Performance liegt nun jenes Dokument vor, das man sich nie gewünscht hat – und das doch unverzichtbar ist: die letzten Solo-Konzerte von Chick Corea. Vier Monate vor seinem Tod im Februar 2021 spielte der Pianist im Oktober 2020 zwei Abende in der Ruth Eckerd Hall – inspiriert, zugewandt, technisch in jener schwindelerregenden Souveränität, die ihn über Jahrzehnte nahezu konkurrenzlos machte. Das nun bei Candid Recordsveröffentlichte Doppelalbum ist Abschied und Essenz zugleich: ein intimes Resümee eines Lebens am Klavier.

Wie er die musikalischen Welten verbindet…

Corea war nie bloß Virtuose. Gewiss, diese Kaskaden, diese gläserne Präzision, diese federnde Artikulation – all das ist hier noch einmal in Vollendung zu hören. Doch was dieses Album so berührend macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der er musikalische Welten verbindet. Ein Mozart-Adagio steht neben Stevie Wonder, Monk neben Bud Powell, Eigenkompositionen neben Standards. Was wie ein stilistischer Flickenteppich wirken könnte, gerät unter Coreas Händen zur organischen Erzählung. Er zeigt nicht Gegensätze, sondern Verwandtschaften.

Chick Corea FOTO: Motion Agency

Schon Chick’s „Welcome“ öffnet den Raum mit jener warmen, familiären Ansprache, die sich durch den Abend zieht. Corea spricht mit dem Publikum, erklärt, scherzt, lädt ein. Diese ungeschnittenen Moderationen sind kein Beiwerk, sondern Teil der Kunst: Man erlebt nicht nur den Pianisten, sondern den Menschen.

Hommage an Stevie Wonder

„Armando’s rhumba“ perlt mit jener rhythmischen Raffinesse, die Coreas Affinität zu lateinamerikanischen Idiomen seit jeher prägte. „In It could happen to you“ zeigt sich sein Sinn für melodische Klarheit, während Overjoyed – die Hommage an Stevie Wonder – das Pop-Material in ein feinsinnig schillerndes Jazzgewand kleidet, ohne dessen Wärme zu verlieren.

Besonders eindrucksvoll gerät das „Adagio“ aus Mozarts Klaviersonate KV 322: Hier offenbart sich Coreas klassisches Fundament, sein Gespür für Form und Atem. Dass er anschließend mit ’round midnight von Thelonious Monk und trinkle tinkle (Monk und Bud Powell) in den Bebop-Kosmos eintaucht, wirkt nicht wie ein Stilbruch, sondern wie eine konsequente Fortsetzung des Gedankens: Struktur und Freiheit sind keine Gegensätze.

Mit „Waltz for Debby“ von Bill Evans und „In A Sentimental Mood“ von Duke Ellington verneigt sich Corea vor zwei weiteren Säulen seiner Ästhetik. Er spielt diese Stücke nicht als museale Reverenzen, sondern als lebendige Dialoge. Jede Phrase scheint neu befragt, jede Wendung liebevoll ausgeleuchtet.

Portrait-Improvisationen

Herzstück des Abends sind die Portrait-Improvisationen. Corea bittet Zuhörer auf die Bühne und erschafft aus ihrer bloßen Präsenz musikalische Miniaturen. portrait: sam und portrait: terri sind keine Gimmicks, sondern spontane Charakterstudien – verspielt, zärtlich, manchmal augenzwinkernd. Hier kulminiert jene Großzügigkeit, die viele Weggefährten an ihm rühmten.

Den Abschluss bildet ein kleiner Zyklus aus den Children’s Songs. Diese Miniaturen, oft unterschätzt, zeigen Coreas melodische Erfindungskraft in konzentrierter Form. Reduziert auf das Wesentliche, leuchten sie mit einer beinahe kindlichen Klarheit – ein stilles, versöhnliches Ausatmen.

Posthum einen Grammy bekommen

Corea, 1941 in Massachusetts geboren, war DownBeat-Hall-of-Famer, NEA Jazz Master und einer der meistnominierten Künstler der Grammy-Geschichte. Von seinen elektrischen Exkursionen mit Miles Davis bis zu kammermusikalischen Projekten spannte sich ein Werk, das den Jazz der letzten fünf Jahrzehnte entscheidend mitprägte. Dass sein Album „Trilogy 3“ 2026 posthum einen Grammy erhielt, unterstreicht nur, wie präsent sein Einfluss weiterhin ist.

Doch Zahlen und Auszeichnungen verblassen angesichts dessen, was Forever Yours vermittelt: die unmittelbare Begegnung mit einem Künstler, der bis zuletzt neugierig blieb. Man hört keinen Epilog, sondern ein lebendiges Konzert – voller Humor, Tiefe, Brillanz.

Dieses Album ist kein Denkmal aus Stein. Es atmet. Und gerade darin liegt seine Größe.